Die 9. Architekturbiennale in Venedig

Verwandlung ist nicht Neuanfang

»Metamorph« ist der Titel der Architekturbiennale in Venedig. Während die Giardini hauptsächlich den Präsentationen der Länder und ihrer Interpretation des Themas vorbehalten sind, bietet das Arsenale den größten Teil der thematischen Schau. Hier empfangen den Besucher vier Großleinwände, auf sie wird die Auforderung projiziert, sich eine kurze Pause zu gönnen und auf das Jahr 1980 (dem Jahr der ersten Architekturbiennale) und die damalige Aufbruchsstimmung zurückzublicken: der Beginn einer Architekturepoche, die sich von der klassischen Moderne löst. An Aldo Rossi und James Stirling wird erinnert, verwiesen wird aber auch auf zwei Architekten, die immer noch zu den Stars zählen: Peter Eisenman und Frank Gehry. Dieser Rückblick macht Ebenen des Wandels, die Metamorphose, die die Architektur seither genommen hat und die sich in den Räumen des Arsenale vor dem Besucher ausbreitet, plakativ: die Metamorphose architektonischer Formen und ihrer Werkzeuge, ihrer Materialien und ihrer Inszenierung.

Vielgestaltige Veränderung Und tatsächlich präsentiert sich dem Besucher, anschaulich in Modellen und Plänen, eine überbordende Fülle an Entwürfen und Gebäuden. Architektur als Freude für die Sinne. In den Sektionen Transformation, Topografie, Atmosphäre, Oberfläche und Hyperprojekte werden etwa 180 Projekte vorgestellt. Kraft des Computers entwickelt, finden sich komplexe Raumgeometrien, schillernde Oberflächen, geschwungene Wände, Hüllen, Schalen, faszinierende Kompositionen von Raum und Licht.
Was aber ist mit dem, was man am Eingang nahe gelegt bekam, was mit der Einladung zur Pause, die das Ausgestellte einzuordnen erlauben sollte? Von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen (so der Max Reinhardt Turm Peter Eisenmans von 1992, die Diplomarbeit eines Parkhauses von NL Architekten von 1996), wird das Ausgestellte nicht mehr mit dem Vergangenen in Bezug gesetzt. Gerade aber wenn man die Verwandlung darstellen möchte, dann wäre es hilfreich, Entwicklungsschritte zu zeigen, ebenso wie man die Vorbilder der präsentierten Architektur nicht hätte unterschlagen dürfen, kam doch die Transformation nicht aus dem Nichts. Saarinen, Kiesler, Abraham etwa – teilweise sind sie immerhin im guten Katalog zu finden, doch meist bleiben sie außen vor. Schon Architekten bleibt die Ausstellung der von starken qualitativen Schwankungen begleiteten Masse der Projekte Erklärungen nach Zusammenhängen schuldig; enttäuscht wird selbst, wer auch nur nach kritischen Fragen nach der Kommerzialisierung oder der Folge solcher Atmosphärenkonstruktionen für die Städte wie für den Berufsstand sucht. Aber vor allem wenn eine Biennale auch dem Anspruch genügen will, nicht nur Fachleute anzusprechen, wäre etwas mehr Liebe zur Didaktik, etwas weniger Überwältigungsfuror dienlich gewesen. Und verzeihlicher wären die Lücken, die eine solche Schau zwangsläufig aufweisen muss.
So aber stellt sich schon die Frage, wodurch diese Lücken motiviert sind, die die visuelle Komplexität bei näherer Betrachtung inhaltlich doch wieder reduzieren. Nicht nur fehlen unter den Superstars Zumthor, Herzog & de Meuron, Rem Koolhaas oder die genau ihre verwandelnden Interventionen abwägenden Lacaton und Vasall – allesamt wahrlich keine Architekten, die dem Diskurs über die Weiterentwicklung der Architektur keine Impulse gegeben hätten. Man sucht vergeblich nach Architekten, die nicht aus Europa, Nordamerika oder Japan kommen. Auch fehlt merkwürdigerweise ein Gebäudetyp, der vielleicht besonders deutlich nicht nur die Verwandlung der Architektur, sondern auch die einer Typologie und des städtischen Umfeldes durch Architektur hätte demonstrieren können: die Sportarena.
