Internationale Tagung für 2021 geplant

Rettet Lembergs moderne Bauten

Bis zum Ende des Ersten Weltkriegs gehörte das heute ukrainische Lviv (deutsch Lemberg) zur Habsburger-Monarchie, 1918-39 zur Zweiten Polnischen Republik. Wie in ganz Europa entwickelten sich auch hier in der Zwischenkriegszeit dynamisch neue Ideen zu Gesellschaft, Politik und Kultur, die sich auch in der Architektur widerspiegelten. Diese zeichnete sich durch einen speziellen genius loci aus, wie der Architekturhistoriker und Direktor des Nationalmuseums Krakau, Andrzej Szczerski, schreibt. Bürogebäude, Geschosswohnungsbauten, Kindergärten und Schulen entstanden neben jahrhundertealten Kirchen, klassizistischen Bauten und Jugendstilhäusern aus der k. u. k.-Zeit.

Es ging den Architekten und Absolventen des neuen Lviver Polytechnikums weniger um Solitäre, sondern um Bauten, die sich in das städtische Gewebe erkennbar neu, aber respektvoll einfügten. Beispielsweise wurden Geschosswohnungen nicht in himmelstrebenden Türmen, sondern in niedrigeren Riegeln wie dem Mietshaus von Salomon Keil untergebracht. Und das ornamentfreie Bürogebäude des Unternehmens Jonasz Sprecher (Architekt: Ferdynand Kassler, 1929) dominiert gegenüber den umgebenden späthistoristischen Bauten zwar den Platz, verträgt sich mit ihnen aber durch seine gegliederte Kubatur und kleinteiligen Proportionen durchaus.

Eine beeindruckende Zahl von 3 216 Bauten der Moderne gibt es heute noch in Lviv, von der Arbeitersiedlung bis zur Universität. So wie sich die Stadt laut Szczerski damals – neben Prag und Brno – als Zentrum der Innovation im östlichen Mitteleuropa darstellte, kann man sie heute als ein Inventar der Moderne betrachten.

Vernachlässigung, Abriss und Überformung bedrohen diesen Schatz jedoch zunehmend. Darauf aufmerksam zu machen, hat sich der ukrainische Architekturhistoriker Bohdan Tscherkes, Professor an der TU Wien und am Polytechnikum Lviv, auf die Fahnen geschrieben. Im Januar veröffentlichte er, u. a. gemeinsam mit Werner Durth und mit Unterstützung der Sächsischen und Berliner Akademien der Künste, eine Resolution. Darin fordern sie die Bestandsaufnahme exemplarischer Bauten, ein Dokumentationszentrum »Moderne in Lemberg/L’viv/Lwów« sowie einen Fonds zur Rettung gefährdeter Bauten.

Als öffentlichkeitswirksamer Auftakt war für den Mai eine internationale Tagung geplant, um all diese Themen zu vertiefen. Nicht zuletzt sollte auch der fruchtbaren Zusammenarbeit von polnischen, ukrainischen und jüdischen Architekten gedacht und gleichzeitig Perspektiven für die heute wieder multikulturelle Stadt Lviv entwickelt werden. Die Tagung wurde nun auf den Frühling 2021 verschoben. Was aber genug Zeit gibt, sich z. B. mit dem Werk »Lviv: city, architecture, modernism« zu beschäftigen, das Tscherkes (hier: Cherkes) und Szczerski gemeinsam herausgegeben haben und das beim Architekturmuseum Wrcoław erhältlich ist.

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