Andermatt

Konzerthalle

~Ulf Meyer

Das Bergdorf Andermatt im Kanton Uri, das seit dem Bau des Gotthard-Tunnels eine Periode des Niedergangs erlebt hat, dürfte weltweit das einzige mit einem Weltklasse-Konzertsaal sein. Etwa die Hälfte der Einwohner findet darin Platz. Möglich wurde dieses Missverhältnis durch die massiven Investitionen der Geschäftsgruppe Orascom, die hier Hotels, Wohnhäuser und Chalets baut. Ihr Leiter, Onsi Sawiris, ließ einen bestehenden unterirdischen Konferenz-Raum in eine repräsentative Konzerthalle mit guter Akustik umbauen, um den Gästen auch außerhalb der Skisaison etwas bieten zu können.

Trotz der schwierigen Ausgangslage hat die Architektin Christina Seilern, Wahl-Londonerin mit Schweizer Wurzeln, auf kleinem Raum ein Optimum erreicht. Sie hat den bestehenden Beton-Kasten aufschneiden und ein großes Stahldach darüber bauen lassen, das Raumvolumen verdoppelt und die Kapazität des Raums auf 663 Sitzplätze erhöht. Ein Eingangszylinder hilft dabei, den Saal und seinen Eingang überhaupt zu finden. Der Zugang erfolgt unabhängig vom benachbarten Hotel über ein gedrungenes Foyer mit schrägen Wänden aus facettiertem, reflektierendem Glas. Die gekrümmte Glasfassade unter dem neuen Dach erlaubt die natürliche Belichtung der Konzerthalle und visuelle Bezüge: Passanten können – sogar während einer Aufführung – in den Konzertsaal sehen und Zuhörer hinaus. Die Aussicht auf die Alpen ist spektakulär. Der Einblick ebenfalls, denn in Origami-Faltungs-Manier hat die Architektin helle, hölzerne Akustikpaneele eingefügt. Zusammen mit der Holzdecke und den schrägen Brüstungen des ersten Rangs ergeben sie eine überraschend gute Akustik. Drei beweglich aufgehängte Reflektoren können den Raumklang verändern. Trotz der Höhe von 12 m wirkt die Halle intim. Eine neunreihige Stufenplattform ist unter dem Hauptbalkon versenkbar und macht den Saal flexibel, auch für Konferenzen, Seminare und Feiern.

Zur Einweihung spielten die Berliner Philharmoniker. Große Orchesterkonzerte dürften aber die Ausnahme bleiben, denn dafür ist der Saal eigentlich zu klein. Stattdessen soll das ambitionierte Festival »Andermatt Music« unter Leitung von drei jungen britischen Produzenten mit Kammer-Ensembles und Solisten dazu beitragen, aus dem Bergdorf ein kulturelles Zentrum zu machen, das auch im Sommer Gäste anzieht.

Standort: Bärengasse 1, CH-6490 Andermatt
Architekten:
Studio Seilern Architects, London
Akustikberater: Kahle Acoustics, Ixelles, mit dUCKS scéno, Villeurbanne
Eröffnung:
Juni 2019

Programm: https://andermattmusic.com/