Stille im Verkehr

Das »schwäbische Häusle mit chinesischem Innenhof«, Zitat der Kuratorin des Museums Ludwigsburg, schafft auf einer Verkehrsinsel einen idyllischen Ort der Stille. Einzig das helle Knattern eines Motorrollers oder das penetrante Hupen eines Autofahrers kann diese Ruhe durchbrechen. Im Rahmen einer Ausstellung zur lokalen Wohnsituation veranstaltete das Museum Ludwigsburg den Architekturwettbewerb »Raumpioniere – Wohnen auf kleinstem Raum«. Damit thematisiert es zugespitzt den Mangel an geeigneter Wohnfläche in der Innenstadt. Die Mittelinsel der sogenannten Sternkreuzung stellte sich als ideale Baufläche heraus. Eine zentrale Lage, wartende Passanten durch lange Ampelphasen und die konstante Lärmkulisse der dreispurigen Bundesstraße bildeten den Rahmen des Wettbewerbs.

Mit viel Feingefühl setzte sich das Atelier Kaiser Shen mit seinem »Mikrohofhaus« gegen 74 internationale Architekturbüros durch. Als Antwort auf die unwohnliche Atmosphäre erzeugten sie in ihrem Entwurf, inspiriert von den ruhigen Innenhöfen chinesischer Hutongs (s. auch db 3/2017, S.12), einen gänzlich eigenen Kosmos. Taucht man um zwei Ecken in den etwa 25 m² großen Innenhof ein, tritt der Straßenlärm in den Hintergrund und das Zusammenwirken von Brunnengeplätscher, Fichtenholzwänden und einem jungen Birnbaum ersetzt für einige Augenblicke das erdrückende Verkehrsklima. Die aufgeständerten Außenwände gehen schneckenartig in den 7,3 m² großen Fichtenholzquader über, dessen dreiteilige Glasfront dem Hof zugewandt ist. Beim Eintreten fällt zunächst die 85 cm tiefe Schrankwand auf, die sich über die gesamte Längsseite zieht und alle funktionalen Nutzungen wie Toilette, Dusche, Bett, Küchenzeile und Stauraum fasst. Der verbleibende »Wohnschlauch« kann durch magnetische Klapp- und Schiebesysteme in der Rückwand zum Ess- oder Schlafzimmer umfunktioniert werden. Das kompakte Raumprogramm funktioniert präzise und erzeugt zusammen mit der schlichten Farb- und Materialwahl eine unaufgeregte Raumatmosphäre. Durch die gläsernen Schiebetüren scheinen die Grenzen zwischen Innen- und Außenraum aufgehoben. Der Innenraum wird, jedenfalls im Sommer, nicht separat für sich erlebt und wirkt somit überraschend geräumig. Für Sonnenschutz und Privatheit sorgt bei Bedarf ein Vorhang.

Dankbarerweise ist das »Mikrohofhaus« kein Schauobjekt, sondern wird als Selbstexperiment Studenten bis Oktober in zweiwöchigen Zyklen zur Verfügung gestellt. Abgesehen vom Geräuschpegel im Innenhof, der bei längerem Aufenthalt sicher doch große innere Ruhe voraussetzt, bildet das introvertierte Hofhaus ein unkonventionelles und schlüssiges Exempel zur Nutzung unwirtlicher Restflächen in der Stadt. Zudem weckt die Möglichkeit, den Innenhof rund um die Uhr zu begehen, die Neugierde vieler Passanten und konfrontiert sie mit der weitreichenden Fragestellung, welche Faktoren für eine gesunde Wohnatmosphäre wirklich wesentlich sind.

~Felix Kaiser