Sieben auf einen Streich

Bereits 1991 hätten es alle wissen können: »Kleinbürgerlich, altmodisch, reaktionär, unrealistisch, banal, provinziell.« So brachte Rem Koolhaas die

~Jürgen Tietz

Berliner Hauptstadtplanungen auf den Punkt, als er im Zorn aus der Jury des Wettbewerbs für den Potsdamer Platz ausschied. Was folgte, ist bekannt: Lähmend legte sich der Mehltau der steinernen Stadt im Namen der »Kritischen Rekonstruktion« auf Berlin und presste das kreative Potenzial einer ganzen Architektengeneration in wenige Nischen, die sich aus Restflächen und einstigen Bauruinen zusammensetzten. Das vielleicht gar nicht so Erstaunliche allerdings ist, dass sich nun gerade diese Projekte, oft aus der Not geboren und vielfach nur gegen erhebliche Widerstände verwirklicht, eines großen medialen Echos erfreuen – vom Stadthausquartier am Mauerpark über das Erfolgsmodell Baugruppe bis hin zur (Wieder-)Entdeckung der Holzkonstruktion für die städtische Architektur. Doch trotz solcher erfolgreichen kleinteiligen städtischen Interventionen gibt es bisher keine grundsätzliche Revision in der Berliner Stadtplanung. Noch immer bestimmen die Dogmen des Planwerks Innenstadt den Handlungsrahmen.
Als nun jüngst ein Berliner Verlag mit Hans Stimmann ein Buch über privat finanzierte Stadthäuser in Berlin herausgeben wollte, da verweigerten sieben eingeladene Architekturbüros ihre Teilnahme (BARarchitekten, brandlhuber+, deadline, ebers architekten, FAT KOEHL Architekten, Kaden Klingbeil und ludloff + ludloff), um so der Vereinnahmung durch den ehemaligen Senatsbaudirektor zu entgehen. Doch die Absage an die Buchveröffentlichung bedeutete mehr als ein bloßes Nein zu der drohenden erdrückenden Umarmung. Das Nein versteht sich vor allem als ein Ja, als eine Initialzündung, um endlich einen architektonischen und vor allem städtebaulichen Diskurs über die Zukunft Berlins zu beginnen. Dass Baupolitik in Berlin das Zeug zum öffentlichen Thema besitzt, hat bereits die Initiative »Media-Spree versenken« gezeigt. Sie beweist aber auch, wie steinig und schwer der Weg zur besseren Einbeziehung von Bürgerinteressen gegen die Widerstände der Investoren, aber auch von Seiten der Politik auf Landes- und Bezirksebene ist.
»Wo bitte steht die Stadt?« fragt Nikolai von Rosen, Künstler und Kommunikator der Gruppe. Im Gespräch mit Vertretern der sieben Architekturbüros wird schnell deutlich, dass es ihnen nicht um die Entscheidung für Holz oder Stein bei der Fassade geht, sondern um die grundsätzliche Frage nach der Organisation von Stadt und um die Verantwortlichkeiten für die Stadt. Immer wieder rückt dabei in den Mittelpunkt, wie mit dem »Rohstoff Grundstücke« künftig umgegangen wird. Derzeit bietet die durchaus heterogene Berliner Siebener-Gruppe jenseits ihrer eigenen Bauten dazu nur wenige Antworten aber viele Fragen. Gerade das ist eine ausgesprochen sympathische Haltung – wurden in Berlin doch in den vergangenen 15 Jahren viele falsche Antworten gegeben, die die Stadtstrukturen zementiert haben, statt endlich die richtigen Zukunfts- fragen zu stellen.
Bei der aktuellen Diskussion geht es daher nur in zweiter Linie um das Stadtbild der Zukunft, als vielmehr darum, Wege zu einer Stadt aufzuzeigen, die ihren Bewohnern mehr bietet als touristische Schaueffekte samt Schlossrekonstruktion und spezifische Einkaufserlebnisse. Ziel ist es, zu klären, wie die Mechanismen der Steuerung verändert werden können und welcher Instrumente es bedarf, damit die Stadtpolitik ihre Lenkungsfunktion überhaupt wieder wahrnehmen kann. Damit jene soziale und kulturelle Vielfalt in der Stadt langfristig gesichert (oder wieder hergestellt) werden kann, die das Bild von Berlin ja erstaunlicherweise international noch immer ausmacht.
Soll das bankrotte Berlin seine städtischen Grundstücke weiterhin über den Liegenschaftsfonds meistbietend an Investoren verkaufen? Oder beraubt sich die Stadt damit nicht ihrer wichtigsten langfristigen sozialen und baukulturellen Lenkungsfunktion? Wie verändern sich durch den Ausverkauf auf mittlere und lange Sicht die sozialen Strukturen in der Stadt? Haben Gentrifizierung und soziale Segregation nicht Teile Berlins längst im Griff? Böten genossenschaftliche Modelle oder Erbpacht sinnvolle Alternativen – oder zumindest Ergänzungen – zum propagierten privaten Wohnungseigentum des »Stadthausbooms«, die öffentlich gefördert werden müssten – zumal in den Zeiten nach der faktischen Abschaffung des sozialen Wohnungsbaus in Berlin?
Anstelle einer belanglosen IBA für das Tempelhofer Feld böten solche stadtpolitischen Themen genügend Zündstoff und Zukunftspotenzial für eine neue Berliner IBA. »Kleinbürgerlich, altmodisch, reaktionär, unrealistisch, banal, provinziell« war die Berliner Bau- und Stadtpolitik schließlich lange genug.
Der Autor studierte Kunstgeschichte und arbeitet als Architekturkritiker und Buchautor in Berlin.