It’s the waste, stupid!

Schelling-Preis 2018 geht an Rotor, Brüssel

Was wäre sinnvoller, als im Schatten von Wohnungsnot, Klima-, Ressourcenproblemen etc. mit einer Stiftung »das zukunftsträchtig Bedeutsame« zu fördern? Dies hat sich die 2002 von der Witwe des Architekten Erich Schelling ins Leben gerufenen Schelling Architekturstiftung in Karlsruhe vorgenommen; sie vergibt ihre Preise im Zwei-Jahres-Turnus. Das besondere Profil der Stiftung: Sie zeichnet neben praktizierenden Architekten auch Grenzgänger an den Rändern der Disziplin und speziell originelle Vordenker auf dem Feld der Theorie aus. Neben den Preisträgern blieben stets auch die Nominierten von Interesse – gerade weil die Spielregeln der Stiftung es erlauben, Äpfel mit Birnen zu vergleichen.

Die Preisvergabe 2018 war ihrerseits »innovativ«, indem man ihr einen populistischen Akzent beifügte: Das Publikum des Festakts durfte mitbestimmen, als »Zünglein an der Waage«. So blieb bis zum Schluss alles offen – und das Ergebnis verblüffte dann auch manche in der Stiftung: weil der konkrete Bezug zum explizit Architektonischen zu verblassen schien.

Denn den Schelling-Preis erhielt ein belgisches Architektenteam, das mitunter anspruchsvolle Bauprojekte realisiert – gerne in Kooperation mit anderen Büros! –, das aber seit einiger Zeit intensiv im Handel mit gebrauchten Baustoffen, kurz: im Recycling unterwegs ist. Rotor aus Brüssel, gegründet 2005, kümmert sich im Kollektiv um die »Neugestaltung des Materialeinsatzes in Architektur und Bauwesen«, wie die Jury es nennt.

Zementproduktion kommt nicht ohne Schadstoff-Emissionen aus und der Sand zur Betonherstellung wird weltweit knapp. Wenn schon die Ärmsten der Armen rund um den Äquator erfolgreich Wertstoffe aus dem Abfall der Megalopolen einer sinnvollen Wiederverwertung zuführen, wird es höchste Zeit, dass wir im Norden es ihnen nachtun und verbrauchte Bauten intelligent und in großem Maßstab als Roh- und Wertstoffquellen nutzen!

Hand aufs Herz – gefühlt galt der Preis eher den Baustoff-Füchsen von Rotor als ihrer Architektur (die beim Festakt Nebensache war). Auch der Theorie-Preis, den die Jury zuvor der US-amerikanischen Architektin und Hochschullehrerin Keller Easterling zusprach, galt einem Schwarzbrot-Thema: der urbanen Infrastruktur. Die, das legt Easterling nahe, ist elementares Medium des Städtischen, gleichzeitig aber auch ein Raum der Macht und Kontrolle: geradeso, wie Google und Facebook heute nicht nur harmlose Mediendienstleister sind, sondern heimliche Weltherrscher des öffentlichen Diskurses. Seit jeher lebt Architekturtheorie davon, angrenzende Disziplinen (z. B. Soziologie, politische Theorie, Baugeschichte) forsch zu vereinnahmen. Wie stünde es wohl um sie, wenn sie sich ähnlich streng wie etwa die Naturwissenschaften auf ihren Kern und ihre Eigenlogik fokussieren müsste?

~Christian Marquart


https://schelling-architekturpreis.org/de/