Rätselraten statt Transparenz

Anfang März wurde in Stuttgart ein Architektenwettbewerb entschieden, dessen Gegenstand die Entwicklung eines Innenstadtquartiers mit gemischter Nutzung ist: Ein Kaufhausbetreiber

~Christian Marquart

(Breuninger) hatte sich mit dem Land Baden-Württemberg zusammengetan, um dort auf Grundstücken beider Bauherren neue Gebäude für den Einzelhandel, für Landesministerien und für einen Hotelbetreiber zu errichten. Am 10. März erschien ein Artikel in der Stuttgarter Zeitung, der über die Ausstellung der Wettbewerbsbeiträge berichtete. Eine Passage sei hier auszugsweise zitiert: »Heftige Kritik äußerten die Besucher am Erscheinungsbild der Sonderschau (…): ‚Keine der Arbeiten ist in den aufgestellten Kojen klar gekennzeichnet – man kann nicht erkennen, wessen Modelle und Entwürfe man da vor sich hat‘, sagte ein Besucher. Die Ausstellungsmacher hätten es versäumt, die Wettbewerbsbeiträge der elf Architekturbüros aus dem In- und Ausland kenntlich zu machen (…). Die gedruckt ausliegende Informationsschrift über den Wettbewerb und sein Ergebnis reiche nicht aus, um sich zu orientieren. Selbst renommierte Stuttgarter Architekten, die sich vor Ort über den Wettbewerb informieren wollten, hatten Mühe, die Arbeiten – vom Siegerentwurf des Büros Behnisch einmal abgesehen – zweifelsfrei zuzuordnen.«
Die angesprochenen Mängel – notabene fehlten zunächst auch die Beurteilungen der Jury – wurden später korrigiert; aber viel zu spät für die Medien. Sowohl die Journalisten der Tages- wie auch der Fachpresse konnten sich bei der Pressekonferenz, in der die Ergebnisse des eben entschiedenen Wettbewerbs vorgestellt wurden, nur auf der Grundlage höchst unzureichender Informationen ihr Bild machen. Hingegen gab es reichlich Papier, auf dem die Repräsentanten der Auslober euphorisch Stellung zum Wettbewerbsergebnis nahmen. Die Medien hatten aber keine Zeit, auf ergänzende Informationen zu warten, wenn sie im Wettlauf um aktuelle Berichterstattung nicht zu den Schlusslichtern gehören wollten.
Das beschriebene Szenario illustriert nicht einfach eine Panne. Es ist eher typisch für Wettbewerbsverfahren: Die Auslober und ihre nachgeordneten Agenturen, welche die Vorprüfung der eingereichten Beiträge und oft auch die Kommunikation der Wettbewerbsergebnisse übernehmen, geizen mit Informationen, die zu einer seriösen Beurteilung des Verfahrens und seiner Ergebnisse eigentlich vonnöten sind. Insbesondere dann, wenn die Öffentliche Hand – direkt oder indirekt, alleine oder mit Partnern – als Bauherr auftritt (und somit auch Steuergelder investiert werden), besteht eine umfassende Informationspflicht, deren Ausgestaltung nicht einfach ins Ermessen einzelner Amtsträger gestellt werden kann. Sie umgreift nicht nur die ungekürzte Aufgabenbeschreibung eines Wettbewerbs, die Vorstellung der Arbeiten selbst, die Urteile der Jury über die Entwürfe der Preisträger und Ankäufe, sondern auch Informationen über alle Wettbewerbsbeiträge, wie sie sich in der Regel nur in den – stets vertraulich behandelten –Vorprüfberichten finden lassen. Denn der Sinn und Wert von Wettbewerben besteht im breiten Angebot von alternativen Lösungen und der Chance, die Wahl zu haben.
Der Verfasser dieses Beitrags bekennt, dass er sich immer mal wieder und bei entsprechender Gelegenheit solche ergänzenden Informationen »auf dem kurzen Amtsweg« beschafft hat, um seinen Leserschaften die Problemstellung und die Rahmenbedingungen wichtiger Wettbewerbe darlegen zu können; nur auf dieser Grundlage lassen sich die Lösungsvorschläge der Wettbewerbsteilnehmer auch verstehen, beurteilen und gewichten. Es kann aber nicht sein, dass Kritikern und Fachjournalisten kriminelle Energie abverlangt wird, damit sie ihre Arbeit tun können.
Es wird Zeit, der Forderung nach Transparenz im Bauwesen mehr Nachdruck zu verleihen und sie etwa in Gesetzen und Verordnungen festzu- schreiben. Transparente Verfahren und hohe kommunikative Standards mindern tendenziell das Risiko von Planungsfehlern und erhöhen die Rationalität und Akzeptanz politischen und planerischen Handelns. Letztlich könnte der Staat so auch Kosten sparen. Wie weit der Weg dahin ist, illustriert ein aktuelles Zitat aus der Stuttgarter Zeitung vom Mai: »Wenn es um die (…) Ausschreibung der Bauarbeiten für das milliardenschwere Projekt Stuttgart 21 geht, zeigt sich der Bauherr Deutsche Bahn AG kommunikativ. Unablässig versorgt das (…) eigens installierte Kommunikationsbüro (…) die Öffentlichkeit mit Pressemitteilungen, deren Tenor immer der gleiche ist: Der Bau schreitet fort, das Projekt ist unumkehrbar. Einsilbig und ausweichend reagieren Drexler (der Sprecher und Kommunikationschef des Bauvorhabens – Anmerk. Red.) und sein Stab dagegen, wenn es um noch offene technische, finanzielle oder sicherheitsrelevante Detailaspekte bei Stuttgart 21 geht.«
Transparenz ist ein Grundpfeiler demokratischer Gesellschaften. In der deutschen Politik, in Behörden und Unternehmen in Staatsbesitz gilt sie dennoch nicht viel. Seit einigen Jahren ist viel von »Baukultur« die Rede. Die hat aber nur eine Chance, wenn sie nicht nur Gebautes, sondern auch Geplantes meint und darüber hinaus informierte öffentliche Debatten über Planungsziele, -prozesse und -ergebnisse einschließt.
Der Autor ist freier Publizist und Herausgeber der Zeitschrift »Kultur«. Er lebt in Stuttgart.