Amsterdam

Erweiterung Gerrit Rietveld Academie

~Ulf Meyer

In einem »internen Wettbewerb« wurde die (damalige) Dozentin Paulien Bremmer für den Bau eines dritten Gebäudes auf dem Campus im Süden der Stadt ausgewählt. Zusammen mit Hochschulkollegen und Hootsmans Architekten hat sie ein Team zusammengestellt, um ein »Gebäude für interdisziplinäres Lernen« zu schaffen. Es gelang. Denn im Neubau wurden die Abteilungen der Akademie räumlich förmlich aufgebrochen: Im Wortsinn wurde – ohne Flure und Treppenhäuser – Theorie neben Praxis platziert: Die doppelgeschossige Bibliothek liegt neben der Holzwerkstatt und das Auditorium neben dem Filmstudio. Die Etagen und Funktionen sind über Treppen innen und außen miteinander verbunden.

Was die Architektin etwas doktrinär ein »kollektives Bildungsumfeld zum Experimentieren über Grenzen und Disziplinen hinweg« nennt, ist tatsächlich eine innere »Landschaft«, deren Glasfassade im EG und auch deren Streckmetall-Fassade im OG sich an vielen Stellen manuell öffnen lässt. Die Dachfläche eignet sich für Ausstellungen und Performances. Eine schöne und für eine Kunstakademie angemessene Idee sind die »weißen Räume«, die an fünf Stellen im Haus für gestalterische Beiträge von Dozenten und Studenten frei gehalten wurden: eine Keramikwand, Vorhänge für das Audimax, Garagen-Rolltore in den Ateliers sollen »die Interaktion im Raum erleichtern«, denn zum kreativen Arbeiten wird mal Ruhe und mal Anregung benötigt. Die Interieurs sind von Transparenz und visuellen Verknüpfungen geprägt; Geräte und kreative Prozesse sind visuell allgegenwärtig.

Von außen wirkt das weiße Rechteck zunächst als nichts Besonderes. Die metallisch-reflektierende Untersicht des auf allen Seiten auskragenden OGs gibt dem Neubau Eleganz und hilft bei der natürlichen Belichtung. Die entscheidende Qualität ergibt sich aus den Wegen und Passagen in, durch und auf das Gebäude. Als Referenz wird die nur wenige Blocks entfernt liegende Openlucht-Schule von Johannes Duiker von 1931 angegeben. Mit dem Erweiterungsbau, den Benthem & Crouwel 2004 dem 60er-Jahre-Hauptgebäude von Gerrit Rietveld gegenüber hochgezogen haben, ist der Neubau über eine Brücke verbunden. Die vielen Zu- und Eingänge erweisen sich, besonders zu Infektionszeiten, als sehr praktisch.

Das Gebäude ist angenehm un-technisch, natürlich belüftet und verschattet und nicht gekühlt. Die einzigen Farbtupfer sind bonbonfarbene Fußböden. Bremmers Architektur nimmt sich ansonsten zurück und versteht sich als bloße »Kulisse für Bildung und Austausch«, als soziales und interaktives Zentrum, »das Ideen, Gedanken und Werke hervorbringt«, soweit Architektur das befördern kann.

Standort: Fred. Roeskestraat 96, NL-1076 ED Amsterdam
Architekten:
Studio Paulien Bremmer / FedLev, Amsterdam,
mit Hootsmans architectuurbureau, Amsterdam
Einweihung:
Januar 2019, volle Nutzbarkeit seit September 2020

Gerrit Rietveld Academie, Amsterdam