Dijon (F)

32 Logements-Cathédrale

Die Architektin Sophie Delhay denkt ihre Gebäude immer ausschließlich vom Nutzer her und macht es sich und allen anderen Beteiligten dadurch nicht leicht (s. auch db 4/2020 »Wohneinheiten »La Quadrata«, Dijon«, S. 34). Wo sich der Stadtplaner Nicolas Michelin für das Quartier »Ecocité des Maraîchers« noch eine lockere Abfolge ähnlich großer Baukörper mit Shed- und Mansarddächern vorstellte, überzeugte ihn Delhay davon, drei verschiedene Wohnungstypen in eine Stadtvilla, eine Reihenhausspange und einen hohen Riegel mit Etagenwohnungen aufzuteilen – unter Flachdächern. Wo der soziale Wohnungsbau nach Flächenoptimierung und klarer Zuordnung verlangt, bietet sie durchgesteckte, somit zweiseitig belichtete Wohnräume mit zentral gelegenen Küchenanschlüssen und frei wählbarer Nutzungszuordnung an. Und: Teile dieser Räume sind zweigeschossig! Sie öffnen sich über fast schon abenteuerlich große Glasscheiben nach Süden hin zu den vorgehängten Balkonen und erzeugen eine Großzügigkeit, die das Knapsen an der Gesamtwohnfläche und am Ausbaustandard völlig vergessen lässt. Natürlich ist der Begriff »Kathedralenwohnung«, mit dem Delhay ihre Idee der Bauverwaltung, dem Bauträger und letztlich den Bewohnern »verkaufte«, maßlos übertrieben. Was sie aber an fühlbarem Mehrwert bietet, ist nicht zu unterschätzen. Mehr Raum, mehr Offenheit, mehr Licht – mehr Selbstwert. Da fällt es kaum ins Gewicht, dass alle Nicht-Wohnräume ihren Endzustand bereits im Rohbau erreicht haben (Nettobaukosten: 3,5 Mio. Euro, 2.520 m² Geschossfläche). Um mehr Wohnfläche zu generieren, lassen sich notfalls Zwischendecken einziehen. Gewünscht ist das nicht, Anschlüsse dafür wurden daher gar nicht erst vorgesehen. Die optimierten Grundrisse lassen ohnehin nichts vermissen. Sie basieren auf einem rigorosen Grundraster, in das sich alle Funktionen, wie z. B. alternierende Schranknischen, einordnen lassen und ohne das die gleichmäßige und wirtschaftliche Verzahnung der Wohneinheiten kaum darstellbar wäre.

Hinzu kommen neben Garage im EG und Fahrradraum noch die Gemeinschaftsflächen: der Garten auf der Restfläche des dreieckigen Grundstücks, ein nahezu 100 m² großer Gemeinschaftsraum im 1. OG und schließlich eine gigantisch große Dachterrasse. Von den Laubengängen aus schaut man direkt in das Fußballstadion der Regionalliga-Abteilung von Dijon FCO. Wenn das nicht zusammenschweißt!

~Achim Geissinger

Standort: rue Ernest Champeaux (Ecocité des Maraîchers), F-21000 Dijon
Architekten:
sophie delhay architecte, Paris
Übergabe:
Januar 2020