Schluss mit Wirtschaftlichkeit contra EnEV

Die permanente Frage, wann sich eine wärmedämmende Maßnahme rechnet, nervt. Sie impliziert nicht nur, dass Klimaschutz ein nachrangiges Ziel sei, sie wird

~Lutz Dorsch

beispielsweise auch von der Wohnungswirtschaft immer wieder gestellt. So derzeit geschehen im Zusammenhang mit der Bereitstellung von Flüchtlingsunterkünften, für die die Anforderungen der Energieeinsparverordnung nicht gelten sollten. Wobei diese Diskussion nur als Vehikel für das eigentliche Ziel dient, billiger bauen zu können. Das Adjektiv »billig« wird in diesem Kontext tatsächlich häufig verwendet. Schaut man in den Duden, kann »billig« die Bedeutung von »minderer Qualität«, aber auch von »einfalls- oder geistlos« annehmen. Dabei verlangen die vor uns liegenden Bauaufgaben gerade innovatives und ideenreiches Planen und Bauen!
Neu ist allerdings, dass in der Diskussion die EnEV nun grundsätzlich infrage gestellt und daher – wie unlängst auch vom BDB (NRW) – ein Aussetzen der im kommenden Jahr geplanten Verschärfung sowie ein Moratorium von fünf Jahren gefordert wird. Während diesem sollte erst einmal wissenschaftlich untersucht werden, ob die EnEV überhaupt etwas gebracht hat. Bislang wurde nämlich das immer teurer werdende Bauen nur mit der Mär der ständigen Verschärfungen im Energiesparrecht begründet.
Der vermeintliche wirtschaftliche Vorteil des Investors, der sich aus dem billigeren Bauen ergibt, wird über das Ziel gestellt, die Veränderungen der Klima- und Lebensbedingungen auf unserem Planeten in einem moderaten Rahmen zu halten. Dabei hat der Club of Rome bereits 1972 in seinem Bericht »Die Grenzen des Wachstums« das Problem dieser kurzsichtigen Verhaltensweise thematisiert. Die meisten Menschen besitzen demnach nicht die Fähigkeit, ihr Handeln an einem Ziel zu orientieren, das in der fernen Zukunft liegt. Vielmehr wird das Handeln von Dingen bestimmt, die die Familien und die engen Freunde in unmittelbarer Zukunft betreffen. Dies veranschaulicht, wie wichtig eine langfristig angelegte politische Strategie ist, wie sie die politisch Verantwortlichen leider weiterhin schuldig bleiben. Darauf zu bauen, dass durch Eigeninitiative der Bevölkerung die notwendigen Ziele erreicht werden, wird ein Scheitern im Kampf gegen den Klimawandel zur Folge haben.
Das Dogma der Wirtschaftlichkeit findet im Bauwesen gerade beim energiesparenden und damit klimaschützenden Bauen und Sanieren eine sehr inflationäre Anwendung. Bei sicherheitsrelevanten Themen wie etwa beim Brandschutz ist dagegen die Frage eher tabu. Wir akzeptieren zwar Hitze- und Flutopfer, insbesondere wenn sie (noch) nicht in Deutschland zu beklagen sind, jedoch keine Brandopfer. Dieses Dogma ist auch im Energieeinsparungsgesetz manifestiert und sagt dort aus, dass eine Maßnahme nur dann von der Bundesregierung gefordert werden darf bzw. vom Investor umgesetzt werden muss, wenn sie sich innerhalb ihrer Nutzungsdauer amortisiert. Allerdings gibt es in diesem Zusammenhang keine definierten Rechenregeln, wie die Wirtschaftlichkeit ermittelt wird. Somit sind Wirtschaftlichkeitsberechnungen leicht manipulierbar und in einem hohen Maße nebulös: Das beginnt bei dem zugrunde liegenden Betrachtungszeitraum, der sich durch die langen Nutzungszeiten im Bauwesen über Jahrzehnte erstrecken kann. Eine Prognose zu wagen mit einem Zeithorizont, der mehrere Dekaden in der Zukunft liegt, kann nur in einem sehr, sehr breiten Ergebniskorridor erfolgen und damit nur leidlich als Entscheidungsgrundlage dienen. Weiter geht es über die Finanzierungsbedingungen (z. B. Ende der Zinsbindung vor vollständiger Tilgung) und den Klimaveränderungen bis hin zu Änderungen in der Nutzungsintensität oder den politischen Rahmenbedingungen. Ein Blick auf den Ölpreisverlauf in den vergangenen Jahren verdeutlicht, wie hoch allein der Einfluss des Energiepreises sein kann: Während eine Investition in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrzehnts aufgrund des niedrigeren Energiepreises gegebenenfalls nicht wirtschaftlich gewesen wäre, hätte sie es vor der Bankenkrise 2008 sein können, allerdings 2009 dann schon wieder nicht mehr. Durch die Vielzahl all dieser variierenden Parameter gleicht eine Wirtschaftlichkeitsprognose also einem Glücksspiel.
Dass nur die unmittelbaren Einflüsse in den Wirtschaftlichkeitsberechnungen gewichtet werden, ist ein weiterer Kritikpunkt. Wie sich Maßnahmen auf die Umwelt auswirken bzw. was deren Unterlassen anzurichten vermag, wird monetär nicht berücksichtigt. Dabei sind die Folgeschäden infolge des Klimawandels bereits heute sichtbar und spürbar. Die beiden Tornados in Bützow und im Kreis Augsburg im Mai dieses Jahres etwa verdeutlichen, in welchem Maße sowohl die Gesundheit und Unversehrtheit der Menschen als auch die Wirtschaft durch den Klimawandel bedroht sind. Wer also die Wirtschaftlichkeit von Investitionen in die Verbesserung der Energieeffizienz hinterfragt, muss bei seiner Kalkulation bedenken: Einsparungen beim Klimaschutz provozieren zukünftige Kosten für die Beseitigung von Folgeschäden durch den Klimawandel. Und die sind in jedem Fall zu bezahlen – Wirtschaftlichkeit hin oder her. Der heutige Profit des Einzelnen wird von der Gemeinschaft in den kommenden Jahren zu bezahlen sein. Um dies zu verhindern, bedarf es nicht nur einer Novellierung der EnEV, sondern auch einer zeitgemäßen Anpassung des Wirtschaftlichkeitsdogmas im Energieeinsparungsgesetz. Die Frage, die daher gestellt werden muss, kann nicht lauten: »Wann rechnet es sich?«, sondern: »Können wir es uns leisten?«.
Der Autor ist Bauingenieur, schreibt zu energetischen Themen und ist Mitglied in Normungsausschüssen.