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Vergessene Erinnerung

Es ist schon eine sehr seltsame Geschichte, die der in Japan geborene britische Bestsellerautor Kazuo Ishiguro in seinem

~Jürgen Tietz

jüngsten Roman »Der begrabene Riese« erzählt: Zwei alte Menschen, Axl und seine Frau Beatrice, machen sich aus ihrem Dorf auf, um ihren Sohn zu besuchen, den sie lange nicht mehr gesehen haben. Die Leser begleiten sie auf einer beschwerlichen Reise durch die unsichere Welt im Britannien des 5. Jahrhunderts. Doch weder ein Ritter von König Artus Tafelrunde, ein Zauber Merlins noch ein alter Drache sind das Wundersamste, das Axl, Beatrice und ihrer Umwelt widerfährt, sondern, dass sie sich kaum an etwas zu erinnern vermögen: »Es kam diesen Menschen einfach nicht in den Sinn, über Vergangenes nachzusinnen – nicht einmal über das, was erst vor Kurzem passiert war.« Über allem breitet sich ein giftiger Nebel des Vergessens aus. Doch die Erinnerungen sind nicht für immer verloren. »Wir finden sie wieder, eine nach der anderen, wenn es sein muss«, ist sich Axl gewiss. Allerdings lernen die beiden Alten auf ihrer Reise am Rand der Mythen, dass sie ihre privaten und gemeinschaftlichen Erinnerungen nicht ohne einen hohen Preis zurückerhalten werden. Denn der vermeintlich böse Zauber des Vergessens bewahrt die unterschiedlichen Stämme Britanniens auch davor, dass mit der Erinnerung die Wut wiedererwacht und sie sich wie zu Zeiten von König Artus in blutiger Schlacht aufeinander werfen.
Ishiguro hat nicht nur einen Roman von archaischer Schönheit geschrieben. Er hat eine hoch aktuelle Fabel verfasst, mit der er unter dem Deckmantel einer fantastischen Geschichte auf eindrucksvolle Weise die zentrale Gegenwartsfrage nach dem Wert von kultureller Erinnerung und kulturellem Vergessen thematisiert – wie viel Schmerz auch immer mit ihnen ver-bunden sei.
Wie aber sieht eine angemessene kulturelle Erinnerung in den Zeiten ihrer virtuellen und haptischen 3D-Reproduzierbarkeit aus dem Drucker aus? Ist ihr Ziel eine harmonisierende Rückgewinnung der Welt, ohne kriegszerstörte Bauwerke, befreit von den unliebsamen Erinnerungsschichten und Zeugniswerten ihrer Beschädigungen? Die abstrakte Frage gewinnt angesichts der dramatischen Zerstörung der antiken Monumente in der syrischen Welterbestätte Palmyra durch die Terroristen des IS schnell konkrete Bedeutung. Richteten sich die Sprengungen und Denkmalschändungen dort doch nicht nur gegen die verhassten Objekte selbst und die Menschen und die Region in der sie standen. Diese »damnatio memoriae« zielte nicht weniger auf Europa, denn mit Palmyra sollte auch ein Baustein des kulturellen Ursprungs Europas im Nebeln des Vergessens versinken.
Doch so schmerzlich die Verluste sein mögen, die 1926 gegründete Koldewey-Gesellschaft, die den Namen des Bauforschers Robert Koldewey trägt, der einst Babylon ausgegraben hat, bezieht in ihrer jüngsten Stellungnahme klar Position gegen eine unreflektierte Rekonstruktion der verlorenen Monumente. Mit ihr würde suggeriert, »man könne mittels digital erzeugter Reproduktionen, wie etwa 3D-Plots, alles wiedererstehen lassen, was irgendwann einmal von irgendwem zerstört wurde, und die digital erzeugte Kopie sei ein vollwertiger Ersatz für das verlorene Original.«
Das mag all jenen, die die Zerstörungen durch den IS möglichst schnell ungeschehen machen möchten nur schwer verständlich erscheinen. Doch zur Aura des Authentischen im Sinne Walter Benjamins gehört bei jedem Monument stets dessen kultureller Kontext. Sind sie doch Dokumente ihrer Entstehungszeit wie ihrer Herstellung. »Digital oder auf anderem Wege erzeugte Kopien entwerten das Original und kaschieren dessen unwiederbringlichen Verlust als historisches Dokument und als Forschungsgegenstand«, zeigt sich die Koldewey-Gesellschaft daher zu Recht überzeugt.
Fast zwei Jahrtausende nach der Blüte Palmyras entstand in Guben das Haus Wolf nach Entwurf Ludwig Mies van der Rohes, das als »missing link« der Moderne auf dem Weg zum »freien Grundriss« gilt. Auch wenn das Haus nicht wie Palmyra in einem bewussten Akt der Auslöschung 1945 zerstört wurde, so ist sein Verlust doch Teil seiner Geschichte. Und es ist kaum ein Zufall, dass sich gerade jetzt gegen die Rekonstruktionsbestrebungen berechtigter Widerstand formiert. Eine Gruppe renommierter Baugeschichtsforscher betrachte die Absicht, Haus Wolf wiedererstehen zu lassen, »mit großer Skepsis«. Auf einer Webseite der BTU Cottbus wird über einen angemessenen Umgang mit dem Fragment der Baugeschichte diskutiert (https://www.b-tu.de/cultural-heritage-centre/diskussion/haus-wolf-in-gubin).
So wie in Ishiguros Roman Axls Frau Beatrice die Erinnerung »lieb und kostbar, in jeder Gestalt« ist, so gilt es auch im Fall von Palmyra oder Haus Wolf jede der daran geknüpften kulturellen Erinnerungen zu bewahren – so schmerzlich sie sein mögen. Wenn Erinnerungen nicht für immer an Imitate verloren gehen sollen, sondern man sie eine nach der anderen wiederfinden will, dann bedarf der Umgang mit den Verlusten »einer nachhaltigen und umfassenden Diskussion, die von den betroffenen Gesellschaften ausgehen muss und ihre spezifischen Bedürfnisse und Gegebenheiten berücksichtigt«, wie es der nachdenkliche Aufruf der Koldewey-Gesellschaft formuliert. Sonst nämlich droht das perfide Verbrechen der Zerstörung des kulturellen Erbes durch den IS im »perfekten Verbrechen« im Sinne Jean Baudrillards zu münden, der vorzeitigen »Auflösung der Welt durch Klonung der Realität und Vernichtung des Realen durch sein Double«. Unsere Stellung in und zur Geschichte definieren wir ebenso durch das, was wir mit unseren Monumenten erinnern, wie durch das, was wir in ihnen am liebsten vergessen würden.
Der Autor studierte Kunstgeschichte und arbeitet als Architekturkritiker und Buchautor in Berlin.