Ein Gespräch mit den Kuratoren des deutschen Beitrags zur Architekturbiennale von Venedig

»Wir stellen keine gebaute Regierungserklärung aus«

Das Deutsche Architekturmuseum (DAM) wird von Mai an im Auftrag des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit (BMUB) den Deutschen Pavillon auf der Architekturbiennale in Venedig bespielen. Mit »Making Heimat. Germany, Arrival Country« wirft das Haus einen Blick auf die aktuelle Situation Deutschlands und fragt, welche architektonischen und städtebaulichen Bedingungen den Prozess unterstützen, aus Flüchtlingen Einwanderer werden zu lassen. Der Kritiker Enrico Santifaller sprach mit dem Kuratorenteam Peter Cachola Schmal, Oliver Elser und Anna Scheuermann.

»Wir stellen keine gebaute Regierungserklärung aus«

Man entdeckt wieder, dass Architektur sich nicht im Ästhetischen erschöpft. So steht der aktuelle Pritzker-Preisträger Alejandro Aravena für den »social turn« in der Architektur. Was sagte er in seiner Eigenschaft als diesjähriger Direktor der Architekturbiennale in Venedig zu Ihrem Beitrag?
Peter Cachola Schmal: Aravenas Motto »Reporting From the Front« beruht auf der simplen Frage, welche gesellschaftlichen Probleme Architekten lösen können und warum das für irgendjemand anderen vorbildhaft ist. Im Dezember waren die Länder-Kommissare aus aller Welt in Venedig und haben ihre Beiträge vorgestellt. Unser »Making Heimat«, das von der Flüchtlings- und Integrationsfront in Deutschland berichtet, passt wie die Faust aufs Auge: Aravena findet unseren Beitrag gut und ist sehr gespannt auf ihn.
Vor 25 Jahren präsentierte das DAM auf der Biennale in Venedig eine Ausstellung über Heinrich Tessenow. Diese Schau stand symbolisch für den Anspruch des DAM, der Architekturgeschichte des 20. Jahrhunderts ein notwendiges Korrektiv hinzuzufügen. In diesem Jahr steht Gesellschaftspolitik im Vordergrund. Was hat Sie zu »Making Heimat« inspiriert?
Schmal: Das Buch »Arrival City« des britisch-kanadischen Journalisten Doug Saunders hat mich sehr beschäftigt. Der Autor war in problematischen Stadtvierteln von Mumbai, Dhaka und Shenzhen, er war in den Favelas Rio de Janeiros und in Caracas. Er nimmt einen Perspektivwechsel vor: Diese Viertel, die Stadtplaner in aller Welt am liebsten beseitigen oder zumindest aufwerten würden, erfüllen eine sehr wichtige Funktion. Sie sind für die Einwanderer, die darin wohnen, sehr hilfreich, als Ankunftsort. Und Saunders sagt, diese Viertel gibt es auch im Westen – in Paris, in London, in Berlin. Kurz darauf hat man mich angefragt, ob ich nicht wieder Mitglied der Jury sein wolle, die den deutschen Beitrag für Venedig auswählt. Aber da lag es nahe, lieber zusammen mit Doug Saunders als Berater ins Rennen zu gehen.
Oliver Elser: Gesellschaftspolitische Fragen waren schon immer ein Thema im DAM. Die ersten beiden Direktoren, Heinrich Klotz und Vittorio Magnago Lampugnani, haben Architektur in einen politischen Zusammenhang gestellt. Lampugnani wurde sogar vorgeworfen, er beute die Architekturgeschichte aus, um Positionen zur Gegenwart zu formulieren. Auch Wolfgang Voigt, stellvertretender DAM-Direktor von 1997 bis 2015, ging es bei seinen Ausstellungen um die Neubewertung von Architekten wie z. B. Paul Bonatz.
Wenn Sie in Interviews fordern, Deutschland müsse sich zu seinem Status als Einwanderungsland bekennen, und es auf der DAM-Facebook-Seite heißt: »Wir lieben Merkel auch«, wagt sich das DAM als kommunale Institution damit nicht auf heikles Terrain?
