1 Zehn Jahre nach dem Tod Donald Judds: Marfa ist eine lebendige Stadt, lebendig durch Galerien und Kunsttouristen, die Judd angezogen hat
2 Für alte Hangars und ausgediente Gewerbe-räume entwickelte Judd eigene Arbeiten
3 Auch im Freien finden die Touristen Zeugnisse des Künstlers
4 Inszeniert für die weiße Mittelschicht: Die künstlich geschaffene Welt einer scheinbaren Stadt wurde in Florida als »Celebration« vor zehn Jahren aus dem Boden gestampft
Revisited: Die Chinati Foundation in Marfa, Texas; und Celebration, Florida

Zweimal inszenierte Urbanität

Route 90 führt geradewegs nach Südosten, immer entlang den Gleisen, auf denen einmal Silbertransporte aus den Minen des Big Bend rollten. West Texas ist eine kahle Hochebene. Das Gelände steigt an, Steppengras krallt sich in den rostbraunen Boden. Am Horizont verblassen die Chinati Mountains, und irgendwo dahinter beginnt Mexiko. Steine, Wolken, Wind. Wie ein Filmstreifen zieht die Landschaft an der Windschutzscheibe vorbei. Auf halbem Weg liegt die Geisterstadt Valentine. Holzläden torkeln im Wind, und schwarze Löcher klaffen in Wänden, wo früher Fenster saßen. Nur Hartgesottene leben hier, West Texas Boys wie Boyd Elder. Elder sieht aus wie Keith Richards Bruder, eine faltige Gestalt in schwarzen Klamotten, die Augen bis spät in die Nacht hinter der breiten Sonnenbrille geparkt. Für die Eagles hat er Albumcover entworfen, als Kind einen Rotschwanzfalken gezähmt und kennt halb Hollywood beim Vornamen. Nach L. A. und Dallas lebt Elder nun wieder im 100 Jahre alten Haus seiner Großeltern und stellt seine leuchtenden Arbeiten im nahen Marfa aus. Marfa, das ist die einzigartige Galeriestadt am Rande der größten Wüste Nordamerikas, der Chihuahuan Desert. Donald Judd hat das Nest vor 30 Jahren aus dem Staub der Geschichte gezogen. Heute pilgern pro Jahr weit über 10000 Kunstfreunde an die Grenze zu Mexiko, wo der Minimalist bis 1994 lebte und arbeitete. Marfa wandelt sich mit ihnen. Da sind die 2100 Einheimischen, Cowboys und Grenzschützer. Und da sind die Leute aus Dallas, Fort Worth oder New York, die zu Vernissagen einfliegen, im El Paisano Hotel absteigen, in dem James Dean, Rock Hudson und Elizabeth Taylor »Giganten« drehten, und nach und nach den Ort in Besitz nehmen. Vor fünf Jahren kosteten heruntergekommene Adobe Häuser rund 30000 Dollar, seither hat sich der Preis vervielfacht.

Geschichte einer Kunst-Stadt. 1882 erreicht die Eisenbahn das Wasserloch mit seinem Essenszelt und der Spielerbaracke. Marfa nennt es die Frau des Eisenbahningenieurs nach einer Dienerin aus Dostojewskis Brüder Karamasow. Die Tank Town wird mit den Ranchern groß. 1955 drehen James Dean, Rock Hudson und Elizabeth Taylor auf der Evans Ranch »Giganten«, die Parabel vom sagenhaften Aufstieg Texas’ zum »amerikanischsten Landes der Vereinigten Staaten«, wie die Bestsellerautorin Edna Ferber schreibt. Dann verschwindet Marfa von der Bildfläche. Bis 1973 Donald Judd den Ort am Rande der Wüste bezieht. Ganz wörtlich: Judd legt sich Marfa zu wie ein Stück Kleidung, das er überstreift und Stück für Stück nach seinen Vorstellungen umarbeitet. 2000 Meilen bis New York City. Marfa liegt weit vom Kunstbetrieb, weit weg von den Kritikern. Judd schafft sich seine Welt, seine Idealstadt. Er kauft ausgediente Artillerie-Hangars, Häuser an der North Highland Ave, den alten Supermarkt und die lokale Bank und verwandelt sie in Arbeits- und Ausstellungsräume. Ein Projekt für jeden Raum. Noch heute, zehn Jahre nach Judds Tod, liegt sein Lineal unberührt über Plänen, so, wie es der Künstler zurückließ. Wie sehr Judd den Ort von innen heraus umkrempelte, zeigt der Blick auf die Pay Roll. Seit 1949 hat die Boarder Patrol ihren Stützpunkt in Marfa. Dem größten Arbeitgeber, dessen Beobachtungsballon die Grenze am Rio Grande überwacht, folgt heute die Chinati Foundation, die Judds Erbe verwaltet. Judds Nachlass besteht nicht nur aus Gemälden und umgebauten Lagerhallen, aus glänzenden 100 Metallarbeiten und Betonskulpturen, groß wie Wartehäuschen, die sich einen Kilometer entlang der Route 67 nach Presidio ziehen, als wären sie eine Herde fremdartiger Tiere, sondern vor allem in einer Idee. Der scharfzüngige Außenseiter hat der heruntergekommenen Rancherstadt neues Leben injiziert und aus Marfa eine Kunststadt gemacht. Ihre leere Landschaft wurde zum idealen Rahmen seiner Kunst, genau wie die verwahrloste Armeekaserne und halbe Straßenzüge.
