Gartenfestival Lausanne 2004

Unter den Gleisen der Strand

Vor sieben Jahren bog man in Lausanne nichts ahnend um eine Gebäudeecke und stand plötzlich vor einer riesigen Wand aus Schilf. In städtischen Zierbeeten wuchsen Rote Beete und Sellerie, am Bahnhof duftete es nach Gewürzen und Kräutern. 1997 organisierte die Stadt am Genfer See zum ersten Mal »Lausanne Jardins« mit dem Ziel, zeitgenössische Gartenkunst Bewohnern und Touristen näher zu bringen. Mit großem Erfolg. Hatte man damals noch das gesamte Zentrum der Stadt bespielt und gerade durch den Kontrast zwischen Natur und Kultur Spannung erreicht, konzentriert man sich dieses Jahr auf einen Ort: das Vallée du Flon. Das Tal ist eine gewerblich genutzte Schneise, die von Osten her bis ins Herz von Lausanne reicht. Es besteht aus mehreren großen Plateaus, die ab 1870 aufgeschüttet wurden, und ist die größte zentral gelegene Flächenreserve der Stadt. Der Parcours der »Jardins de Passage«, wie die diesjährige Ausstellung heißt, beginnt am verkehrsreichen Place de l’Europe und führt stadtauswärts über Terrain, das zum Teil noch industriell, zum Teil schon kulturell genutzt wird – vorbei an Lagerhallen, Brachen und weiten Gleisfeldern, bis zum Gelände einer alten Gasfabrik. Von den Jardins erhofft man sich Ideen für die kommenden Planungsschritte sowie einen frischen Blick auf vorhandene und verschüttete Qualitäten des Ortes, der sich in den kommenden beiden Jahrzehnten von Grund auf wandeln soll.

Von der einst idyllischen Natur des Tals ist fast nirgendwo mehr etwas zu spüren, weshalb auch einige der insgesamt 34 Projekte versuchen, sie wieder aufleben zu lassen. Man stößt auf imaginäre Baumschatten, die mittels fluoreszierender Farbe des Nachts von einem Aufzugturm leuchten, gleichsam als Geist ihrer realen Vorfahren an dieser Stelle. Wenige Schritte weiter erinnert eine »Wassertreppe« an den hier einst plätschernden Fluss, der heute unsichtbar im Boden fließt: Ein schräger Containerstapel verbindet zwei Plateaus, auf dem Wasser schwimmen Seerosen – eine stille Idylle, scharf begrenzt von stählernen Rahmen.
Doch nicht nur die Vergangenheit des Ortes bemühen viele Projekte. Andere weisen auf seine nicht ganz unproblematische Gegenwart hin. So widmen sich zwei Installationen der Prostitution, die hier ihre Blüten treibt: Vor einem Gleisfeld locken im Dunkeln »verruchte Hügel mit üppigen Formen«, Scheinwerfer und Blüten ziehen Honig sammelnde Insekten an. »Der natürliche Bestäubungszyklus vermischt sich mit den menschlichen Aktivitäten des Quartiers«, erläutern die Verfasser ihr Projekt »Belles de nuit«. Der Garten »Fleur de pavé« vor einem Theater ist ebenso den leichten Damen gewidmet. Auf einem gestreiften »Teppich« aus roter Fahrbahnmarkierung stehen schwarze Stahlfässer, die als Behälter bunt gemischter Pflanzen dienen und mit Worten aus dem historischen »Petit glossaire de la Prostitution« bedruckt sind – »calicote«, »radeuse« oder »miché«, darüber Disteln, Tabak und Jasmin.
Wie in allen Industriequartieren ist auch im Flon-Tal der Ausländeranteil hoch. Die Migration thematisieren einige der Teams aus Landschaftsarchitekten, Architekten und Künstlern, deren Großteil letztes Jahr mit einem Wettbewerb ausgewählt wurden und je zur Hälfte aus der Schweiz und dem Ausland stammen. So flaniert man beispielsweise an einem Nutzgarten vorbei, den nebenan wohnende Flüchtlinge bestellen. Auf einer Feuerstelle kochen, auf der Holzbühne daneben essen und feiern sie mit den Besuchern. Eine ähnliches Projekt findet sich auf dem Gelände des ehemaligen Gaswerks: In alten Pflanzenkübeln, Brunnen und Badewannen wachsen Gemüse und Kräuter, die an jedem Freitag von einem anderen Ausländerverein zu einer »multikulturellen Suppe« verarbeitet und gratis serviert werden. Wer hätte an einer Gartenschau so viel soziales Engagement und so wenig formale Ambition erwartet?
Die Veranstalter spielen neben der Rolle der Sozialarbeiter auch die der Stadtplaner: Eine stillgelegte Güterbahnlinie erwecken sie zu neuem Leben und empfehlen sie als Rückgrat des zukünftigen Quartiers. Vorerst durchquert man damit allerdings nur an Wochenenden das Areal, bleibt ab und zu stehen und erfährt dabei per Lautsprecher etwas zu seiner Geschichte. Wohlgemerkt: Im Gegensatz zu deutschen Gartenschauen sind in Lausanne alle Projekte temporär, sollen ihre Spuren lediglich in den Köpfen hinterlassen. Dass sich unter den »Jardins de Passage« auch viele hilflose, ja banale Eingriffe finden, soll nicht verschwiegen werden. Man stößt aber auch auf wundervoll unbeschwerte Kunststücke wie »Les Coureuses – Lausanne 2004«, ein Pflanzensportplatz auf dem ein Dutzend Sprösslinge der Spanischen Bohne von Startblöcken aus um die Wette wachsen. Axel Simon
Bis 17. Oktober, www.lausannejardins.ch Der Autor ist als Architekturkritiker beim Tagesanzeiger in Zürich tätig.