Tübinger Planspiele – Teil II

Wie viele städtebauliche Planungen laufen schief, weil die Akteure nicht bereit sind, von Anfang an in Alternativen zu denken und

andere als die eigenen Lösungsvorschläge ernsthaft zu prüfen. Seit Stuttgart 21 glauben manche Politiker, Bürgerbeteiligung neu erfinden zu sollen. Zu beherzigen wäre allerdings zunächst, was längst im Baugesetzbuch (BauGB §3,1) steht: »Die Öffentlichkeit ist möglichst frühzeitig über die allgemeinen Ziele und Zwecke der Planung, sich wesentlich unterscheidende Lösungen (…) und die voraussichtlichen Auswirkungen der Planung öffentlich zu unterrichten.« Eine kluge Vorschrift, wissen wir doch, dass die schlimmsten Planungsfehler am Anfang passieren. Aber immer noch reagiert mancher Stratege auf den Wunsch, man möge auch Alternativen bedenken, mit der Frage: »Soll vielleicht alles so bleiben, wie es ist?«

Die Tübinger Planungen für eine strukturelle und bauliche Erneuerung des innerstädtischen Universitätsviertels bieten hierzu ein schmerzhaftes Lehrstück. Das Land, sein Tübinger Bauamt und die Universität hatten 2008 einen städtebaulichen Wettbewerb für die Erneuerung des innerstädtischen »Campus« ausgeschrieben. Dass bei der Präsentation der Ergebnisse zahlreiche Baudenkmale – u. a. die Mensa von Paul Baumgarten und das studentische Clubhaus von Rolf Gutbrod – in den Plänen verschwunden waren und die Zukunft des übrigen Stadtviertels so gut wie keine Rolle spielte, löste in der Stadt Proteste aus (s. hierzu auch den Kommentar in db 3/2010 von Amber Sayah). Eine Bürgerinitiative Wilhelmsvorstadt/Universitätsviertel meldete sich kritisch zu Wort, die Stadt richtete eine Planungswerkstatt ein. Hier hätte es eigentlich zu einem Abgleich der divergierenden Positionen und zu einem gemeinsamen weiteren Vorgehen kommen sollen.
Gelungen ist dies allerdings bis heute nicht. Zwar hat man sich unter einer externen Moderation auf gemeinsame Ziele geeinigt wie etwa eine Machbarkeitsstudie für eine Mensasanierung, den Abbau der »Zerhäuselung« von Universitätseinrichtungen über das ganze Stadtgebiet, eine möglichst weite Rücksichtnahme auf den Denkmalschutz und die Widmung eines neuen Universitätsplatzes auch für das Quartier und die Allgemeinheit. Doch gleich nach Festlegung dieser Ziele begann es zu knirschen: Universität und Bauamt wollten das schriftliche Ergebnispapier des Baubürgermeisters nicht bestätigen.
Drei Jahre nach dem Wettbewerb konzentriert sich nun die Diskussion auf den anvisierten neuen Universitätsplatz und sein Umfeld neben der klassizistischen Neuen Aula. Eine konstruktive Auseinandersetzung mit der seit 2009 bestehenden Idee eines Mensa-Neubaus scheitert am Fehlen aussagekräftiger Vorentwurfsskizzen des staatlichen Bauamts. Auch für den geplanten Universitätsplatz existiert bei der Universität keinerlei inhaltliches Konzept. Die Zukunft der Baumgarten-Mensa bleibt schließlich völlig ungewiss. Hat die Universität wirklich ihre eigenen langfristigen Interessen im Blick?
Vorschläge aus der Bürgerinitiative, die von einer – vom Denkmalamt geforderten – Renovierung und Weiternutzung der bestehenden Mensa ausgehen, lassen dem angestrebten Platz viel Spielraum: Die angrenzende Paläontologische Sammlung würde räumlich einbezogen; ebenso der denkmalgeschützte, wissenschaftsgeschichtlich bedeutsame Physikhörsaal von 1908. Er könnte künftig als öffentliches Forum oder als Teil des Universitätsmuseums genutzt werden. (Im Falle des Mensa-Neubaus müsste er voraussichtlich abgebrochen werden.) Und das dringend benötigte Servicezentrum für die Studierenden würde in einem mehrgeschossigen Eckgebäude den neuen Platz markieren.
Das Lehrstück endete im Mai 2012 vorläufig damit, dass die Stadt an das Projekt einen planungsrechtlichen Knopf machen wollte: Das Land sollte selbst entscheiden, ob es einen Neubau oder die Sanierung der Mensa anstrebt. Zuvor sollten allerdings die Aspekte, die dann zur Entscheidung führen, der Öffentlichkeit transparent gemacht werden, dabei seien auch die städtebaulichen Konsequenzen darzustellen. Drei Monate danach erklärte das Land aber schlichtweg, nun definitiv eine neue Mensa bauen zu wollen. Wieder blieben viele Fragen offen. Man versprach, die von der Stadt verlangte transparente Begründung mit aussagekräftigen Plänen nachzuliefern. Darauf wartet Tübingen bis heute. Resümee: Gesetz hin oder her, es bleibt schwierig, in der Praxis ernsthaft mit Alternativen umzugehen.
Gäbe es diese, müssten sie mittlerweile ohnehin anders bewertet werden, da sich die Vorzeichen geändert haben: Tübingen bewirbt sich um den Status als UNESCO-Weltkulturerbe mit dem Thema »Die Universitätsstadt als kultureller Raum über 500 Jahre«. Zusätzlich sind durch eine Veröffentlichung in der db die günstigen Renovierungskosten bei der – etwa aus der gleichen Generation wie die Baumgarten-Mensa stammenden – Mensa II in Freiburg (s. db 11/2012) bekannt geworden. Diese werden in der weiteren Diskussion eine Rolle spielen, auch wenn in Tübingen bei einer Mensarenovierung der Betriebstrakt durch einen Neubau ersetzt werden müsste und damit die Umbau- und Sanierungskosten sicher höher lägen. Insgesamt mehren sich mittlerweile aber sowohl die Zweifel an den hohen bisher für die Sanierung genannten Kosten als auch die Bedenken gegenüber dem großzügigen Umgang mit dem Denkmalschutz.
Während dieser Text entstand, berichtete die Stuttgarter Zeitung übrigens, das Bundesverkehrsministerium lehne weitere Milliardenausgaben für Stuttgart 21 ab und dringe im Aufsichtsrat der Deutschen Bahn auf die Prüfung von Alternativen. So mag man sich gern Schillers Wallenstein anschließen: »Spät kommt Ihr – doch Ihr kommt!« Auch in Tübingen muss man die Hoffnung also noch nicht aufgeben.
~ Andreas Feldtkeller
Der Autor ist Stadtplaner in Tübingen. Im vergangenen Jahr erschien sein neues Buch »Zur Alltagstauglichkeit unserer Städte«.