Die typisch amerikanische Main Street heißt hier North Highland Ave. Zu beiden Seiten öffnet sich die gute Stube, darunter das El Paisano Hotel, die Galerie des New Yorkers Eugene Binder und Maiya’s, ein Restaurant wie aus Manhattan nach Texas teleportiert, mit italienischer Küche, frisch gebackenem Brot und Drinks an der Bar. Reservations are recommended. Zwei Häuser weiter gibt es gebrauchte Jeans und Boots im Thrift Shop, dem Relikt des alten Marfa. Seit 1999 macht die Marfa Book Company mit exquisiten Kunstbüchern und einem Internetcafé Jagd auf Touristen. An der North Highland Ave trifft Alt auf Neu, mischt sich aber nicht. Wer vor der Marfa Book Company mit einem Cappuccino sitzt, sieht Rancher in Pick-ups und breiten Hüten neben Cabrios und schwarzen Rollkragenpullovern. Die Einheimischen sagen Sir und Ma’m, die anderen blicken verwundert auf die massigen Gestalten. Gegenüber hat die Judd Foundation ihren Hauptsitz. Die Erbengemeinschaft verwaltet all das, was Judd in zwei Jahrzehnten kaufte und in Galerien verwandelte: die Bank, den Supermarkt und Büros an der Hauptstraße. 1973 erwirbt Judd einen ganzen Block mit vier Gebäuden und umgürtet seine »Mansana de Chinati« mit einer Adobe-Wand, die nun langsam zerbröselt. Was der Minimalist im Village von New York begonnen hatte, führte er hier in neuer Dimension aus und verbindet Raum und Kunst zu einer Einheit. »Die Art, wie in Marfa die Objekte in den außergewöhnlich klaren Räumen zur Geltung kommen«, urteilt das ORF in einem Feature, habe »etwas von sakralen Gegenständen und unerbittlicher Qualität«.
Marfa hatte schon immer einen Hang zur Größe. Wie ein französisches Schloss thront das Presidio County Courthouse von 1886 am Ende der North Highland Ave. 60000 Dollar kostete der repräsentative Ziegelbau mit seinen Ecktürmen und der massiven, an Brunelleschi erinnernden Kuppel, über der Lady Justice wacht. Judd nimmt die Größe auf. »Menschen in weiten, wenig bevölkerten Gebieten neigen dazu, sich allzu wichtig zu machen«, schreibt Edna Ferber in »Giganten«, »Felsblöcke zu schleudern wie die Zyklopen und sich als Giganten zu fühlen.« Ein Hüne war Judd schon vor Marfa. Hier wuchs er zum Koloss. Und Marfa mit ihm. Der Amerikaner wollte Kunst von John Chamberlain und Dan Flavin jenseits des Ausstellungsbetriebs zeigen, und das ist ihm gelungen. Zehn Jahre nach seinem Tod im Februar 1994 gehen die Arbeiten eine Symbiose mit der kargen Landschaft ein. Präriegras umspielt die Betonskulpturen. In der Artilleriehalle mit den Inschriften deutscher POWs (Kriegsgefangener) glänzen seine Metallobjekte wie die Kunstarmee eines chinesischen Kaisers. Sie spiegeln sich in schier endloser Brechung. Sich, das Gras, den Himmel und die Chinati Mountains, vor denen Wolken starr stehen wie der Beobachtungsballon der Boarder Patrol. Drei Stunden dauert die Autofahrt von El Paso. Drei Stunden schaffen Distanz. Drei Stunden stimmen ein auf den weiten Himmel von West Texas. Als moderne Pilgerreise hat »ArtReview« die Tour beschrieben, als könnten 180 Meilen den Großstädter läutern. Marfa ist längst ein Mekka für Kunstfreunde geworden, die weder das Urbane suchen noch seine Abwesenheit, sondern eine bestimmte, von Judd getränkte Atmosphäre. Wo seine Minimal Art einen Ort jenseits der Zeit, einen Ort der Einkehr und Besinnung markiert, geht es nun um die Inszenierung eines Lebensstils, zu dem Kunst gehört wie die richtige Uhrenmarke. Der Markt, dem Judd zeitlebens entkommen wollte, hat ihn wieder eingeholt, selbst hier, am Rande der Chihuahuan Desert, wo Leute wie Boyd Elder ausstellen und sagen: »We’re just polluted with commercially based visuals.«
Leben wie Mickey Mouse Main Street Celebration. Musik quillt aus Bodenlautsprechern, umhüllt die Passanten wie eine Duftwolke. Samstag Vormittag ist unter den weißen Arkaden wenig los, die auf den See zulaufen, vorbei an Gooding’s Gemischtwaren und Dolls, dem Puppengeschäft. Eine Brise fährt durch die Platanen, Wellen schlagen an den Kai, und Deckchairs laden zum Verweilen ein. Das Paradies feiert Geburtstag. Zehn Jahre Celebration. Zehn Jahre Leben in der heilen Welt am Rande der Disney World von Orlando, Florida.
