Staatsoper-Hickhack

Fortsetzung Titel Der Berliner Staatsopern-Saal bleibt erhalten. Mit diesem unerwarteten Sieg der Denkmalpflege hatte wohl niemand gerechnet:

Das gesamte Verfahren zur Suche eines Generalübernehmers und eines Architekten für die Sanierung, die Restaurierung und Modernisierung der Staatsoper ist vom Berliner Senat, genauer vom Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit nach sechs Wochen heftiger Konflikte aufgehoben worden. Der Wettbewerb, in dem die von Peter Kulka präsidierte Jury mit der Mehrheit der Stimmen für den völligen Neubau eines Zuschauersaals nach dem Plan des Berliner Architekten Klaus Roth gestimmt hat, ist damit Archivmaterial. Das Bieterverfahren wird neu ausgeschrieben, der Zuschauersaal soll nun in der Neurokoko-Fassung Richard Paulicks aus den fünfziger Jahren restauriert werden.

Paulick hatte seinen Saal kammertheaterlich intim gestaltet und darin Logen- und Rangtheaterformen vermischt. Die Folge davon ist, dass der Saal nach Aussage von Akustikern zu klein ist, um das Klangvolumen eines Wagnerorchesters angemessen zu reflektieren und zu mischen, dass die Sichtlinien auf einem Drittel der Rangplätze oft miserabel sind und die Sänger, weil eine breite Proszeniumslogenwand zwischen Bühne und Zuschauerraum eingeschoben wurde, aus der Tiefe der Bühne nicht angemessen über den Orchestergraben hinaus klingen. Zudem monieren die Musiker, dass sie sich selbst nicht hören könnten, was den Zusammenklang von Orchester, Chor und Sängern behindert.
Dennoch will man nun mit diesen Nachteilen leben. Denn keine Arbeit sei von der Denkmalpflege als genehmigungsfähig betrachtet worden. Auch Projekte wie das des 2. Preisträgers HPP, das auf den ersten Blick ästhetisch relativ nahe an dem Neurokoko des Paulick-Saals geblieben war, seien tatsächlich mit einem physischen Verlust des historischen Saales verbunden, dessen Dekors dann nur nachgebaut werden. Abgesprochen sei die Entscheidung mit der Bundesregierung, die 200 Millionen Euro des auf 240 Millionen Euro Gesamtkosten geschätzten Projekts übernimmt sowie mit dem Förderkreis der Staatsoper, der 30 Millionen zusteuern will. Und auch Generalmusikdirektor Daniel Barenboim, der sich zunächst für den neuen Saal ausgesprochen hatte, habe zugestimmt, den alten Saal nur zu ertüchtigen.
Die Fronten gingen quer durch die Verwaltung, durch die Kreise der Theater- und Operninteressierten und selbst die Parteien. Für den Entwurf Roths stimmten die Berliner FDP, die Senatsbaudirektorin Regula Lüscher sowie die Architektenverbände und die Berliner Theatergemeinde. Gegen Roth liefen die »Traditionalisten« im Förderkreis der Staatsoper, um Kulturstaatssekretär Andre Schmitz sowie in der einstigen PDS Sturm, wobei sowohl die Karten »Bedrohte DDR-Identität« als auch »Denkmal der Überlebenskraft des Bürgertums« in der DDR als auch »Preußen-Tradition« gezogen wurden. Zwar gibt es von dem ersten, für Friedrich den Großen gebauten Opernhaus gerade noch die sechs Säulen des Tempelgiebels vor dem Haus und einige Umfassungsmauern.
Aber Preußen-Kult braucht in der deutschen Kulissenhauptstadt keine Originalsubstanz, um wirksam zu werden. Entsprechend hätten diese Roth-Opponenten selbst radikale Einschnitte wie in dem HPP-Projekt vorgeschlagene Verschiebung der Proszeniumslogen, die Anhebung der Decke und deren Durchbruch mit Gittern sowie die Ausweitung des 1. Ranges akzeptiert, solange das Gesamtbild aus Stuck und Plüsch bewahrt bliebe. Streng substanzorientiert argumentierten einzig die Denkmalpflege und der Landesdenkmalrat. Diese sind nach bisherigem Stand der Dinge die großen Gewinner der Debatte. Und das kann fast als Wunder bezeichnet werden. Denn Klaus Wowereit und seiner Senatorin für Stadtentwicklung Ingeborg Junge-Reyer war die Denkmalpflege bisher im besten Fall egal, meist aber ein Störnis, man erinnere sich an den skandalösen Abbruch des Ziesel-Baues in Oberschöneweide, dem wohl bedeutendsten Industriebau der Zwanzigerjahre in Berlin, im vergangenen Jahr (s. db 2/07, S. 22). Nun aber wird ausdrücklich die Denkmalpflege als Argument herangezogen, um das Verfahren neu aufrollen zu können. Auch wenn dies ein durchsichtiger Weg ist für Wowereit und Junge-Reyer, eine Debatte zu beenden, die politisch nicht mehr gewonnen werden konnte, ohne mächtige Förderkreise, Dirigenten, den Bund, die Architektenwelt und Baukonzerne vor den Kopf zu stoßen: Es ist eine gute Entscheidung.
Denn mit der Restaurierung des Paulick-Saals bleibt nicht nur ein hoch bedeutendes Denkmal der DDR-Baukultur erhalten. Es bleibt vor allem die ästhetische Vielfalt der Berliner Opernlandschaft bewahrt, mit der kühl-modernen Deutschen Oper von Fritz Bornemann an der aufführungstechnischen Spitze, der Komischen Oper mit ihrer Mischung aus Wiener Charme und DDR-Moderne und eben dem Neurokoko Paulicks. Dies Ergebnis hätte man allerdings auch haben können, indem von vorneherein auf die Denkmalpflege gehört worden wäre. Die monierte nämlich schon vor der Ausschreibung des nun gestoppten Wettbewerbs, dass die Verbesserung der Akustik und der Sichtlinien im Paulick-Saal nur um den Preis von dessen Zerstörung zu haben sei. Wowereit und Junge-Reyer sollten daraus lernen.
~Nikolaus Bernau
Der Autor ist Kunstwissenschaftler und Architekt. Er lebt und arbeitet als freier Architekturkritiker in Berlin.