Doch ist dem Kurator Kurt W. Forster zugute zu halten, dass er sich nicht auf den Glanz einer Starparade verlassen wollte und genauso junge Architekten eingeladen hat. Sie stehlen bisweilen den etablierten die Schau. Deutlich wird das bei einem Gebäudetyp, den Forster besonders würdigt: der Konzerthalle. In dieser Sektion überzeugen die dänischen Architekten des Büros Plot, noch nicht einmal älter als dreißig, mit ihrer Konzerthalle für Stavanger mehr als Foster mit dem Sage Music Center aus Gateshead. Und während Daniel Libeskind offensichtlich mehr Wert darauf legt, als Entwurfsverfasser von möglichst vielen möglichst schnell auszumachen zu sein, sind die jüngeren Spanier Mansilla und Tuñón mit dem Auditorium von León und einer ungleich poetischeren Architektur vertreten.
Daneben setzt die Ausstellung zwei weitere bemerkenswerte Schwerpunkte. Einer ist der Fotografie gewidmet. Ihre Rolle kann schon lange nicht mehr auf die der Dokumentation reduziert werden; sie als Interpretation auf höchstem Niveau, als eigenständige ästhetische Erfahrungsmöglichkeit von Architektur zu Wort kommen zu lassen, war für eine Ausstellung der Bedeutung der Biennale längst überfällig.
Und dann gibt Forster in als »Episoden« charakterisierten Beiträgen einzelnen Architekten die Chance, Architektur nicht nur in Plänen, Fotos und Modellen, also aus zweiter Hand zu präsentieren, sondern sie als Mittel der Interpretation in Rauminstallationen direkt erfahrbar zu machen. Besonders drastisch ist die direkte Konfrontation von Scolaris im Zentrum des italienischen Pavillons als symbolischer Rest der großen Katastrophe platzierten Spitze des Turms zu Babel mit dem dekonstruktivistischen Labyrinth des für sein Lebenswerk geehrten Peter Eisenman.
Länderpavillons Die Allgemeinheit des Themas scheint viele Länder dazu verführt zu haben, einer Auseinandersetzung aus dem Weg zu gehen. Ohne großartige Reflektion oder dem Versuch, das Thema auszuloten, präsentieren sich etwa Finnland, Großbritannien und die Nordischen Länder im Pavillon Sverre Fehns, die USA zeigen unter anderem Ideen zur umweltverträglicherem Umgang mit Autos, die nur noch ihnen selbst neu sein dürften. Dabei macht gerade die thematische Ausstellung deutlich, dass im Bemühen um den übergreifenden, globalen Architekturdiskurs über viele Aspekte hinweggefegt wird, die seine globale Orientierung erzeugt. Die Lücken der Ausstellung Forsters machen dies mehr als deutlich, wird doch in ihr über die ökologischen und sozialen Verwerfungen, die infolge vor allem städtischer Veränderungsprozesse aufbrechen, geschwiegen. Die Niederlande und Frankreich indessen weisen darauf hin, dass die Gestaltung der städtischen Metamorphose eine Hauptaufgabe der Zukunft ist.
Und so ist es letztlich auch keine Willkür, dass der belgische Pavillon mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet wurde: Er legt den Finger besonders schmerzlich in die Wunde, die durch die Einschränkung des Blicks, die Forster uns zumutet, aufgerissen wird. In der Ausstellung dort gehen die Kuratoren anhand von Kinshasa (das bis 1960 zu Belgisch Kongo gehörte) der Frage nach, ob Urbanität angesichts permanenter architektonischer und städtischer Krise unabhängig von Architektur existieren kann und wie sie sich dann definiert: auf der Ebene des Sozialen, des Religiösen, der Körper.
