Chancen und Risiken für deutsche Architekten in Brasilien

Traum oder Träumerei?

Bei verhangenem Himmel am CAD-Arbeitsplatz in Deutschland kann einem schon ein- mal der Gedanke durch den Kopf schießen, wie es wohl wäre, in einem exotischen Land zu leben – und zu arbeiten. Wer sich dazu entschließt, sollte zuvor die tatsächlichen Arbeitsbedingungen seines Traumlands mit seinem Träumen in Einklang bringen.

Wirtschaftliche Situation Brasilien lässt sich grob in zwei Regionen aufteilen: Zum einen der entwickelte Süden und Südosten, mit den Bundesländern Minas Gerais, Espirito Santo, Rio de Janeiro, São Paulo, Paraná, Santa Catarina und Rio Grande do Sul. Zum anderen, und größtenteils weniger entwickelt, der Nordosten, der Norden, und der westliche Teil Zentral-Brasiliens, mit den regional bedeutenden Wirtschaftszentren Belém (Pará), Brasília (Regierungsdistrikt), Campo Grande (Mato Grosso do Sul), Cuiabá (Mato Grosso), Fortaleza (Ceará), Manaus (Amazonas), Recife (Pernambuco) und Salvador (Bahia). Der wirtschaftlich bedeutendste Staat ist zweifelsohne São Paulo, mit seinen 30 Mio Einwohnern (davon allein 17 bis 22 Mio in São Paulo-Stadt) und einem Anteil am Bruttoinlandsprodukt Brasiliens von mehr als 50 Prozent. Die südlichen Bundesländer Paraná, Santa Catarina und Rio Grande do Sul werden künftig ebenfalls an wirtschaftlicher Bedeutung gewinnen.
Soziale Herausforderungen Metropolen wie São Paulo und Rio de Janeiro gelten gemeinhin als Symbol für den südamerikanischen Traum, für Lebensart und Exotik. Will man deren Baukultur jedoch auch als Spiegel der Gesellschaft verstehen, kann man in ihr neben allem schwärmerischen Bilderreichtum auch die extremen Kontraste und Miseren des ganzen Landes ablesen.
Aufgrund eines in Europa nur schwerlich vorstellbaren Städtewachstums haben sich die Metropolen Brasiliens zu städtebaulichen Brennpunkten entwickelt, die heute eine ständig wachsende soziale Herausforderung für Architekten und Planer gleichermaßen darstellen. »Stetige Zuwanderung, das damit verbundene Wachstum der Favelas, Obdachlosigkeit und soziale Ungerechtigkeit stellen essenzielle gesellschaftliche Probleme dar, bei deren Lösung Architekten eine maßgebliche Rolle spielen können,« erläutert Thorsten Nolte. An dieser Stelle ist Idealismus gefragt, und daher haben sich in zunehmendem Maße NGO’s (Non-Governmental-Organizations), Präfekturen und Universitäten dieses Themas angenommen.
»In Rio de Janeiro beispielsweise hat sich die Bauhaus-Universität Dessau mit dem Projekt ›Celula Urbana‹ in der Favela Jacarezinho betätigt: ein außergewöhnliches Beispiel dafür, wie die Synergie internationaler Zusammenarbeit im sozialen Bereich zu ungewöhnlichen und interessanten Resultaten führen kann.«
Ausländische Einflüsse Die architektonische Landschaft brasilianischer Metropolen ist geprägt von städtebaulich oft willkürlich angeordneten Funktionsbauten mit geringem Anspruch. Highlights, wie man sie aus Europa kennt, sind dünn gesät oder stammen zumeist aus der Zeit der klassischen Moderne, repräsentiert durch Oscar Niemeyer, Affonso Eduardo Reidy und Lucio Costa. Seit den siebziger Jahren wird aber auch Architektur nach Brasilien »importiert« beziehungsweise vorbehaltlos adaptiert: »Insbesondere in São Paulo stammen viele der heutigen Projekte aus der Feder nordamerikanischer Architekten. Die Ausführungsplanung wird von inländischen Büros erarbeitet, da die brasilianischen Behörden keine ausländischen Architekten als Projektautoren akzeptieren,« erklärt Thorsten Nolte. Diese Büros fanden bisher auch keine namentliche Erwähnung. Neuerdings aber zeichnet sich eine offenere Haltung ab: so liest man in Brasilien im Zusammenhang mit Prestige-Projekten jüngeren Datums auch schon einmal Namen wie Jean Nouvel beim Guggenheim Museum Rio de Janeiro oder Christian de Portzamparc bei der neuen Philharmonie.
