Warme Farben für London

~Jürgen Tietz

Wie schade, dass »Lady Justice« auf der Spitze des ehrwürdigen Londoner Gerichtsgebäudes Old Bailey nicht einfach ihren Kopf drehen kann. Nach hinten blickend würde sie St. Paul’s sehen, über die Schulter geschaut stünden da die beiden Tate Moderns und links zu ihren Füßen böte sich ihr das Farbspiel an der Fassade des neuen Bürogebäudes von Sauerbruch Hutton (Bildmitte). Es war das erste Mal, dass die gebürtige Britin Louisa Hutton in London bauen konnte. Ein schöner Erfolg in ihrem Heimatland. Am Morgen nach einer Vorlesung, die sie an der Bartlett School for Architecture gegeben hat, durchwandern wir das Ensemble, im intensiven Austausch über die Referenz an den Ort, die Rolle der Farbe in ihren Entwürfen und das Thema der Stadtlandschaft. Zusammen mit dem Bauteil der Londoner Architekten Flechter Priest, die für die Ausführung beider direkt beauftragter Neubauten verantwortlich zeichnen, entstand anstelle der Vorgängerbebauung aus der Nachkriegszeit ein bis zu neungeschossiger Stadtbaustein mit Mischnutzung, der im vergangenen Juli bezugsfertig wurde.
Über Ladengeschäften im EG schließen sich Büroetagen an. Seine besonderen Qualitäten bezieht das preisgekrönte Ensemble gleich aus mehreren Aspekten, etwa der eleganten städtebaulichen Figur. Mit dem weichen Schwung ihres Baukörpers formen Sauerbruch Hutton eine organisch anmutende Stadtlandschaft. Wo die Bauteile der beiden Architekturbüros zusammentreffen, weitet sich der Straßenraum zu einem kleinen Platz, von dem aus eine schmale Gasse das Grundstück quert. Kunstvoll überführen Gustafson Porter Landschaftsarchitekten das Londoner Trottoir in steinerne Straßenmöbel zum Sitzen und geben dem Platz sein eigenes Gepräge. Nächster Glücksfall sind die von Sauerbruch Hutton entworfenen, farblich wohltemperierten Glas-Klappläden. Nicht ganz so farbsicher erweist sich die kräftig gelbe Glasfassade des Bauteils von Fletcher Priest. Von der Durchgangsstraße Ludgate Hill aus gesehen leitet dessen tiefe Fassadenschicht aus schlanken, fast weißen Betonelementen im niedrigeren Volumen mit gefühlvollem Schwung um die Straßenecke zu dem kleinen Platz und bindet das Ensemble zusammen. Den dritten Clou erlebt nur, wer das großzügige Entree und die Vorräume der Aufzüge im Gebäudeteil von Sauerbruch Hutton betritt. Dort hat das Berliner Duo sinnliche Wandflächen als Interpretation des antiken Perlstabmotivs aus Portlandstein geschaffen und knüpft so dezent an Old Bailey an. Solche Qualitäten wünschte man sich in »booming London« häufiger.