Kapelle der Stille

… Helsinki (FIN)

~Ulf Meyer

Vielleicht ist das die Zukunft des Sakralbaus im weltlichen West-Europa? Eine Kapelle mitten im berühmtesten Einkaufsviertel des Landes, ohne Gemeinde, ohne Pfarrer und ohne Gottesdienst: Nur ein 270 m² großer, urbaner »Raum der Stille« – das ist die neue Kapelle aus Holz nahe dem Hauptbahnhof, auf dem südlichen Teil des Narinkka-Platzes, der von großen Hotels und Einkaufszentren umgeben ist. Die neue Kapelle ist ein Ort der Einkehr mitten in der Großstadt. Von der höher gelegenen Simon-Straße aus erreichen Besucher zunächst einen kleinen Vorplatz, von dem aus eine Treppe zum Eingang der Kapelle hinabführt. Die gekrümmte Holzfassade aus gewachster Fichte wirkt, als sei sie von den Fußgängerströmen geschliffen worden. Das Tragwerk besteht aus riesigen Leimholzbindern. Der schützende, 11 m hohe, ovale Sakralraum wird durch ein schmales, umlaufendes Lichtband von oben mit gefiltertem Tageslicht versorgt. Die Innenwände bestehen aus dicken, geölten Erlen-Planken, die Möbel sind aus warm wirkender massiver Esche. Einziger Schmuck ist das silberne Altarkreuz von Antti Nieminen und ein Altartuch und andere Textilien von Tiina Uimonen. Ein Sozialdienst und von den örtlichen Gemeinden entsandte Betreuer stehen bei Bedarf den Einkehrenden Rede und Antwort. Dafür ist nebenan eine »Lounge« eingerichtet worden, die zugleich als gläsernes Podest für den Andachtsraum dient und den verschlossenen Solitär der Kapelle städtebaulich in seine Umgebung einbindet. Mit der Kapelle, die zum Programm von Helsinki als »World Design Capital 2012« zählt, ist nicht nur eine sehr schöne, sehr reduzierte, sehr finnische, hölzerne, moderne Raumschöpfung gelungen, sondern auch ein neuer, zeitgenössischer Typus von Sakralraum.
Standort: Narinkka, FIN-00100 Helsinki Architekten: K2S Architects, Helsinki (FIN) (Kimmo Lintula, Niko Sirola, Mikko Summanen) Fertigstellung: Mai 2012