Chancen für Ausländer Nicht anders als in Deutschland produzieren auch brasilianische Hochschulen inzwischen ein Übermaß an Architektur-Absolventen, von denen nur ein Bruchteil am Markt benötigt wird. Während allein im letzten Jahr die brasilianische Baubranche Einbußen von sechsProzent hinnehmen musste, hat die Zahl der an Universitäten angebotenen Architektur-Studiengänge seit Ende der neunziger Jahre um circa 50 Prozent zugenommen. Zugleich stieg der Anteil der privaten Universitäten auf 78 Prozent, ein deutliches Zeichen für ein mangelhaft entwickeltes, staatliches Bildungssystem.
Die Konsequenz hoher Zahlen von Studienabgängern kennt man auch aus Deutschland: Architekten, die in andere Branchen oder Randbereiche ausweichen müssen – oder mitunter langjährig arbeitslos bleiben.
»Wenn nun schon für Brasilianer der Einstieg in den örtlichen Architektur-Markt äußerst schwierig ist, können auf den ersten Blick die Bedingungen für Ausländer nicht einfacher sein. Weitere Barrieren sind das unvermeidliche Erlernen der Landessprache (Brasilianisches Portugiesisch) und das schwierige Erlangen eines Arbeitsvisums.
Zugleich aber bringt ein deutscher Architekt das Potenzial einer meist hochwertigen und in Brasilien auch hoch bewerteten Ausbildung mit, inklusive einer oft vorhandenen Spezialisierung – also Fachwissen in bestimmten Bereichen, etwa Nachhaltiges Bauen, neuartige Konstruktionen oder Baustoff-Technologien. Stipendien für Arbeitsaufenthalte zu erhalten oder von einer deutschen Firma nach Brasilien gesandt zu werden, sind weitere Möglichkeiten, Erfahrungen als Architekt in Brasilien zu sammeln; wenn auch nur zeitlich begrenzt«, wie Jörg Spangenberg aus eigener Erfahrung zu berichten weiß.
Selbstständig Arbeiten Das selbstständige Arbeiten in Brasilien ist ganz eindeutig einfacher als in Deutschland, da es bürokratische und finanzielle Hürden in Form einer Architektenversicherung oder eines festgelegten Mindest-Startkapitals in Brasilien nicht gibt. Es ist jedoch weitaus schwieriger, als Ausländer Bauanträge einzureichen. Aus diesem Grund arbeiten die meisten Ausländer – wie auch Thorsten Nolte, Mitbegründer des Büros »Lompreta & Nolte Arquitetos« in Rio de Janeiro – mit brasilianischen Partnern zusammen: »Der dabei entstehende Nebeneffekt eines kulturellen Austauschs ist zudem ein bereichernder Aspekt, der vor allem neue Denkansätze mit sich bringt – für beide Seiten.«
In den brasilianischen Architektur-Markt einzusteigen, ist also sicher kein leichter Schritt; aber zweifellos (er)lebt man in Brasilien einen viel beschaulicheren Architektenalltag als in Deutschland. »Für die vielfältigen Schwierigkeiten, denen man sich als ausländischer Architekt in Brasilien dennoch gegenübersieht, entschädigen die atemberaubenden Naturschönheiten und die lebensfrohe Mentalität der Brasilianer jedoch täglich von Neuem,« versichern mir Thorsten Nolte und Jörg Spangenberg abschließend. Beide haben ihre Entscheidung bis heute nicht bereut.
Till Wöhler, Thorsten Nolte, Jörg Spangenberg
Thorsten Nolte ist selbstständiger Architekt in Rio de Janeiro. Jörg Spangenberg arbeitet zur Zeit an seiner Master-Arbeit in Rio und São Paulo.
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