Eine neue Synagoge für Bochum

Subtile Symbolik

Diplomarbeit von Markus Kirschnick an der Fachhochschule Bochum, Lehrstuhl für Entwerfen und Baukonstruktion, Betreuung durch Prof. Peter Schmitz

Wie viele andere Gemeinden in Deutschland wächst auch die jüdische Gemeinde in Bochum, insbesondere durch die Zuwanderung vieler Juden aus der ehemaligen Sowjetunion. Da sie über keine hinreichende Stätte der Versammlung und des Gebets verfügt – die alte Synagoge wurde 1938 von den Nationalsozialisten zerstört –, soll am Rande der Innenstadt eine neue
Synagoge entstehen.
Städtebau Das Grundstück liegt hoch über der Castroper Straße, nach Süden hin geschützt durch eine Geländekante und dichte Hangbepflanzung. Im Westen begrenzt eine hohe Baumreihe das Gelände, im Osten steht das Planetarium als Solitärbau. Die ruhige Lorenz-Rebbert-Allee läuft von Norden her direkt auf das Grundstück zu und eröffnet Blickbezüge zum nahe gelegenen Stadtpark. Planetarium und Synagoge teilen sich einen zu einer kleinen Erholungsfläche mit Parkcharakter aufgewerteten Freiraum als gemeinsamen Vorplatz.
Struktur und Symbolik Einfache und deutliche Architektursprache sollen der neuen Stätte einen selbstbewussten Ausdruck verleihen und dem runden Solitär des benachbarten Planetariums als ruhiger Pol begegnen. Die auf Proportion und Oberfläche bedachte Gestalt entspricht in angemessener Form der Zurückhaltung und der gesellschaftlichen Selbstachtung der Gemeinde.
Das geforderte Raumprogramm lässt sich in drei wesentliche Bereiche gliedern: Beten und Gedenken, Darstellen und Feiern, Leben und Lernen. Dies legt die Differenzierung in unterschiedliche Baukörper nahe, was auch der Maßstäblichkeit vor Ort entgegen kommt.
Das Auseinanderfallen in drei Bauköper kann als Verweis auf die Unvollkommenheit und die Zerstörung des Tempels in Jerusalem gelesen werden, ein im Synagogenbau stets in Variationen wiederkehrendes Thema. Dem entspricht auch die gestalterische Leitlinie, alle Elemente aus Rechtecken aufzubauen – geometrischen Figuren, denen sich im Gegensatz zu Kreis oder Quadrat eine gewisse Unvollkommenheit zuschreiben lässt.
Die Zweiteilung in separate Gebäudeteile für Veranstaltungssaal und Sakralraum steht für Verbundenheit und Zusammenhalt und symbolisiert den Bund, den Gott mit Abraham als dem Stammvater der Juden schloss.
Um eine einfache und übersichtliche Erschließung aller Räume sicherzustellen, gliedern sich alle Baukörper grundsätzlich
in Weg und Station. Dies steht in Analogie zur jüdischen Geschichte, in der sich Wanderungen und Aufenthalte in der Diaspora abwechseln.
Die Abfolge Freiraum, Vorhalle, Gebetssaal, Thoraschrein erinnert an die Anlage des Tempels von Herodes. Die Nische mit einer Steinskulptur zwischen Foyer und westlichem Trakt ist ein Verweis auf die Nische im salomonischen Tempel, die einen geheiligten Stein enthielt.
Zwei Säulen im Außenraum, zwischen denen hindurch der Besucher Richtung Freitreppe und Eingang schreitet, verweisen auf die beiden ehernen Säulen Jachin und Boas des salomonischen Tempels.
Der Entwurf greift insbesondere bei der Reihung architektonischer Elemente auf hebräische Zahlensymbolik zurück. So verweisen die fünf Fenster der Nordfassade auf die Thora, die fünf Bücher Mose. Die sieben großen Fenster des Veranstaltungssaals erinnern an die sieben Augen Jahwes aus Sacharia, und sieben Säulen stützen das Dach des Foyers.
Die sieben Oberlichter des Gebetssaals erinnern an die Menora, den siebenarmigen Leuchter aus Stiftszelt und Tempel. Die acht den Eingang flankierenden Fenster bilden den achtarmigen Chanukkaleuchter nach und nehmen jeweils eine Kerze für das Chanukkafest auf. Die zwölf Leuchten des Gebetssaals verweisen auf die zwölf Stämme Israels.
Die äußere Fassadenschale bildet pigmentierter, teilweise polierter Sichtbeton, dessen Farbgebung an den ockerfarbenen Jerusalemstein erinnert.
Raumaufteilung Die Anordnung von Thoraschrein, Almenor und Sitzreihen im Gottesdienstraum folgt den religiös-liturgischen Anforderungen. Der zentrale Almenor ist zu Gunsten der vorderen Plätze aus der Mitte des Raumes in Richtung Thoraschrein versetzt, damit sich kein Besucher während der Thoralesung um 180 Grad drehen muss.
Veranstaltungssaal: Garderobe und Regieraum befinden sich zusammen an der südlichen Saalwand, Küche, Stuhl- und Tischlager an der nördlichen. Sieben große Fenster beleuchten den Saal und eröffnen Blicke Richtung Park und Planetarium.
Rabbinerzimmer, Bibliothek, Seniorenzimmer und der als Tagessynagoge dienende Mehrzweckraum sind zusammenhängend im Erdgeschoss untergebracht. Im ersten Obergeschoss befinden sich sämtliche Verwaltungsräume, im zweiten Obergeschoss die Jugend- und Sozialräume sowie ein großer Schulungsraum. Die Mikwe liegt im Untergeschoss und ist leicht per Treppe oder Aufzug zu erreichen.
Ein Café dient als Schnittstelle zwischen Öffentlichkeit und Gemeinde. Es liegt zentral am neuen Vorbereich von Synagoge und Planetarium und öffnet sich mit seiner Terrasse zum Park hin. M. K.