Schmerz (und Poesie) des Brexit

~Jay Merrick

Im März, just während sich die Britischen Inseln zur Umbenennung in »Kleinbritannien« rüsteten, war das neue Ministerium für internationalen Handel (DIT) mit einem Stand auf der Immobilienmesse MIPIM in Cannes vertreten. Tafeln verkündeten: »Invest in Great«. Was genau soll dabei »great« sein? Wohl v. a. die Verzweiflung. Mit seiner Präsenz reagierte das DIT – das weitere derartige Veranstaltungen für andere Branchen plant – darauf, dass sich für britische Architekten und Immobilienentwickler der Verlust von internationalen Aufträgen abzeichnet. Das Tempo dieser Reaktion überraschte sehr, hat doch keine der hiesigen Regierungen in den letzten zwanzig Jahren echtes Interesse an der Architektenprofession oder gar tatkräftiges Handeln in Sachen baulicher Qualität an den Tag gelegt.
Die Situation angesichts des Brexit ruft Matthew Arnolds Gedicht »Dover Beach« von 1851 ins Gedächtnis: »… jetzt kann ich nur (der See) melancholisches, langes, zurückweichendes Brausen hören«, schrieb er. »Und wir sind hier, wie auf einem dämmernden Feld, über das verworrene Warnzeichen von Streit und Flucht ziehen …«. David Green, einer der Leiter von Belsize Architects, formulierte es im Architects’ Journal weit weniger poetisch: »Wenn man die Flagge des freien Handels hisst, weil man sich zum Verlassen des einzigen funktionierenden, umfassenden, multilateralen freien Handelsabkommens entschieden hat, das es je auf der Welt gegeben hat, muss man Geschicklichkeit beweisen – ganz zu schweigen von einer ganzen Palette neuer Fähigkeiten.«
Statistiken der Greater London Authority zeigen, dass Dienstleistungen britischer Architekten 2015 im Ausland einen Umsatz von 430 Mio. Pfund einbrachten, während ausländische Architekten über Projekte in Großbritannien nur 31 Mio. Pfund erwirtschafteten.
Große Büros wie Foster + Partners oder Grimshaw Architects dürften keine Schwierigkeiten haben, weiterhin beachtliche Gewinne aus ausländischen Projekten einzufahren. Andere Büros haben erfolgreich spezialisierte auswärtige Niederlassungen aufgebaut. In Katar und im Oman etwa leiten Allies and Morrison immer wieder sehr große städtebauliche Projekte, aus denen sich regelmäßig stattliche Folgeaufträge für weitere britische Büros wie John McAslan + Partners ergeben haben.
Im Königreich selbst ist die Arbeitssituation uneinheitlich. Glenigan, ein Unternehmen, das Daten zur Bauwirtschaft sammelt, berichtete, dass im Januar der Wert privater Wohn-Neubauten in London um 24 % unter dem ein Jahr zuvor lag. Viele Projekte in London – wo 42 % aller Bauleistungen des Vereinigten Königreichs erbracht werden – ruhen derzeit, weil man unsicher ist, wo in Europa sich viele Finanzinstitutionen (und ihre Angestellten) einen neuen Firmensitz suchen werden. Das hat bereits dazu geführt, dass Immobilienentwickler ihre Investitionen in andere Städte wie Manchester, Leeds und Birmingham verlagern.
Ein weiterer wichtiger Punkt ist, ob die Baubranche in der nächsten Dekade um 35 % wachsen kann, um geplante große Infrastruktur- und Wohnprojekte zu realisieren. Schon jetzt müssen laut einer Umfrage des Royal Institute of Chartered Surveyors zwei Drittel aller Bauunternehmen Aufträge aufgrund von Arbeitskräftemangel ablehnen.
Lord Stunell, ehemaliger Bauordnungs-Minister, erstellt zurzeit ebenfalls einen Bericht über die gesamte Baubranche. Er prophezeit, dass mit dem Verlust des Zugangs zum gemeinsamen Markt, der Zollunion und der Freizügigkeit der Arbeitskräfte die Bautätigkeit um 9 % schrumpfen wird. Immerhin ist von den 7 Mio. ausländischen Arbeitnehmern in Großbritannien 1 Mio. im Baugewerbe tätig.
Einige Architekten schließlich haben das »sinkende Schiff« bereits verlassen. Bespoke Careers, auf Architekten spezialisierter Arbeitsvermittler, berichtet, dass 70 % mehr Planer als noch vor sechs Monaten sich Jobs außerhalb von Großbritannien suchen – besonders in Australien und den USA. Und laut einem Report von Anfang des Jahres haben größere Büros begonnen, aufgrund sinkender Auftragsvolumen im Inland ihre Belegschaft zu verkleinern. Ein oder zwei dieser arbeitslosen Architekten sitzen vielleicht gerade am Strand von Dover und schauen auf einen Horizont, der plötzlich eher bestürzend fremd als aufregend fremdartig erscheint.