Fachkräftemangel auch im Baubereich: Wie weiter?

Wer soll’s denn machen?

»Mögen hätt ich schon wollen, dürfen hab ich mich nicht getraut.«

Wer hätte noch vor ein paar Jahren gedacht, dass das ebenso schöne, wie wahre Zitat von Karl Valentin für uns Architekten einmal einen paradoxen Konflikt der Berufsrealität ausdrücken könnte. Kaum vorstellbar damals, dass dem Drang zu planen und zu bauen einmal berechtigte Zweifel an der Bewältigbarkeit der möglichen Aufgaben gegenüberstehen könnten.

Bis vor etwa fünf Jahren war es noch eine geradezu als sportlich empfundene Selbstverständlichkeit, sich an möglichst vielen Wettbewerben zu beteiligen und viel Energie in die Akquise zu stecken. Waren die Aufträge dann erst mal gesichert, konnte man getrost nach qualifizierten neuen Mitarbeitern fürs Projektteam suchen und die Fachplaner nach harten Kriterien auswählen – um dann wiederum nach erfolgter Submission zahlreicher Firmenangebote die günstigsten (und eventuell trotzdem die besten) zur Vergabe zu empfehlen.

Angesichts einer zunehmenden Umkehrung des Verhältnisses der anstehenden Planungsaufgaben zu den dafür notwendigen, verfügbaren Ressourcen mag man sich schon die Augen reiben. Architekten sind zwar froh, viel zu tun zu haben, aber nicht darüber, die Arbeit kaum noch mit der gebotenen Sorgfalt und Qualität bewältigen zu können. Es fehlt nicht nur am geeigneten Nachwuchs, sondern ebenso an Fachplanern und Ingenieuren. Selbst öffentliche Bauherren beklagen die personelle Unterversorgung, mit der Folge, ihre Aufgaben kaum noch in erforderlicher Weise erfüllen zu können.

Eklatant wird es auf der Seite der ausführenden Firmen: Es gibt mittlerweile Submissionen, bei denen nicht eine einzige Firma ein Angebot abgibt. Die Folgen sind bekannt, die Baukosten steigen und steigen.

Es zeigen sich im Moment in nahezu allen Bereichen unserer Gesellschaft die Folgen eines anhaltenden Wachstums in einer gleichzeitig überalternden Gesellschaft. Neue qualitätvolle und bezahlbare Wohnungen fehlen ebenso wie Schulen, Seniorenheime, Büros, neuerdings auch wieder Konzerthäuser. Ganz zu schweigen von der Neuordnung unserer städtischen Räume und deren Infrastruktur. Es ist dabei kein Ende abzusehen, eine ja eigentlich verheißungsvolle Perspektive für Architekten.

Wir brauchen also dringend neue Strategien, um die anstehenden Aufgaben quantitativ und qualitativ zu bewältigen. Dabei stehen drei Bereiche im Zentrum: Erstens, die (aus Arbeitgebersicht) angespannte Situation auf dem Arbeitsmarkt der Architekten. Es ist kein Geheimnis, dass beispielsweise in Spanien und Portugal sehr gut ausgebildete Architekten nach dem Studium nur schwer Arbeit finden. Dennoch erfolgt die gezielte und überwiegend erfolgreiche Einbindung von Architekten aus dem Ausland im Moment nur durch Eigeninitiative einzelner Büros.

Es ist dringend erforderlich, diese Bemühungen besser zu organisieren, unsere Berufsverbände müssen an dieses Thema herangehen. Kontakte zu den Universitäten und Hochschulen müssen aufgebaut werden, es braucht Plattformen u. a. in Madrid, Mailand, Porto und Paris, um den Zugang zum deutschen Architekten-Arbeitsmarkt zu erleichtern.

Der zweite Bereich betrifft die Bewältigung höher werdender Anforderungen und damit die zunehmende Komplexität von Planungen. Die Berücksichtigung und Umsetzung stetig steigender Planungsanforderungen im Bereich der Bauphysik, Haustechnik oder Gebäudeautomation erfordert auch zunehmend mehr Sonderfachplaner. Dem Architekten wiederum fällt die Aufgabe zu, diese sowohl zu koordinieren als auch ihre Planungen einzupflegen. Digitale Modelle wie BIM scheinen dabei hilfreich zu sein, bergen aber auch große Gefahren. Zudem sind höhere Komplexitätsgrade der Planungssysteme zwangsläufig störungsanfälliger und benötigen einen deutlich erhöhten Pflegeaufwand. Ganz zu schweigen von der Qualitätssicherung im digitalen Planungsraum.

Es scheint doch primär notwendig auf übertriebene oder gar überflüssige Anforderungen zu verzichten. Ein Gebäude ist am Ende kein digitales Modell, sondern ein handwerklich erstelltes System, das belastbar und alterungsfähig sein muss.

Handlungsbedarf gibt es auch im dritten Bereich, der die kapazitätsbedingten, aber auch handwerklich-technischen Probleme auf der Baustelle sowie den Prozess des Bauens an sich im Fokus hat. Der in diesem Kontext sofort fallende Begriff des seriellen Bauens ist zwar nicht neu, erlebt im Moment jedoch v. a. angesichts der herrschenden Wohnungsnot in den Stadtregionen eine Renaissance. Aber Obacht, es droht der Qualitätsverlust!

Die Bauindustrie, der man ja erst mal nichts Schlechtes nachsagen mag, verfolgt eben naturgemäß andere Ziele als Architekten, es geht ihr primär um eine wirtschaftliche Umsetzung. Um die zu erreichen, genügen grundsätzlich weniger hohe Qualitätsanforderungen. Die vom Bundesverband deutscher Immobilien- und Wohnungsbauunternehmer kürzlich präsentierten seriell-modularen Projekte machen das deutlich. Das darf nicht die Perspektive sein. Vielmehr müssen wir beim seriellen Bauen darauf achten, dass gerade die spezifischen Aspekte eines Projekts, sein städtebaulicher, sozialer und gestalterischer Kontext der Ausgangspunkt für die Planung bleibt. Es muss also verstärkt darum gehen, die grundsätzlich positiven Möglichkeiten des seriellen Bauens mit den gebotenen Qualitätsansprüchen zu verbinden. Dafür braucht es zunächst die Einsicht und den Willen der Politik, die notwendigen Instrumentarien zu schaffen. Architekten können und müssen dabei einen wesentlichen Beitrag leisten. Ihr unabhängiger Blick aufs große Ganze ist die notwendige Voraussetzung für den Erfolg der Serie.

Egal ob in diesem Bereich, ob bei einer vereinfachten Planung oder bei der Akquise qualifizierter Mitarbeiter, es sind pragmatische Lösungsansätze gefragt, die nie die kulturelle Bedeutung der Architektur außer Acht lassen dürfen.

Die Gesellschaft hat gerade in Krisenzeiten die Fähigkeit ihre Selbstheilungskräfte zu aktivieren. Sie tut aber gut daran, auf die Dosierung zu achten, und um die Nebenwirkungen zu wissen.

~Alexander Vohl

Der Autor ist Landesvorsitzender des BDA Baden-Württemberg und geschäftsführender Gesellschafter von wulf architekten in Stuttgart.