Schmal: Das Thema ist hochpolitisch geworden. Damals im Juni 2015, als wir unseren Vorschlag für die Biennale eingereicht haben, ging es noch gar nicht um das Flüchtlingsthema. Unser Vorschlag bezog sich auf Doug Saunders’ »Arrival City«, es ging um die Einwanderungsgesellschaft Deutschland, um Integration, um Städtebau. Mitte Oktober, als wir dann endgültig ausgewählt wurden, erreichten die Flüchtlingsströme ihren Höhepunkt. Daher haben wir uns entschieden, mit einem »Call for Projects« aktuelle Flüchtlingsbauten zu dokumentieren. Doch im Zentrum steht immer noch die Frage, was passiert, wenn aus Flüchtlingen Einwanderer werden. Und wo könnte man das besser thematisieren als in Frankfurt, der Stadt mit der zweithöchsten Einwandererquote Deutschlands. Unsere Auftraggeberin, Bundesbauministerin Barbara Hendricks, steht voll hinter Merkels Haltung in der Flüchtlingsthematik, und somit auch voll hinter unserem Beitrag.
Elser: Unser Beitrag ist dennoch keine gebaute Regierungserklärung. Uns geht es um die Anforderungen an eine Arrival City: Kostengünstiger Wohnraum, migrantische Netzwerke, Zugang zu Arbeitsplätzen, gute Verkehrsanbindung, eine Kultur der Toleranz, die auch das Akzeptieren gewisser informeller Praktiken einschließt, sowie die Verfügbarkeit von kleinteiligen Gewerbeflächen, das sind, schlagworthaft, die Eigenschaften einer Arrival City. Z. T. sind das Themen, die seit Jahren im DAM präsent sind, etwa durch unsere Ausstellungen über gemeinschaftliche Lebensformen, also die viel diskutierten Baugruppen. Im Moment gibt es viele Initiativen, und es ist unsere Aufgabe, diese zu verknüpfen und zu bündeln. Deswegen sind wir mit unserer Pressekonferenz am 10. März nach München gegangen, da fand auch der »Flucht-nach-vorn«-Kongress statt, und die Werkbund-Initiative »Wohnraum für alle« wurde vorgestellt.
Was ist in München herausgekommen?
Elser: Der BDA Bayern hat es in Kombination mit der Bundesstiftung Baukultur geschafft, viele Akteure zusammenzubringen. Beispielsweise hat der Staatssekretär Gunther Adler vom Bundesbauministerium gefordert, die Anzahl der Verordnungen im Bauwesen radikal zu beschneiden, da es nicht einzusehen ist, dass jedes Bundesland hier sein eigenes Süppchen kocht.
Schmal: Das Bundesbauministerium hat ja Geld in den Sozialen Wohnungsbau gepumpt. Wohnen in Gewerbegebieten – planungsrechtlich bis dahin undenkbar – wurde befristet erlaubt.
Zudem ist im Herbst eine Reihe von Konferenzen und Tagungen zum Einwanderungsthema geplant. Es passiert eine ganze Menge. Der Berufsstand der Architekten ist auf allen Ebenen engagiert.
Und auch Städte wie München machen so manches richtig, indem sie z. B. die Flüchtlingsunterkünfte in kleinere Einheiten aufteilen und diese sinnfällig platzieren. Wir haben ein aus Holzmodulen bestehendes Ensemble für 48 minderjährige, unbegleitete Flüchtlinge gesehen, das an ein bestehendes Waisenhaus angedockt wurde.
Elser: Dieses Gebäude gilt nur deswegen als temporär, weil das Planungsrecht dafür noch nicht da ist. Den fehlenden Bebauungsplan aber könnte man auch im Nachhinein aufstellen. Im Moment haben wir eine Situation, in der man sich Dinge trauen muss und trauen kann, die einfach nur vernünftig sind, aber unter normalen Umständen schwierig bis unmöglich wären.
Laut Doug Saunders kann Arrival City zur »Geburtsstätte der neuen Mittelschicht, der stabilen Wirtschaft und des sozialen Friedens einer Stadt« werden. Bei den bisher auf Ihrer Website veröffentlichten Projekten ist davon aber noch nichts zu sehen.
Elser: Unsere Datenbank ist nicht das Ergebnis eines Architekturwettbewerbs. Sie ist ein Querschnitt durch die aktuelle Situation, sofern man da überhaupt von Architektur sprechen kann.
