Amtsgericht

Haßfurt, Amtsgericht

Die architektonische Moderne hat um die unterfränkische Kreisstadt am Main lange einen Bogen gemacht. Bau- und Einkaufsmärkte belagern die von der Bahntrasse Würzburg-Nürnberg und dem Flussbogen gefasste Altstadt, in deren historischer Osten-Vorstadt sich die spätgotische Ritterkapelle erhebt. Unweit davon erinnert der Name des Kreisverkehrs (EZO-Kreisel) an das vormalige Einkaufs-Zentrum Ost, das stets ein Avatar des Hässlichen war.

Heftiger Spott schlug dem Neubau des Amtsgerichts entgegen. Dabei hat der von Juramarmor ummantelte Quader das Zeug zur Landmarke in der zerklüfteten Vorstadt. Zumal, wenn man die Ritterkapelle mit dem diaphanen Wandaufbau ihres Chors in den Blick nimmt und gleichzeitig die ebenfalls diaphan gestaltete Außenhaut des Amtsgerichts auf den beiden Ebenen über dem zur Hofheimer Straße hin aufgeglasten Sockelgeschoss. Vom Straßenraum abgerückt, ruhen die OGs des in Stahlbetonbauweise errichteten Amtsgerichts auf drei Quadern, die im EG drei großzügig angelegte Verhandlungssäle aufnehmen. Hier ist der Beton mit gesägtem Muschelkalk verblendet, sodass für den Besucher eine Haus-im-Haus-Erfahrung entsteht. Über dem Foyer steigt ein Lichthof bis zum Flachdach auf. Die vertikale Ausrichtung wird in den OGs von geschosshohen Eichenholzlamellen betont. Es scheint, als habe den Architekten ein Nonnen-Oratorium oder doch wenigstens ein Kreuzgang vor Augen gestanden, als sie den beinahe klösterlich meditativen Umgang und die Emporen über dem Foyer entwarfen. Die Lichtstimmungen in den OGs sind jedenfalls erlebenswert, wenn man deshalb auch nicht gleich zu Gericht gehen sollte. Wer aus den Büroräumen in den beiden OGs auf die Flure hinaustritt, wird zum Beobachter des profanen Treibens im Foyer, verliert aber nicht die unparteiische Distanz dazu, die man sich als Richter immer wieder neu erarbeiten muss.

Schließlich geht aus den Bürofenstern der Blick auf das Panorama der Stadt oder hin zu den Haßbergen. Justitia kapselt sich also nicht von der Außenwelt ab, sie sucht hinter dem Lamellenvorhang allenfalls die Konzentration aufs Wesentliche. Und sie trägt ein zweckmäßiges und zeitlos elegantes Kleid. Bauteilaktivierung, Wärmepumpe, Eisspeicher und PV-Anlage erlauben zudem einen nahezu energieneutralen Betrieb des Gebäudes.

~Rüdiger Klein

Standort: Hofheimer Straße 1, 97437 Haßfurt
Architekten:
Nieto Sobejano Arquitectos, Berlin
Bauzeit:
Juni 2015 bis Juli 2018


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Roland Halbe »