»New Urbanism« hieß die Zauberformel, mit der der Unterhaltungsriese Disney 1994 die Welt im Kleinen aus dem Boden stampfte. Yale-Professor Robert Stern entwarf den Masterplan und schrieb dicht gepackte, pittoreske Häuschen mit Veranda und Garten vor, gesäumt von Wasserflächen und Parks, kurz: eine Siedlung wie aus dem Bilderbuch, die nur Einzelhändler zulässt und überraschenderweise keine Disney-Souvenirs. Elektromobile surren über die weißen Straßen von Celebration, und so gesittet geht es hier zu, dass der Sheriff gelangweilt seine Runden dreht. Nichts los im Paradies, wo man stolz einen Flohmarkt ankündigt, das Great American Pie Festival begeht und die Celebration News alle 87 freiwilligen Mitarbeiter der Bücherei mit Namen nennen. Man kennt sich, ganz, wie es die Disney-Prospekte verkündet hatten: »Have you ever wanted to be part of something bigger than yourself?« Wollten Sie schon immer Teil eines großen Ganzen sein? Dieser Ruf findet immer mehr Gehör beim Mittelstand. Die Häuser sind günstig, die Vorgärten blühen bunt, und der Rasen ist manikürt. Unser Dorf soll schöner werden. Zählte die Kunststadt zur Jahrtausendwende gerade 2700 Einwohner, hat sie sich seither tief in den subtropischen Wald gefressen. 8000 Menschen leben hier heute. Wie mit der Heckenschere haben Stadtentwickler neue Quartiere aus dem Grün geschnippelt. Die Pioniere der heilen Welt überlassen nichts dem Zufall. Kaum ist eine künstliche Lichtung geschaffen, rammen sie Straßenschilder in den Sand. Plattenwege kurven ins Nichts, während die Gärtnerei schon die ersten Büsche und Sträucher setzt. Die Stadt boomt. An der Roseville Corner neigen sich zwei Baumriesen über die Straße und bilden ein natürliches Tor, daneben ragen Stümpfe aus dem Boden, und ab und zu kriecht eine Schlange über den Asphalt. Wie im Märchen hat der Traum von der besseren Welt einen Widerhaken, der sich tief ins Fleisch bohrt: In der Townhall sitzt statt eines gewählten Bürgermeisters ein Stadtmanager. Das stört die Bewohner nicht, im Gegenteil. Stolz erzählen sie von den zwei Schulen in Celebration, ihrem 18-Loch-Golfkurs, der Feuerwehr und dem mondänen Celebration Hotel. Stadtluft macht hier vor allem sicher. 2010 soll Celebration fast 20000 Einwohner zählen. Dann dürfte von der fußläufigen, dichten Anlage der Anfangstage nicht mehr viel übrig sein und die bislang inszenierte Urbanität einer neuen, amerikanischen Normalität weichen. Als »Prototyp für das kommende Jahrtausend« pries Disney-Chef Michael Eisner vor zehn Jahren die Kunstsiedlung Celebration: sauber, sicher und fernab jeder Großstadt. Die inszenierte Siedlung ist keine Gated Community, die sich mit Mauern und Sicherheitschefs von der bösen Außenwelt abschirmt, und sie ist auch keine Werksstadt für Disney. Nur etwas über 50 Prozent der Leute arbeiten bei Mickey Mouse. Celebration ist vor allem eins: Spiegelbild der Wünsche des amerikanischen Mittelstands nach einem sicheren Hafen für die Familie fern trostloser Suburbs und heruntergekommener Downtowns. Langeweile und Kontrolle, die Spiegelbilder von Ordnung und Sicherheit, nehmen sie dafür in Kauf. Denn hier passt alles zusammen. Selbst die Stoppschilder im Neubaugebiet Celebration Village sind beige, nicht rot. Gleichförmig beige wie die Fassaden der Eigentumswohnungen. Oliver Herwig