Rettung durch Umbau?

Derzeit rollt durch die gesamte Bundesrepublik eine Abrisswelle auf die Bauten der mittleren Nachkriegszeit zu,

also die der späten fünfziger bis mittleren siebziger Jahre. Von Cottbus über Berlin, Dresden und Leipzig bis nach Frankfurt, Stuttgart, München oder Bremen droht eine Epoche unserer Architekturgeschichte zerstört zu werden. Zwei Auffälligkeiten sind dabei zu beobachten: Immer wieder werden diese Abrisse begründet mit der Rückkehr zur »Tradition«, die zwar nur vage definiert wird, sich aber immer schroff absetzen will von »der« Moderne. Und immer wieder fallen gerade die erstklassigen Bauten.

Der Abriss des Palastes der Republik auf dem Berliner Schlossplatz zugunsten des Humboldt-Forums ist nur der dramatischste, aber keineswegs der einzige Fall neudeutscher Geschichtsbeschwörung als Begründung für Zerstörungslust. Ökonomisch wie ökologisch ist er blanker Unsinn. Doch wurden alle Alternativpläne mit dem Argument abgewiesen, eine Rekonstruktion des Schlossplatzes sei unabdingbar für die Rekonstruktion der Berliner Identität. Immerhin: Es war eine zweifelsfrei demokratisch legitimierte Entscheidung, drei Mal debattierte der Bundestag darüber.
Meist aber dient vorgeschobenes Geschichtsbewusstsein nur der Maximierung des Investorenprofits. So am Leipziger Brühl, wo die elegante Hochhausreihe einer umstrittenen Neubebauung weichen soll (zum Abriss Brühl siehe die gegenteilige Argumentation in db 1/2008, S. 3). Am Berliner Breitscheidplatz soll das vorzügliche und bestens erhaltene Schimmelpfeng-Haus abgerissen werden. In den späten fünfziger Jahren wurde es quer über die Kantstraße gebaut und bildet seither den städtebaulichen Hintergrund für die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche. In den neunziger Jahren – die »kritische Rekonstruktion« beherrschte das Berliner Planungswesen – wurde beschlossen, dass die gründerzeitliche Sichtachse der Kantstraße auf die Kirche wichtiger sei als das Ensemble der Fünfziger. Um den Platzverlust durch die entfallende Straßenüberbauung für die Investoren auszugleichen, wurden an der Kantstraße neben dem Eingang zum Platz gleich zwei Hochhäuser genehmigt. Sie werden künftig der Kirche genau den großen Auftritt ruinieren, den man eigentlich wiederherstellen wollte. Vergleichbar umstritten ist der in München geplante Abriss des Hauses des Süddeutschen Verlags, und am Berliner Ernst-Reuter-Platz wurde das Kreuer-Hochhaus nur vor dem Abriss gerettet, weil sich für das Konzept der Senatsbauverwaltung Hans Stimmanns und seiner architektonischen Erfüllungsgehilfen – nicht zu vergessen: immer gibt es Architekten, die sich bereitwillig der Zerstörung des Werkes ihrer Vorgänger widmen! – keine Investoren fanden. In Karlsruhe wird derzeit debattiert, die noble Wiederaufbau-Marktbebauung abzureißen zugunsten einer architektonisch sehr vagen Assoziation von Weinbrenners Arkadenbauten, die vor allem eine Maximierung der Grundstücksausnutzung bedeutet.
Dass gerade erstklassige Bauten für neue Projekte geopfert werden, ist aus architekturhistorischer Perspektive allerdings wenig überraschend. Sie stehen meist an herausragenden Stellen der Stadt, an denen seit jeher auch mit besonderem Aufwand geplant wird. Hier entsteht aber auch der größte Veränderungsdruck. Deswegen fielen schon in der Gründerzeit gerade die wertvollen, meist best gepflegten mittelalterlichen und barocken Häuser zugunsten prachtvoller Belle-Epoque-Paläste, während abgelegenere Häuser und Quartiere minderer Qualität durchaus gute Überlebenschancen hatten. Und auch in der Nachkriegszeit waren zunächst auch weniger die Mietskasernen des 19. Jahrhunderts als dessen Prachtbauten an den breiten Straßen und großen Plätzen gefährdet. Und jetzt geht eine neue Moderne den Nachfolgern von Barock und Gründerzeit zu Leibe. Gut zu sehen ist die beständige Ablösung des Neuen durch das Neuere am Nordrand des Berliner Breitscheidplatzes, wo einst neuromanische Cafés lockten und jetzt das Zentrum am Zoo bedroht ist. Die trotz aller Detailveränderungen immer noch großartige Anlage der späten fünfziger Jahre mit drei Hochhäusern, legendärem Kino Zoo-Palast und Bikini-Haus mit seiner breiten Kolonnadenhalle ist in Deutschland einmalig und steht schon lange unter Denkmalschutz. Dennoch soll hier eine Shopping-Mall entstehen, für die das Kino entkernt, Staffelgeschosse aufgesetzt, die Kolonnaden-Halle verschmälert und die an Corbusier erinnernden Treppentürme abgerissen, vor allem aber die bisher lockere Zusammenstellung der Bauten bis zur Unkenntlichmachung ihres ursprünglichen städtebaulichen Konzepts verdichtet werden.
Nun ist aber gerade die Verdichtung, der hier ein Meisterwerk der Architektur zum Opfer fallen soll, eine Grundforderung der Zeit. Denn die Zerfledderung der Städte, muss, darüber herrscht Einigkeit, schnellstens beendet werden. Wir werden auf mittlere Sicht wieder enger zusammenleben müssen, nicht aus der sozialpolitisch und ästhetisch eher sentimentalen Beschwörung bürgerlicher Städte des 19. Jahrhunderts – wie sie die Stadtplanungstheorie der »kritischen Rekonstruktion« beherrschte –, sondern der schlichten Energieersparnis wegen. Der Schutz der Nachkriegsarchitektur, die mit dem Wunsch geplant wurde, Licht, Luft und Sonne auch in die Innenstädte zu bringen, kommt in Konflikt mit der Notwendigkeit, die Belastung der Umwelt durch den Menschen zu begrenzen. Die geplante Verdichtung auf dem Gelände des Zentrums am Zoo, ohne dass dies vollständig abgerissen wird, zeigt sich aus dieser Perspektive durchaus als zukunftsträchtig. Denn auch wenn die denkmalpflegerischen Bedenken immer noch erheblich sind und die Forderungen der Investoren sich verheerend auswirken könnten: Wenigstens im Grundsatz wurde hier anerkannt, dass ein Kunstwerk der Nachkriegsmoderne genau den gleichen Respekt verdient wie Bauten vergangener Epochen.
~Nikolaus Bernau
Der Autor ist Kunstwissenschaftler und Architekt. Er lebt und arbeitet als freier Architekturkritiker in Berlin.