Chicago (USA)

Erweiterung des Art Institute of Chicago

~Aaron Betsky

Das zweitwichtigste enzyklopädische Kunstmuseum der Vereinigten Staaten hat eine wunderbare Sammlung mit Stücken aus dem 20. und 21. Jahrhundert. Der neue Flügel ist kein schlechter Ort für diese Kunst. Aber seine Platzierung, die seltsame Aufteilung und die hohen Kosten werfen Fragen auf, z. B. die nach der unglücklichen Anbindung einiger älterer Pavillons an den Altbau durch eine lange Zunge über die Eisenbahntrasse hinweg. Piano hätte dieses Manko durch die vollständige Überbauung der Gleise beheben können. Das Art Institute begründet die Entscheidung mit den Kosten, Pianos Büro wollte sich nicht äußern. Der stattdessen ausgeführte, scheinbar frei stehende Pavillon mit 27 000 m² Fläche nimmt zu den anderen Bauten allenfalls zaghafte Bezüge auf. Er ist aber auch nicht autonom, und ihm fehlen ein klares Zentrum und eindeutige Zugänge: Der Besucher schlüpft entweder von einer Seitenstraße hinein oder kommt aus dem Millennium Park über eine weit gespannte Brücke ins oberste Geschoss, begibt sich anschließend drei Stockwerke nach unten und schleicht dann wie ein ungebetener Gast durch die Garderobe. Die Empfangshalle hat keine klaren Begrenzungen, nur Türen in einer gläsernen Wand. Selbstverständlich gibt es eine festliche Treppe, leider irgendwo am Rand. Sie führt auch nur ins nächste Geschoss, wo man eine andere Treppe weiter nach oben nehmen muss. Durch das Dach dringt gefiltertes Licht, wird reflektiert und fällt dann auf Textilsegel, unterstützt von Glühlampen. Unter den scheinbar schwebenden Dachflächen bilden schwere weiße Wände ein Labyrinth. Die Ausblicke auf Park oder Skyline sind weder gerahmt noch inszeniert. Jenseits dieser Raumfolge gibt es weitere Galerien, von denen jedoch zwei Drittel nicht über die allgemeine Erschließung zu erreichen sind und die kein Tageslicht erhalten. Obwohl sie fast 6 m hoch sind, wirken sie niedrig.
Dieses Museum ist sehr großzügig, aber schwer zu verstehen. Es ist ein großes Gebäude, aber es wirkt nicht erhebend. Es gibt zahlreiche sorgfältig durchdachte Details, aber sie scheinen nicht zwingend mit dem Gebäude oder der Kunst darin verbunden zu sein. Kurz gesagt: Hier gibt es jede Menge Gebäude, aber nur sehr wenig Architektur.
Standort: East Monroe Street
Architekten: Renzo Piano Building Workshop, Genua (I)
Eröffnung: Mai 2009