Wettbewerbe, Bürgerentscheide und Welterbebaukultur

Sind Bürger die besseren Stadtplaner? Diese Frage stellt sich nach den Ergebnissen der beiden Bürgerentscheide in den beiden Welterbestätten Aachen und Regensburg im Dezember 2006. Aber auch die Frage nach der Notwendigkeit von veränderten Wettbewerbsverfahren und Ausschreibungsmodalitäten in Städten des Welterbes.

In Aachen stimmten die Bürger über das »Bauhaus Europa« auf dem Areal der karolingischen Kaiserpfalz zwischen Dom und Rathaus ab: Nach geladenem Wettbewerb hatte sich die Jury unter Vorsitz des Städtebauers Carl Fingerhuth einmütig für die Realisierung des Entwurfs des Wiener Architekten Wolfgang Tschapellers ausgesprochen. Für die wenig konkreten Inhalte einer Europa-Schau hatte der Architekt einen »bewegten« Glaskörper entworfen, der die historischen Koordinaten des Stadtraums und damit das Zentrum der Europäischen Idee ignorierte. Gerade der radikale Bruch mit der Tradition schien der Stadt und der Jury preiswürdig: Zeichenhaft zukunftsorientiert sollte die Event-Architektur schließlich 300 000 zusätzliche Besucher in die »Europastadt« Aachen locken. In Hinblick auf die Euregionale 2008 hatte das Land schon Fördermittel in Höhe von 21 Millionen Euro für das 31 Millionen Euro teure Prestigeprojekt bereitgestellt. »Nur« die auf jährlich 2 Millionen Euro bezifferten Betriebskosten müsste die Stadt dauerhaft übernehmen. Die Aachener Bürger nutzten die Möglichkeiten unmittelbarer Demokratie mit Bürgerbegehren und Bürgerbescheid. Ihr Verzichtsvotum ist überwältigend eindeutig: Über ein Drittel der Aachener Wahlberechtigten lehnten das »Bauhaus-Europa-Projekt« ab. Ein eindeutiges Misstrauensvotum gegenüber den gewählten Vertretern und den Planungsverfahren. Auch wenn es jetzt heißt, die Bürger hätten sich vor allem gegen die unwägbaren finanziellen Belastungen bei einem programmatisch vagen Nutzungskonzept ausgesprochen – ihr Votum darf auch als baukulturelles Statement interpretiert werden.

neue Rahmenbedingungen für wettbewerbe in welterbestätten?
Planen und Bauen im Welterbe braucht andere als rats- und landesherrliche Maßstäbe. Dies hat bereits das Welterbe-Komitee in seinem Wien-Memorandum 2005 klargestellt, das Rücksichtnahme auf »komplexe urbane Landschaften« fordert. Zur urbanen Landschaft zählen auch wertvolle Zwischenräume, physische, funktionale, visuelle, materielle aber auch gefühlte räumliche und soziale Zusammenhänge. Müssen nicht gerade für Architektur-Wettbewerbe in Welterbestätten andere Rahmenbedingungen geschaffen werden als landläufig üblich? Sollten die historischen Zusammenhänge nicht durch einen fundierten Bauforschungsbericht allen Planenden unmissverständlich als Grundlage vermittelt werden? Stattdessen sind kleine Denkmalkarten und unkommentierte, meist veraltete Studien Bestandteil der Wettbewerbsunterlagen. Im Ausschreibungstext rangiert alles Historische als knappe Warnung weit hinter den vorrangigen Wunschvorstellungen. Müsste Ortskenntnis der Teilnehmer nicht zur Auflage gemacht werden? Müsste die Welterbekommission nicht stimmberechtigt in der Jury vertreten sein? Müsste bei einem geladenen Wettbewerb nicht auch die Denkmalpflege Vorschlagsrecht bei der Besetzung der Jury und der Wahl der Wettbewerbsteilnehmer haben? Nach welchen Kriterien wären Vorprüfer und Jury-Vorsitz zu bestimmen? Meriten in der Weiterentwicklung von Megastädten qualifizieren nicht unbedingt für den Katschhof in Aachen. Nun haben die Bürger direkt entschieden. Wäre es nicht so, hätten sich wohl noch ICOMOS und die Welterbekommission mit dem Hinweis auf die Rote Liste zu Wort gemeldet. Aber kann man dieses bei fortgeschrittener Planung teure Veto der UNESCO nicht von vorn-herein vermeiden – durch mehr Bescheidenheit und mehr Einsicht in kulturelle Werte?
Der Regensburger Bürgerentscheid richtet sich bereits zum dritten Mal gegen ein Konzert-, Kongress- und Hotelzentrum auf dem Donaumarkt. Das Areal gehört zur Kernzone des frisch gekürten Welterbes. Umso vehementer argumentierte die Bürgerinitiative Donaumarkt gegen die altstadtunverträgliche Großmaßstäblichkeit. Der Rat indes lobte schnell noch einen Wettbewerb aus, in der Hoffnung, die Architekten könnten beweisen, dass Welterbe, Kongress- und Konzertsäle, Wochenmarkt und Donaupromenade zusammenfinden können. Der Auslobungstext wurde von der Denkmalpflege mit formuliert, auch war ein Modell zu liefern, das sich in das große Stadtmodell fügte. Als Jury-Vorsitzender wurde Klaus Humpert bestimmt, der sich als Kenner mittelalterlicher Stadtplanung ausgewiesen hat. Unter den 87 Einreichungen konnte sich die Jury letztlich auf kein wegweisendes Modell einigen. Sieben gleichberechtigte Entwürfe wurden nominiert, die die Juroren für entwicklungsfähig hielten. Aber sämtliche Einreichungen machten die Hilflosigkeit der Architekten deutlich. Für das überzogene Bauprogramm konnte es keine überzeugende Lösung geben. In seinem Begleittext machte das Büro ASP-Schweger nochmals deutlich: »Das Volumen des Kongresszentrums am Donaumarkt gefährdet den Maßstab der gewachsenen Stadt.« Letztlich hat der Regensburger Rat wundergläubig eine internationale Architektenschaft vorgeführt. Ganz ergebnislos ist der Wettbewerb dennoch nicht. Hinweisen einzelner Preisträger sollte die Stadt ernsthaft nachgehen: Eine Markthalle und ein Kreuzfahrtterminal für die Donauschifffahrt wären an diesem Ort nebst hochwertiger Wohnbebauung durchaus wünschenswert. Ein neuer Wettbewerb könnte der Welterbestadt zu einem angemessenen Portal am Donauufer verhelfen.
~Ira Mazzoni
Die Autorin ist freie Journalistin und schreibt unter anderem für das Feuilleton der Süddeutschen Zeitung und der ZEIT.