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Foto: Brigida González, Stuttgart
Bad Mergentheim

Brennerei

~Christoph Gunßer

Auf einer engen Restfläche im Gewerbegebiet überrascht der zierliche, von vier Tonnengewölben bekrönte Showroom einer Brennerei. Der Bauherr betreibt nebenan eine Elektrowerkstatt und wollte seinem Hobby endlich einen repräsentativen Rahmen geben. »Wie eine Kirche« habe man den Raum konzipiert, erzählt er: Auf dem »Altar« im »Chor« stehen die beiden holzbefeuerten kupfernen Brennblasen, in denen die Früchte verarbeitet werden. Bis zu 50 Personen können am Brennvorgang teilhaben. Es werden kurze Vorträge, Führungen und Verköstigungen angeboten und über 40 verschiedene Destillate kreiert, die seitlich in bauchigen gläsernen Behältern aufgereiht stehen.

Man betritt den Hauptraum durch eine breite Glasfront, die von einer halbierten Deckenschale geschützt wird, und steht zunächst unter einer Empore, die von der Decke abgehängt ist. Sind die Außenwände komplett von vertikalen Holzlatten überzogen, so prägt den Innenraum robuster Beton: holzgeschalt an den Wänden, glatt gestrichen am Boden – es ist ja eine Werkstatt. Nur die Tonnengewölbe darüber sind komplett aus Holz. Jenes ganz hinten über dem Altar ist überhöht und wie am Zugang aufgeschnitten, sodass von Süden die Sonne hereinscheint – dort entweichen auch die beim Brennen entstehenden Gase. Die Bogenfelder der Tonnen sind ebenfalls verglast und lassen durch Latten in der Fassadenebene gefiltertes Licht herein. Da sich der Raumzuschnitt zum Altar hin verjüngt, entsteht eine Art Scheinperspektive: Der Raum wirkt dadurch länger. Seitlich schließen, unter einer niedrigeren Folge von Tonnendächern, Nebenräume an. Leider kann das bewegte Kleinod in der arg heterogenen städtebaulichen Situation wenig »atmen«. Das Ganze erinnert an alte Industriebauten, und es schwingt das Fass- oder Keltermotiv formal ebenso mit wie die bewegte Topografie des Taubertals. Dort sammelt die Bauherrnfamilie übrigens selbst die Früchte für ihre Brände und Liköre, in Bioqualität. Die organischen Reste und das heiße Abwasser wandern nach dem Brennvorgang in einen Schacht unter dem Raum und sorgen für die Grundwärme im Gebäude. Solarzellen auf dem Lager sollen es autark machen.

Standort: Buchener Straße 30, 97980 Bad Mergentheim
Architekten: architekturbüro KLÄRLE, Bad Mergentheim
Bauzeit: Juli 2017 bis Mai 2019

https://brennerei-herz.de