Schmal: In Venedig präsentieren wir zwei Bereiche: Einer beantwortet die Frage, wie Deutschland mit den Hundertausenden von Flüchtlingen umgeht und ob Architektur dabei überhaupt eine Rolle spielt. Der zweite und größere Teil widmet sich der Integration von Einwanderern. Flüchtlinge sind ja nicht automatisch Einwanderer. Viele von ihnen bleiben hier – aber eben nicht alle. Die Flüchtlingsbauten sind ein Unterthema.
Die beteiligten Architekten haben gängige Mittel zur Kosteneinsparung – etwa offene Treppenhäuser, Laubengänge, preiswerte Materialien – genutzt. Es stellt sich aber die Frage, ob diese Mittel auf längere Sicht nicht die Bewohner als sozial Schwache stigmatisieren.
Elser: Könnten diese Mittel nicht auch einer normalen Mittelschichtsfamilie zusagen? Oder gehören sie unerschütterlich zu einer Ikonografie der Armut? Im Moment kommen wir an einen Punkt, an dem viele Tabus fallen. Der Kostendruck gilt ja für eine ganz breite Bevölkerungsschicht. Es besteht die Chance, einen neuen Aufbruch im Wohnungsbau vorzunehmen, und bestimmte Dinge infrage zu stellen. Vieles ist eher ein Problem der Lage, der Belegung, der Mischung und der sonstigen Akzeptanz.
Anna Scheuermann: Wenn wir über Langfristigkeit reden, dann wird die Einbindung dieser Wohnungen in die vorhandene Stadt sehr wichtig.
In Bezug auf die Arrival City geht es dann um Kleinteiligkeit und das Angebot rundherum: dass keine reinen Wohngebiete entstehen, sondern, dass es auch Gewerbe gibt, Nahversorgung und eine Anbindung an öffentliche Verkehrsmittel. ›
› Sozialwissenschaftliche Studien belegen, dass der Anteil von Harz-IV-Empfängern in nicht aufgewerteten Gründerzeit-Vierteln niedriger ist als in den reinen Wohnquartieren der 60er und 70er Jahre. Der Grund liegt in den anders genutzten EGs und in den Hinterhöfen, die auch eher informelle Arbeitsgelegenheiten bieten. Könnte man nicht endlich daraus lernen?
Elser: Wir sind weit davon entfernt, eine Anleitung für den Neubau einer Arrival City zu liefern; die besten Absichten werden wahrscheinlich scheitern, denn so etwas ist nicht planbar. Es entsteht ohnehin – meistens in den sogenannten schlechten Gegenden. Wichtiger ist die Frage, ob man so eine Gegend wirklich als Problem ansieht, der Perspektivwechsel, den wir Doug Saunders verdanken: die Dinge, die ohnehin entstehen, anders zu bewerten.
Schmal: Wir haben keine normale Architekturausstellung geplant. Es wird keine Modelle geben, es gibt keine schönen Projekte, wie jemand irgendwo eine Arrival City baut. Wir berichten von den deutschen Beispielen und beleuchten Aspekte, die man in Deutschland gar nicht vermuten würde. Und daneben wird es eine unkommentierte Sammlung an Flüchtlingsunterkünften geben und darüber hinaus ein Sonderkapitel Offenbach. Teile dieser Stadt funktionieren als Arrival City für die ganze Rhein-Main-Region und es ist sehr interessant zu beobachten, welche Faktoren dort besonders sind und warum das so ist.
Aber Offenbach ändert sich im Moment auch?
Schmal: Als Arrival City wird Offenbach so lange funktionieren, wie die Mieten günstig sind. Wenn die Mieten die gleiche Höhe erreichen wie im Frankfurter Ostend, wird es kein Ankunftsstadtviertel mehr sein können. Die Neubauten liegen preislich schon recht hoch. Der aktuellen Mietmap Frankfurt lassen sich die Preise für eine 40 Jahre alte 70-m²-Wohnung entlang der S-Bahn-Linie verfolgen: ab der Stadtgrenze zu Offenbach geht der Preis in den Keller.
Bei den bis dato veröffentlichen Projekten habe ich bis auf Graft keine großen Namen gefunden.
