Wiederbelebung einer Ikone

~Andrea Nussbaum

Wien hat seit Ende des vergangenen Jahres einen neuen/alten Ausstellungsbau, denn neu ist das 21er Haus nicht; handelt es sich doch um die nahezu originalgetreue Wiederherstellung des legendären 20er Hauses von Karl Schwanzer. 1956 errichtete dieser, damals keine 40 Jahre alt, für die Brüsseler Weltausstellung einen zukunftsweisenden Pavillon, der als bester der Expo mit dem Grand Prix d’Architecture ausgezeichnet wurde. Viel zu schade zum Verschrotten (und wohl auch zu teuer), dachte man sich damals in Österreich, und holte den demontierten Stahlskelettbau nach Wien, um ihn samt Adaptierungen, die von Schwanzer selbst vorgenommen wurden, nahe des ehemaligen Südbahnhofs wieder aufzubauen: Der zentrale Innenhof wurde überdacht, das ehedem offene EG mit Glas umhüllt und der ehemalige Expo-Pavillon 1962 als Museum des 20. Jahrhunderts – im Volksmund: 20er Haus – eröffnet.
Nach 40 Jahren Ausstellungsbetrieb (ab den 70er Jahren als Dependance des Museum Moderner Kunst) war jedoch Schluss: Es regnete hinein, der Stahl rostete, der Verputz war von Schimmel befallen. Was tun? Eine Ikone sterben lassen? Man entschloss sich zur Sanierung, zu der schließlich auch eine Erweiterung hinzukam. Den Wettbewerb dazu konnte der Schwanzer-Schüler Adolf Krischanitz für sich entscheiden, der den Bau akribisch »dekonstruierte«, um ihn detailgetreu wieder aufzubauen. Die zwingend vorgeschriebene Asbestentsorgung machte den Umbau nicht leicht und ließ die Kosten steigen. Zum Höhepunkt der Sanierungs- und Umbauarbeiten standen nur noch wenige nackte Pylone. Nach drei Jahren Bauzeit wurde »Schwanzer.02« wiedereröffnet. Die Halle erstrahlt im neuen Glanz mit freier Sicht auf den umliegenden Schweizergarten, nur wohin ist die schöne Freitreppe? Die musste dem musealen Platzbedarf der Österreichischen Galerie Belvedere weichen. Die Stiegen sind in zwei enge, geschlossene Treppenhäuser verbannt. Neu sind auch die beiden UGs und ein sechsgeschossiger Büroturm, der etwas abgerückt steht. Fast 32 Mio. Euro hat das neue 21er Haus gekostet. Hat es sich gelohnt, oder hätte man nicht doch den Mut haben sollen, die Ikone sterben zu lassen, bevor man sie nachbaut? »Hier geht es nicht um Material, nicht um den manifesten Baukörper an sich, sondern vielmehr um den Raum … Diese Qualität gilt es zu erhalten«, so die Antwort von Adolf Krischanitz.