Auf andere Weise machen sich Japan, die Schweiz und Irland auf die Suche nach Aspekten der Verwandlung. Japan stellt plastisch die Raumwahrnehmung und Wirklichkeit von Kindern dar, die sich in die Welt der Comics flüchten. Im schweizerischen Pavillon entwickelt Christian Waldvogel mittels der Fiktion von der Umstülpung der Erdoberfläche einen tatsächlich utopischen Weltentwurf, der gleichzeitig Gefäß der Erinnerung wie Projektionsfläche der Hoffnung und der Vision sein kann. Irland stellt den Umbau des kleinen Letterfrack von einem von repressiv-reformatorischem Eifer geprägten Dorf in eine durch Beteiligung und Selbsthilfechancen neu eröffnete Zukunft vor. Architektur ist dabei als gleichsam Nukleus und Ausdruck der Verwandlung, die wieder Zukunft verheißen kann.
Keimzelle Peripherie Etwas von dieser Hoffnung spiegelt sich in den im deutschen Pavillon ausgestellten Projekten wider. Die 36 Gebäude, die das Team um Francesca Ferguson ausgewählt hat, sind Interventionen an Orten und in Landschaften, die im toten Winkel des allgemeinen ästhetischen Blicks liegen. Dort wirken sie als Katalysatoren, als Hinweise darauf, was an diesen Orten der gestalterischen Vernachlässigung möglich sein kann. Zusammenmontiert zu einem großen Panorama, einer »Deutschlandschaft« (ein Begriff, den Auer + Weber und Albert Hien für den Entwurf des Pavillons für Sevilla 1992 prägten), präsentiert sich dieses Land, dem doch so viel Lethargie und so wenig gestalterische Innovation zu entwickeln vorgeworfen wird, nun als eines, in dem Architekten immerhin in der Lage sind, verfahrene, banale und bedrückende Situationen zu Voraussetzungen architektonischer Qualität umzudeuten. Nicht verwandelte Architektur, sondern Architektur als Mittel, Verwandlung einzuklagen, einzuleiten oder schon mit kleinen Mitteln bewirken – so also Fergusons Interpretation der forsterschen Vorgabe (siehe db 5/04). Umgedeutet wird dabei nicht nur die räumliche Ausgangssituation, sondern auch die administrative Zumutung. Um zu zeigen, wieviel Kreativität hierzu notwendig ist, wird dem Besucher Einblick in deutsche Bauvorschriften und Planungsbestimmungen gewährt (leider nur auf Englisch; das Groteske, das sich gerade im Beamtendeutsch ausdrückt, verflüchtigt sich dadurch). Dass keines der Gebäude aus dem Herzen einer deutschen Großstadt kommt, darf durchaus als Kritik an den Grabenkämpfen um die gestalterische Deutungshoheit über die Zentren interpretiert werden.
Da passt es, dass Berlin als Symbol städtischer Metamorphose eine Fotoserie in der Hauptausstellung gewidmet ist: Metamorphose der Gestalt und des Systems – nicht aber der Architekturauffassung. Dazu findet Forster deutliche Worte: »Für die Metamorphose Berlins ist die Architektur sekundär oder sogar beiläufig. Was da an großen Gebäuden gebaut wurde, ist von fataler Veraltetheit.« Die Botschaft Venedigs (nicht nur) an Berlin ist also diese: Es kann nicht bestehen bleiben, was sich nicht verändert. In den Metamorphosen des Ovid verwandeln sich Personen oftmals in Tiere oder Pflanzen, um einer Bedrohung zu entgehen, um zu überleben. Dieser Bezug wird schon im Auftakt zur Reise in die Veränderung, zu der uns Forster mit dem Rückblick auf 1980 eingeladen hat, hergestellt: mit Gloria Gaynors Hit »I will survive.« ch
Bis zum 7. November, Giradini und Arsenale, täglich 10 – 18 Uhr, sowie Sonderausstellungen in Venedig, Vicenza und Verona (unter anderem über die Museumsinsel Hombroich, Venedig, Palazzo Zenobio, täglich 10.30 – 18 Uhr) Der Katalog kostet 60 Euro, der Katalog zur Ausstellung im deutschen Pavillon ist bei Hatje Cantz erschienen und kostet 29,80 Euro. www.labiennale.org