Schwarze Flügel über Serpentine

So richtig rund lief es für die diesjährige Version des Serpentine Pavillons nicht: Kaum war der Japaner Junya Ishigami für den Londoner Sommerpavillon nominiert worden, da zog durch die Sozialen Medien ein Aufschrei, dass er seine Praktikanten nicht bezahle. Und dann trat auch noch die Direktorin der Serpentine Gallery, Yana Peel, zurück. Ihr war von einer NGO die wirtschaftliche Verflechtung mit einem kritisch beäugten IT-Unternehmen vorgeworfen worden. Ach herrje, kann bei so viel Gegenwind die Architektur in Kensington Gardens überhaupt noch abheben?

Sie kann. Durchaus lustvoll spielt Ishigami mit Gegensätzen und lässt sein Pavillondach aus schimmernden schwarzen Schieferbrocken schwer auf filigranen weißen Stützen lagern. Zwischen lastendem Stein und leichter Konstruktion, zwischen organischer Form und tektonischer Funktion, zwischen gewellter Landschaft und gegliederter Architektur mäandert das Konzept des Pavillons. Gelungen wirkt sein Entwurf, wo es um die Landschaft geht. Wie ein sanft gewellter Steinbruch oder wie weit gespannte Vogelflügel zeichnet sich der Schiefer vor dem satten Grün von Kensington Gardens ab und tritt in einen Dialog mit dem historischen Galeriegebäude.

Ein Schutzdach, eine Höhle, halb Haus, halb Hügel, auch wenn er nicht erstiegen werden darf. Handgestrickt wirkt dagegen die Unterseite, die Schieferplatten liegen auf einem Metallrost, an dem sie mit Drähten befestigt sind. Vollends banal wird es, wenn transparente Absperrungen das Publikum daran hindern, unter dem Pavillon herumzukrabbeln. Es braucht halt genügend Raum für die Bar, denn die eifrig schnatternden und Fotos postenden Gäste wollen bewirtet sein. Cheers! Bei soviel Eventgedöns und Gegenwind stellt sich die Frage, ob sich die Idee eines ephemeren Sommerpavillons nach 19 Jahren überlebt hat. Nein, hat sie nicht, selbst wenn Ishigamis Version nicht vollends überzeugt. Flüchtig und einzigartig wie die Mittsommernacht, bleibt der Zauber dieses architektonischen Spiels. Im besten Fall erweist sich der Pavillon nämlich als eine Essenz der gebauten Gegenwart auf der Suche nach den Möglichkeiten des Moments, in dem Idee und Werk, Kunst und Wirklichkeit für ein paar Wochen ineinanderfließen.

Der Serpentine Gallery Pavilion steht noch bis zum 6. Oktober offen.

~Jürgen Tietz

www.serpentinegalleries.org


Junya Ishigami ist ein wenig so etwas wie ein Experte für leichte Bauten.
Bei Leeuwarden errichtete er ein kleines Raumwunder, das Kunst und Natur verbindet, als Aushängeschild eines beliebten Ausflugsziels in Westfriesland.
Glaspavillon im Park Vijversburg in Tytsjerk (NL) »