Aktion »Freiraum Steindamm« in Hamburg

Stadt als Kommunikation

»freiraum ag«: Studierende der Landschaftsarchitektur der Universität Duisburg-Essen, Architektur- und Designstudierende der Hochschule für Bildende Künste Hamburg und Stadtplanungsstudierende der Technischen Universität Hamburg-Harburg

Betreuung: Professor Elizabeth Sikiaridi, Entwerfen, Landschaftsarchitektur der Universität Duisburg-Essen
Während in der »wachsenden Stadt« Hamburg alle Lichter auf die HafenCity gerichtet sind, fällt der Schlagschatten auf die östliche Innenstadt: In St. Georg, einem traditionsreichen Wohn-, Geschäfts- und Amüsierviertel, liegt der Steindamm, eine Straße voller Gegensätze. Der Name bezeichnet einen vierspurigen Straßenraum, aber assoziiert wird im öffentlichen Meinungsbild vor allem eine Atmosphäre, die aus den Entwicklungen der vergangenen Jahrzehnten an diesem problematischen Standort rührt: Überfälle, Prostitution, Drogenhandel … Hohes Verkehrsaufkommen und leer stehende Gebäude lähmen zusätzlich das städtische Leben. Doch ist diese direkt am Hauptbahnhof liegende Straße zugleich ein lebendiges innerstädtisches Zentrum vielfältiger Funktionen und Nutzungen.
Den Steindamm »zu öffnen«, die Vielfalt seiner Möglichkeiten wahrnehmbar zu machen, war Zielsetzung der Aktion »Freiraum Steindamm«, die im Sommer 2002 stattgefunden hat. Des Projektes hat sich die »freiraum ag« der Universität Duisburg-Essen angenommen. Unter meiner Leitung haben Essener Studenten der Landschaftsarchitektur sowie Architektur-, Design- und Stadtplanungsstudenten der Hochschule für Bildende Künste Hamburg und der TU Hamburg-Harburg in Zusammenarbeit mit der Gruppe »Hamburger Grüntöne« (Katharina Erzepky) und einer lokalen Bürgerinitiative eine Reihe von Installationen im öffentlichen Raum realisiert.
Es gab Installationen, die an das Netzwerk der Stadt, das aus Verkehrswegen, Grünzügen und immateriellen Verbindungen besteht, anknüpfen: In einer der dabei entstandenen temporären Installationen wurde ein durch die achtspurige Straße des Steindamms durchtrennter Grünzug mithilfe von künstlichen Hügeln visuell verbunden.
Andere Arbeiten konzentrierten sich auf das Entwickeln und Verstärken der Identität vernachlässigter städtischer Räume: Bodengestaltung markierte den Raum und ein in den Boden eingelassener Schriftzug definierte ihn als den »Vergessenen«. Die Axialität des Stromkastens und der Bank wurden aufgegriffen und mit einem rotem Acrylglas-Aufbau überhöht. Das technische Objekt des Stromkastens wurde zum Monument erklärt.
Bei einer weiteren Aktion wurde im Außenraum eines leer stehenden, in Verruf geratenen Gebäudes der DAK-Versicherungen, wo ein Junkie gestorben war, ein »Symposion« organisiert, um den Ort wieder umzudeuten und positiv zu besetzen. Zu diesem Abendessen wurden Leute aus dem Viertel auf der Straße angesprochen und eingeladen. Das Essen wurde von den ortsansässigen Gaststätten gespendet und der so genannte »DAK-Express«, ein Fahrradkurier, der die Straße hoch und runter fuhr, um dieses Essen zu bringen, warb im Straßenraum für die Aktion. Somit wurde eine Art von »invertiertem Event« organisiert, das die Besucher zu Akteuren machte und lokale Kulturen miteinander verband.
All diese Projekte intervenierten auf der Ebene der Wahrnehmung und der Kommunikationsprozesse der Urbanität; um sie zu verändern und zu intensivieren.
Hinter all diesen Arbeiten steht eine Haltung, mit der die Stadt und Urbanität als Überlagerung von Kommunikationsräumen und -netzen, als Überlagerung von zwischenmenschlichen Beziehungen, von zwischenmenschlicher Kommunikation betrachtet wird. Wenn man die Stadt mithilfe dieses Kommunikationsmodells fasst und die Eigenarten der Fragmente dieser städtischen Landschaft als Varianten und Sonderfälle der Räume sozialer Kommunikation überhaupt sieht, entsteht auch das Bedürfnis, Räume so zu gestalten und zu vernetzen, dass Prozesse der sozialen Kommunikation unterstützt und ermöglicht werden; Räume (in ihrer Identität und Sichtbarkeit) zur Entfaltung zu bringen; also Räume zu öffnen.
Daraus ergeben sich nicht nur Zielsetzungen und Prioritäten, sondern auch Strategien und Mittel. Prioritäten sind: die mehrfache Kodierung von Räumen, also das Verdichten von Beziehungen, von Verbindungen, sowie das Stärken von Identitäten dieser Orte, was auch heißt, ein Image von ihm zu verbreiten. In diesem Zusammenhang greift der zusammengesetzte Begriff »idensity®«, die Kombination des Wortes »density« (Dichte) realer (städtischer) aber auch virtueller (medialer) Kommunikationsbereiche (Dichte der Verbindungen) und des Wortes »Identität«1. Die Strategien dazu sind prozessorientiert. Sie sind »weiche« Strategien, Mittel eines »weichen Urbanismus«2, und haben das Ziel, Entwicklungen anzustoßen, um auf die fortwährenden Prozesse des Wachstums, der Transformation und des Recycling der städtischen Landschaft strategisch – unterstützend und umlenkend – mit einzuwirken.
Der Studiengang Landschaftsarchitektur der Universität Duisburg-Essen führt im Rahmen der »freiraum ag« jeden Sommer solche impulsgebenden Projekte durch. Dafür werden vor allem Aufgaben und Themen gewählt, die (noch) keine große Lobby haben. Da diese Arbeiten natürlich außerhalb des Campus stattfinden, werden hierfür jedes Jahr Partner gesucht! Elizabeth Sikiaridi
  • 1 Sikiaridi, Elizabeth und Frans Vogelaar (2002): »Idensity®« auf der Webpage: http://www.a-matter.de/ger/frames.htm?positions/po016-01-m
  • 2 Sikiaridi, Elizabeth und Frans Vogelaar (1998):»soft urbanism / public media urban interfaces«; in Lab – Jahrbuch 1998 für Künste und Apparate, Kunsthochschule für Medien Köln, Köln, S.182 – 193