Wo bitte ist vorn?

Seit vielen Monaten steht in Berlin, knapp 500 Meter vom Potsdamer Platz entfernt, das T-Com-Haus. Genau genommen ist es kein Haus, sondern ein Experiment. Hier führt die Telekom auf 240 m² vor, wie sie sich eine Zukunft vorstellt, in der »modernste Informations-, Kommunikations- und Telekommunikationstechnik den Alltag des Konsumenten spürbar bereichert und erleichtert«. Schon ab dem Gartentor komplett verdrahtet und per Sensortechnik steuerbar, vollautomatisch und über Höchstleistungskabel plus Satellit mit der Welt da draußen in Dauerkontakt, während drinnen nimmermüde Kontrollautomaten vom Einbruchdiebstahl bis Suppe-Anbrennen jedes Malheur rechtzeitig vereiteln: Ein »Raumschiff Orion« gewissermaßen, brav deutsch unterm Steildach – schlüsselfertig, versteht sich, und damit angeblich der Traum von Herrn und Frau Mustermann.

Da in der Hauptstadt über Toleranz nicht nur geredet wird, lässt man sich solch garstiges Exponat sogar eine Zeit lang bieten. Doch letzten Sommer regte sich subversiv Widerspruch: Künstler, die sich seit Jahren mit dem Sammeln und Recyclen der bei der Durchmodernisierung ganzer Stadtviertel anfallenden Baumaterialien beschäftigen, errichteten keine fünfhundert Meter entfernt ein Duplikat der elektronischen Zukunftsidylle. Jedenfalls äußerlich – d. h., in allen Maßen und der spießigen Form getreu. Das künstlerische »Musterhaus« gehörte zum Ausstellungsprojekt »Berlin – Istanbul« des Martin-Gropius-Baus und war als Referenz an die vielfach aus Abfallmaterial errichteten Selbstbau-Siedlungen der türkischen Metropole gedacht. Doch die formale Verwandtschaft zum T-Com-Haus war kein Zufall: Mit Abrissbrettern, ausgemusterten Gründerzeitfenstern, Sperrholzresten und Holzpaletten waren sie auch angetreten gegen »innovative Wohnideen«. Sie dachten sich Raumszenarien namens »Action« oder »Relax« aus, worunter man sich »aufeinander abgestimmte Arrangements aus Licht, Klang und Bildern« (O-Ton Telekom) vorzustellen hat und sonst gar nichts.
An zukunftsweisenden Kontroversen mangelt es also zumindest in Berlin nicht. Aber im Allgemeinen scheinen hier zu Lande Debatten über das Wohin der Architektur noch immer vom Fortschrittswahn der wilden Sechziger gespeist zu sein: Jede Creation von Coop Himmelb(l)au oder Zaha Hadid wird als Eroberung »neuer Horizonte« gefeiert. In der Lausitz – also dort, wo es fast nichts mehr gibt außer Sand und leeren Häusern – wird die IBA Fürst-Pückler-Land demnächst ihre ersten, dem deutschen Baurecht umständlich abgerungenen Schwimmhäuser (!) einweihen. Und in München hatte der Deutsche Werkbund Bayern, der nach eigener Aussage als »Projekt der Moderne« danach strebt, »die Lebensum- stände heutiger wie künftiger Generationen durch rationalen Fortschritt zu verbessern«, anlässlich des hundersten Bundesjubiläums die Idee, »Neues Leben« wieder mal durch »Neues Bauen« zu befördern.Per Wettbewerb wurden für eine Werkbundsiedlung Wiesenfeld städtebauliches Konzept und »Planungsteams mit zukunftsweisenden Wohnungsbauideen« gesucht. Immerhin lässt sich die Initiative zeitgemäß unter »Konversion« einreihen, geht es doch um das Areal einer ehemaligen Kaserne. Aber nach welcher konkreten Wohnzukunft fahndet ein Werkbund ausgerechnet in München? Lässt bayerische Boom-Perspektive Antworten zu, die auch auf Lausitzer Szenarien passen, wo inzwischen der Abriss manch unsanierten Plattenbaus gestoppt wird, weil da letzte erschwingliche Kleinwohnungen für Dauerarbeitslose drin- stecken? Gegen solche Einrede im Vorfeld des Wettbewerbs bestand Christoph Sattler – er immerhin hatte den Mut auf dem »guten Recht« des Architekten beharrend, sich für die »schönen Seiten des Lebens« zu engagieren. Sind wir hier etwa schon beim Kern des Problems? Wolfgang Kil