Platz da! Bauerwartungsland Olympiapark

Fortsetzung Titel Noch stehen im Bebauungsplan »öffentlicher Grünraum« und »Straßenverkehrsfläche«. Noch gibt es kein Baurecht. Noch gehört

der Grund Stadt und Staat. Doch am 23.4.2008 wird der Wettbewerbssieger gekürt, der auf diesem Platz »am Rande« des weltberühmten Olympiaparks, direkt im Anschluss an die BMW-Welt, ein Hotel als »Landmark-Architektur« ausformen kann. Der gläserne Solitär – ob nun von André Poitiers (Hamburg) oder von Delugan Meissl Associated Architects (Wien) – soll fortan den Haupteingang zum Olympiapark an der gleichnamigen U-Bahn-Station »markieren«. Der Projektentwickler ECE verfolgte parallel zu den Planungen des Automonbilherstellers das Ziel, ein Hotel der Vier-Sterne-Plus-Kategorie an die Nobelkarossen-Schaubühne anzuhängen. Das Synergiepotenzial ist fixiert: BMW-Gästebetreuung, Tagungsstätte und Cateringservice durch die Hotelgastronomie.

Seit 2005 war das Referat für Stadtplanung und Bauordnung unter der Leitung der damaligen Stadtbaurätin Christiane Thalgott offiziell mit dem Ansinnen befasst. Seitdem wurden die Weichen für den Investor und gegen das Landschaftskonzept von Günter Grzimek gestellt. Für den gesamten Olympiapark gilt das »Prinzip des flachen, offenen Rands«, betont Landesdenkmalpfleger Uli Walter. Auch Landschaftsarchitekt Christoph Valentien, der die Urheberrechte von Grzimek vertritt, lobt die »Ästhetik des Selbstverständlichen«. Konkret: Wenn Besuchermassen aus dem U-Bahn-Schacht quellen, haben sie bislang einen freien Platz, ansteigende Wege und das Fernziel Olympiadach vor Augen. In Zukunft wird das Hotel mit Vorfahrt, Tiefgaragen- und Lieferanteneinfahrt allenfalls eine Passage zum Park offenhalten. Zwischen dem breiten BMW-Heck und der gläsernen Hotellobby wird wohl auch noch ein Stück vom Olympia-Zeltdach aufblitzen.
Dabei hat sich das Konzept der flachen Ränder bestens bewährt, wurde sogar prominent kopiert. Herzog & de Meuron haben für die AllianzArena in Fröttmaning eine vergleichbare Landschaftsmodulierung, Platzbildung und Wegführung gewählt. Nun soll das Vorbild zerstört werden, weil es dort keinen Fußball mehr gibt – allenfalls eine Winterolympiade, ein paar Mega-Konzerte und Kongresse.
Sollte der neu gewählte Stadtrat tatsächlich dem Hotelprojekt an der vom Investor und von BMW favorisierten Stelle im Olympiapark zustimmen, wird eine Planungsfarce zur Blaupause für weitere privatwirtschaftliche Aneignungen des weltberühmten Olympiaensembles. ECE macht vor, wie man im Stadtrat eine explizit »subjektive« Stadtbildverträglichkeitsuntersuchung lanciert, die die fundierte kommunale Hochhausstudie von Detlev Schreiber und Ferdinand Stracke aus dem Jahr 1996 aushebelt, welche an diesem Ort schlicht »Grünraum« vorsieht. Der Fall zeigt auch, wie man mit Lobbying erreicht, dass ein von der Stadtgestaltungskommission geforderter städtebaulicher Wettbewerb mit alternativer Standortentwicklung unterbleibt. Die Stadtbaurätin, die einst befand, dass es in ganz München keinen geeigneten Standort für eine Fußballarena gebe, beschied in diesem Fall nach »systematischer« Untersuchung, dass es keine Alternativen gibt. Sowohl Landesdenkmalpfleger als auch der Stadtheimatpfleger haben darauf ihr Mitwirken in der Jury verweigert. Wie das Jury-Mitglied Uwe Kiessler haben die Denkmalvertreter einen Hotelstandort auf dem Parkdeck des Olympischen Dorfes in Erwägung gezogen, damit das neue Hochhaus sich in die bestehende Gebäudefamilie eingliedere und nicht dem denkmalgeschützten BMW-Vierzylinder Konkurrenz macht. Der Auslobungstext für den Architekturwettbewerb unterschlug die stadtgestalterischen und denkmalpflegerischen Probleme.
Ein solches Verfahren wirkt wie ein Freibrief. Schon hat der Investor Accumulata vom Architekturbüro Auer+Weber prüfen lassen, ob am Eisstadion gegenüber der BMW-Welt eine Wellness-Klinik unterzubringen wäre, die dann wohl mit der Lage am Olympiasee und der Nähe zur Schwimmhalle werben könnte. Immerhin gibt es für dieses Areal laut Stadtratsbeschluss vom 14.12. 2005 Entwicklungsbedarf.
Aber nicht nur die Ränder des Olympiaparks sind Planungsgebiet für eine schöne neue, möglichst privat finanzierte Bauwelt. Auch mitten im Denkmalensemble wird gewühlt und gebaut. Mit der Autorität des Urheberrechtsinhabers sticht Fritz Auer die Olympiahalle mit einem Restaurant-Steg an, der weit in den Coubertin-Platz ragt, durchstößt mit Kiosk-Kuben die Glaswände des Einzeldenkmals und schafft unterirdisch Platz für eine neue »Kleine Olympiahalle«, an deren Nutzung BMW bereits Interesse signalisiert hat. Die Ankündigung, dass die Kernbereiche der Sommerolympiade 1972 »nachhaltig« für die Winterspiele 2018 genutzt werden sollen, lässt um das Denkmalensemble fürchten. Insofern ist zu begrüßen, dass die neue Stadtbaurätin Elisabeth Merk ein Gesamtkonzept für den Olympiapark fordert, in dem die unangreifbaren Qualitäten des Ensembles definiert und Entwicklungsmöglichkeiten kritisch darauf abgestimmt werden. Immerhin ist Merk Mitglied des UNESCO Network »Conservation of modern Architecture and integrated territorial urban conservation«. Mit den dort verbindlichen ethischen Grundsätzen gilt es, das Hochhaus-Projekt zu prüfen. Merk betont, dass es für das Hotel noch keine baurechtlichen Grundlagen gibt und der Wettbewerb als eine »vertiefte Prüfung« einer »Möglichkeit« zu werten sei. Vielleicht setzt sich in München ja doch spät die Erkenntnis durch, dass öffentlicher Freiraum kein Bauerwartungsland ist und dass der Olympiapark nicht als Hotel- oder Klinikgarten teilprivatisiert werden darf.
~Ira Mazzoni
Die Autorin ist freie Journalistin und schreibt unter anderem für das Feuilleton der Süddeutschen Zeitung und der ZEIT.