Thema verfehlt

Mitte November bot sich in der Anzeigenlandschaft der Münchener Tageszeitungen ein bizarres Bild: Regisseure, Schauspieler und Intendanten warben charmant lächelnd in ganzseitigen Anzeigen für eine »weltoffene Stadt«, auf der nächsten Seite posierte Oberbürgermeister Christian Ude neben der Parole »Wir lassen uns München nicht klein machen«, und noch etwas weiter hinten erklang der alte Schlachtruf des FC Bayern für ein neues München: »Wir wollen alle hoch hinaus«. Allein, jegliche Anstrengungen waren umsonst. Das bevorstehende Bürgerbegehren für einen »unverstellten Alpenblick« scheiterte nicht etwa kläglich, vielmehr folgten eine Woche später 101687 trotzige Hobby-Stadtplaner dem grotesken Aufruf der »Initiative Unser München«, ihre Heimatstadt in Zukunft vor jenen unheilvollen Neubauten zu bewahren, die die 99-Meter-Marke der Zwiebelturmspitzen der Frauenkirche überragen wür-den. Dass damit die in enger Abstimmung mit den Baubehörden entstandenen Hochhausplanungen für den Süddeutschen Verlag und Siemens mit knapp 150 Metern Höhe mittels einer Mehrheit von nur 50,8 Prozent der abgegebenen Stimmen gestoppt wurden, ist für die beiden Konzerne freilich bitter, langfristig wohl aber verschmerzbar. Wie sinnvoll jedoch ist ein Plebiszit, wenn bereits eine Minderheit von nur 11,1 Prozent der Stimmberechtigten ausreicht, um Stadtplanern und Architekten – formaljuristisch einwandfrei – das Heft aus der Hand zu reißen? Wesentlich Besorgnis erregender als zwiebelturmhohe Gebäude ist aber ohnehin der aberwitzige Irrglaube, mit einer undifferenzierten Rasenmäherstrategie könne einer »Verschandelung« des Stadtbildes Einhalt geboten oder gar architektonisch-städtebauliche Qualität gesichert werden. »Das wäre, als wolle man festlegen, dass nur ein dünnes Buch ein gutes Buch sei oder dass vor allem die Kürze eines Musikstückes für Qualität bürge«, kommentierte der österreichische Architekt Roman Delugan treffend das Abstimmungsergebnis.

Einige Wochen nach dem Bürgerentscheid werfen nun jene 78,1 Prozent der Stimmberechtigten, die erst gar nicht zur Wahl erschienen sind, rechthaberisch die Frage auf, wofür das ganze Theater eigentlich gut gewesen sein soll, wenn aus dem Stadtrat kurz danach zu hören war, dass man das Votum wohl respektieren wolle, sich aber vorbehalte, in ein paar Jahren zur Durchsetzung einzelner Gebäude mit mehr als 99 Metern einfach ein Ratsbegehren zu initiieren. Die »Initiative Unser München« ist seit der Abstimmung von der Bildfläche ver-schwunden, auf deren Website wurde noch nicht einmal das Abstimmungsergebnis vermerkt, ganz zu schweigen davon, wie man sich denn nun eigentlich »stadtbildverträgliche« Hochhäuser mit 98 Metern Höhe vorzustellen hat. Der Bürgerentscheid wird also weder für generell niedrigere Häuser sorgen, noch brauchbare Impulse für hochwertige Architektur liefern. Im Gegenteil: Die populistische Schlammschlacht und die erschreckende Gleichgültigkeit der wahlmüden Münchener Bevölkerung haben sämtlichen Bemühungen, Architektur als ebenso wichtigen wie selbstverständlichen Bestandteil des öffentlichen und privaten Lebens zu etablieren einen gut sitzenden Kinnhaken verpasst. Um wieviel sinnvoller wäre es dagegen gewesen, einmal von den Hochhäusern abzulassen, den Nacken zu entspannen und einfach den Blick zu senken. Dort unten hätten selbst eingefleischte München-Retter mit etwas gutem Willen das Elend bemerkt, welches sich – gänzlich unbehelligt – bei den kleineren Verwandten der Hochhäuser in Form von neobarocken Doppelhaushälften, walmdachbewehrten Billig-Discountern und blutleeren Büroburgen ausgebreitet hat. Gerade hier wird die gern zitierte »Weltstadt mit Herz« nachhaltiger und effektiver zerrieben als durch ein paar mickrige Hochhäuser, noch dazu, wenn sie vom Stadtzentrum aus ohne Fernglas noch nicht einmal bei Fön richtig zu erkennen sind. Roland Pawlitschko
Der Autor ist Architekt und freier Autor, er lebt in München.