Schmal: Es gibt keine. Außer einer Handvoll haben wir von den wenigsten vorher gehört.
Scheuermann: Viele Büros haben im Moment sehr viel zu tun; die großen sind voll ausgelastet.
Schmal: … und zwar mit Projekten mit etwas höheren Budgets. Da geht es nicht um die Frage, schaffen wir es, für unter 1 000 Euro/m² oder 1 100 oder 1 200. Es geht um andere Kosten. Und die Honorare sind entsprechend höher. Die gesamte Architektur- und Baubranche befindet sich im Moment in einer Hochkonjunkturphase. Das ist ein Problem, weil entsprechend auch die Preise steigen.
Scheuermann: Die Büros, die wir z. B. in München kennengelernt haben, sind mit einem unglaublichen Engagement dabei, sie stehen zu 200 % dahinter.
In Frankfurt sind zwei vom Abriss bedrohte, weil lang leerstehende, Gebäude – die ehemalige Uni-Mensa von Ferdinand Kramer und das Neckermann-Gebäude von Egon Eiermann – in Erstaufnahmeunterkünfte umgewandelt worden und damit vorerst gerettet. Wie stehen Sie zu dieser Entwicklung?
Schmal: Hessen muss wie die anderen Bundesländer Erstaufnahmeeinrichtungen schaffen. In Frankfurt gibt es zwei davon: die erwähnte Uni-Mensa, die dem Land Hessen gehört, und das Neckermann-Gebäude, das vom Besitzer, einer türkischen Investorengruppe, angemietet wurde. Der Investor hat noch keine Zukunftspläne, im Moment nimmt er vermutlich mit der Miete mehr ein als er später je daran verdienen wird. Nach guten Erfahrungen während einer Zwischennutzung als Polizeistützpunkt hat man das Gebäude mit seiner effektiven Bürostruktur für die Flüchtlinge wieder angemietet. Ein Gebäude mit ausreichend Infrastrukturflächen, mit Aufzügen, Parkflächen und allem Möglichen. Das Haus könnte theoretisch 5 000 Personen aufnehmen, aber da man in einem Gewerbegebiet ist, sind es wegen der Seveso-II-Richtlinie lediglich maximal 2 000 Personen.
Elser: Wir dachten zunächst, dort stünden Feldbetten in riesigen Fabrikhallen. Das stimmt aber so nicht. In der Industriehallenetage in Rohbeton, wo früher die Fließbäder standen, befinden sich sehr großzügig bemessene Sanitärbereiche mit großen Dusch-Anlagen und riesige Freibereiche, wo die Kinder mit den Fahrrädern herumfahren können. Das eigentliche Wohnen findet auf zwei anderen Etagen statt – in den ehemaligen Büros leben jetzt die Familien. In den ehemaligen Großbüros teilen sich bisweilen 100 Leute einen Raum.
Der Philosoph Ernst Bloch hat einmal geschrieben, Architektur sei der Versuch der Produktion von Heimat. Doch der Begriff »Heimat« ist unter Architekten nicht allzu populär.
Schmal: Es geht immer darum, wie man diesen Begriff verwendet, ob er dem traditionellen Verständnis verhaftet bleibt, oder ob es gelingt, ihn in einen unerwarteten Zusammenhang zu stellen.
Ich habe bereits vor fünf Jahren die Formulierung »Making Heimat« geprägt – für eine Konferenz mit dem Goethe-Institut über neue Architekturansätze aus Mittelosteuropa. Der Titel war viel zu schön, um ihn nicht zu reaktivieren.
Jetzt ist aus «Making Heimat« für Mittelosteuropa ein »Making Heimat« für Einwanderer und Flüchtlinge geworden.
Vielen Dank für das Gespräch.
Das Interview führte Enrico Santifaller am 16. März in Frankfurt a. M.
Der Autor studierte Geschichte und Soziologie. Er war Redakteur der Frankfurter Neuen Presse, der Offenbach Post und bei der DBZ. Seit 1994 ist er als freier Architekturjournalist und Autor tätig.
Die Architekturbiennale in Venedig läuft vom 28. Mai bis zum 27. November 2016:www.labiennale.org/it/architetturaWeitere Informationen makingheimat.de:www.makingheimat.de/fluechtlingsunterkuenfte