In Würzburg wird am 25. Juni der Balthasar-Neumann-Preis verliehen. Seite 40

Phänomenal

Im Wiener Architekturzentrum (Az W) wird noch bis zum 12. Juli eine Ausstellung gezeigt, die sich »The Austrian Phenomenon« nennt – ein Spiegel österreichischer Architektur zwischen 1958 und 1973 mit über fünfzig Architekten(projekt)gruppen. Ein-mal abgesehen davon, dass Besucher aus Deutschland im Alter »Fünfzig+« zu sentimentalen Beobachtern werden, reift in den Köpfen der Jungen die Frage, warum es eigentlich kein »German Phenomenon« geben könne?

Ein Phänomen ist laut Duden zwischen Naturerscheinung und Wunder einzuordnen – nicht gerade das, was man von deutschen Perfektionisten und Technikern der Baukunst erwartet. Man weiß aber auch, dass der Ausstellungstitel aus dem Buch »Experimental Architecture« (1970) von Peter Cook stammt, eben von jenem Cook, der mit seinem Grazer Kunsthallen-Blob 2004 an diesem Phänomen partizipierte – in Wirklichkeit ist eben mit Austrian Phänomenen eine wahre alpenländische Erfolgsstory zu feiern.
Wenn ausgerechnet die Österreicher für Architektur- und Stadtutopie eine Rolle spielten, wie es die Briten in der Popmusik taten, dann ist es auch dem explosiven Klima und einer Wiener Streitkultur der Künstler-Architekten untereinander zu verdanken, aber in der Folge sicher auch der daraus entstandenen Überzeugung, österreichische Architektur tue der ganzen Welt gut. In der Konsequenz gehört dazu, dass österreichische Auftritte auf der Architekturbiennale immer zu den besseren gehören und eben das Az W in Bedeutung, Ausstattung und Fantasie in Deutschland seinesgleichen sucht. Von alledem kann man hier zu Lande lernen!
Die Ausstellung »Austrian Phenomenon« ist eine gutgemachte, amüsant collagierte Revue jener Tage. In flachen Tischvitrinen liegt so manche Reliquie als Originalskizze und raumhohe Wandzeitungen zeigen als folio, was diese fünfzig Gruppen mit ihren fast hundert Architekten wann und wo gedacht und gebaut haben. Man könnte dies alles als Marginalie, als Laune der großartigen Österreichischen Architekturgeschichte abhaken, wenn wir nicht wüssten, dass es Wiener Architekten wie Coop Himmelb(l)au sind, die heute attraktive deutsche Bauaufgaben wie die EWZ-Bank in Frankfurt oder die BMW-Welt in München realisieren. Und das führt zum eigentlichen Thema: Austrian Phenomenon, Schweizer Schule, Holland …. – warum gab und gibt es damals wie heute kein »German Phenomenon«?
Die Antwort ist schwierig. Ist Deutschland einfach nach dem Erfolg des Bauhauses noch nicht wieder an der Reihe? Vielleicht war auch in Deutschland ein direkter Weg zwischen Studentenrevolte und einer Architekturauffassung, wie z.B. Hans Hollein sie protegierte, nicht gegeben? Fehlt Mut einzelner Gruppen? Vielleicht …
Zwar muss man heute in Deutschland vom Gegenteil einer wirtschaftlichen Hochkonjunktur und ausgeprägten Fortschrittsglauben reden. Aber auch in der deutschen (Bau-) Krise, mit dem Computer und dem globalen Wissen über »archetypische und rituelle Architekturvisionen« kann die »Rolle des Architekten« und damit der Architektur zur Diskussion gestellt werden. Die Erfolge Österreichs, der Schweiz oder auch der Niederlande waren Erfolge zu Boomzeiten. Aber warum nicht in der Krise neue Wege finden? Wege der Neuinterpretation gesellschaftlicher Aufgabe von Architekten und ihres Berufsfeldes. In Hamburg oder Berlin oder im Osten der Republik arbeiten bereits viele dieser neuen Netzwerke, die visionäre Qualitäten entwickeln, interdisziplinär und ohne Mörtel, der den Blick ins globale Medienzeitalter verklebt. Hans Hollein mit seinem »Mobile Office« von 1969 in einer aufblasbaren Plastikwurst, Haus Rucker als »Enviroment Transformer« oder die »Körper – Raummaschine«, die Architektur heißt, von Coop Himmelb(l)au) – all dies sind frühere Äußerungen von Utopisten, die später zu Baukünstlern geworden sind!
Also nur Mut, selbst wenn zwanzig Jahre auf den gebauten Erfolg gewartet werden müsste – die österreichische Herausforderung zeigt ja, dass es sich lohnt, auf Phänomene zu setzen! Und vielleicht auch ein wenig staatliche Unterstützung auf den nächsten Architekturbiennalen … Dirk Meyhöfer