Wohin mit der Mschatta-Fassade?

Die Berliner Museumsinsel, die seit 1999 zum Welterbe zählt, ist ein komplexer Organismus aus weltbedeutenden Kunstsammlungen und

~Jürgen Tietz

Museumsbauten. Nach der Sanierung von Alter Nationalgalerie, Bode-Museum und Neuem Museum gibt sie zudem ein eindrucksvolles Beispiel für die unterschiedlichen Qualitäten im denkmalpflegerischen Umgang mit Welterbestätten ab. Gerade die Restaurierung des Neuen Museums durch David Chipperfield steht dabei für höchstes Niveau beim denkmalpflegerischen Umgang mit einem historischen Gebäude. Nun droht die geplante Sanierung des benachbarten Pergamonmuseums weit hinter dieses weltweit beachtete Vorbild zurückzufallen.
Seit 1907 von Alfred Messel entworfen, übernahm nach dessen frühem Tod Ludwig Hoffmann die Planungen für das neue Gebäude. Entgegen allen Unbilden der folgenden Jahre – vom Ersten Weltkrieg, über den schwierigen Baugrund der Spreeinsel, den Streit über die Ausgestaltung des Hauses bis hin zu Inflation und Weltwirtschaftskrise – konnte das Museum 1930 offiziell eröffnet werden. Die um einen offenen Ehrenhof errichtete Dreiflügelanlage erwies sich dabei als kongenialer Schlussstein der Museumsinsel, in dem mit Pergamonaltar, Markttor von Milet, Ischtartor und Mschatta-Fassade die Großarchitekturen der Berliner Museen Raum fanden.
Wie schon bei seiner Erbauung, gibt es nun auch bei seiner Sanierung und Restaurierung eine grundlegende Diskussion über die Zukunft des Pergamonmuseums. Es soll ab 2013 auf Grundlage des Entwurfs von Oswald Mathias Ungers (1926-2007) saniert und ergänzt werden. In scharfer Form hat sich der Berliner Landesdenkmalrat (oberste Denkmalschutzbehörde) gegen Teile der vorliegenden Umbauplanung gestellt. Sie sieht vor, im Rahmen der Neuordnung der Museumssammlungen, die Mschatta-Fassade aus der Mitte des 8. Jahrhunderts mit ihren faszinierenden figürlichen und ornamentalen Reliefs vom Süd- in den Nordflügel des Museums zu versetzen. Als eines der Hauptwerke des »Museums für Islamische Kunst« soll sie dort etwas mehr Raum erhalten, um ihre eindrucksvolle Wirkung besser entfalten zu können. Dort ist zudem geplant, die nicht in Berlin vorhandenen Teile der Großarchitektur im Rahmen der Neuaufstellung abstrahiert zu ergänzen. Der von den Berliner Museen favorisierte Standort im Nordflügel vor den Fenstern zur Stadtbahntrasse würde jedoch massive Eingriffe in die Denkmalsubstanz mit sich bringen.
Bereits in seiner Bauzeit führte die Diskussion um die »richtige« Gestaltung des Nordflügels, in dem das von Wilhelm Bode geforderte »Deutsche Museum« seinen Platz fand, zum Berliner »Museumskrieg«. Die nach Entwurf von German Bestelmeyer ausgeführten historisierenden Gewölbe des Stadtbahnsaals wurden – nota bene – auf Parlamentsbeschluss wieder entfernt. Daher verweist der Landesdenkmalrat in seiner aktuellen Stellungnahme darauf, dass der »seit 1926 im Auftrag des Preußischen Abgeordnetenhauses als ›Stimmungsraum‹ in reformiert-kühlen Formen errichtete Stadtbahnsaal« ein »raumprägend-konstituierender Bestandteil des Baudenkmals« ist. Die unter Ludwig Hoffmann in Abkehr von historisierenden Stilarchitekturen ausgeführte, zurückhaltend neutralere Gestaltung droht nun verloren zu gehen: Die Aufstellung der Mschatta-Fassade würde die Zerstörung der bauzeitlichen Wandnischen nach sich ziehen sowie eine Perforierung der tragenden Mittelwand durch Öffnungen und Treppenstufen. Wenig befriedigend ist jedoch auch der Gegenvorschlag des Landesdenkmalrats, die Mschatta-Fassade an der Mittelwand des Nordflügels aufzustellen, wo sie ihre Wirkung kaum besser entfalten könnte, als an ihrem bisherigen Standort.
Obwohl das Landesdenkmalamt (nachgeordnete Denkmalschutzbehörde) bereits vor Jahren den Umbauplanungen zugestimmt hatte, erscheint es schwer vorstellbar, dass die geplanten Eingriffe in das Denkmal vom »International Council on Monuments and Sites« (ICOMOS) gebilligt werden, das derzeit die Planungen im Auftrag der Unesco in Paris überprüft. In jedem Fall lassen die aktuellen Konzepte die differenzierte und bestandsorientierte Haltung vermissen, die die Restaurierung des Neuen Museums auszeichnet. Zudem konzentriert sich die Diskussion derzeit allein auf die Neuaufstellung der Mschatta-Fassade. Unberührt bleibt die Frage nach der künftigen Gestaltung des heutigen Mschatta-Saals im Südflügel, der einst für die Aufstellung der schweren Großarchitektur durch zusätzliche Stützen im Hauptgeschoss im Zincirli-Saal erst tragfähig gemacht worden war. Ebenso wird zurzeit die Gesamtwirkung des Ungerschen Entwurfs vernachlässigt. Dabei wirft gerade der geplante vierte Flügel, der sich als massiver Riegel vor den Kupfergraben stellen soll, die Frage auf, ob der Ungers-Entwurf jene denkmalpflegerische Behutsamkeit und Qualität besitzt, die einer Welterbestätte angemessen ist.
Anstatt jedoch deshalb einen neuen Berliner Museumskrieg wie in den 20er Jahren zu entfachen, gilt es, das kritische Votum des Landesdenkmalrats als Chance zu begreifen, um das rund 510 Mio. Euro teure Projekt auf seine Denkmalverträglichkeit hin zu überprüfen und den drohenden Schaden für das Welterbe Museumsinsel abzuwenden. Vielleicht steht am Ende der Überlegung ja eine ganz andere Lösung, bei der die grandiose Mschatta-Fassade in einem neuen Flügel des Humboldtforums auf dem Schlossplatz jenen Raum findet, in dem sie ihre Schönheit und Bedeutung für die Museumsbesucher entfalten kann, ohne dass das Welterbe Pergamonmuseum beschädigt wird.
Der Autor studierte Kunstgeschichte und arbeitet als Architekturkritiker und Buchautor in Berlin.