Perlen für die Presse

Fortsetzung Titel »Es gibt Plätze auf dieser Welt, die sind nicht von dieser Welt«, wirbt das Kempinski Grand Hotel Heiligendamm. Wenn dem so wäre, hätte man auf zwölf Kilometer Maschendrahtzaun und Stacheldraht

verzichten können, dann müssten nicht eine Fregatte und ein Kreuzer vor der Küste patrouillieren, an Land 16 000 Polizisten für weiträumige Pufferzonen sorgen und 300 Einwohner sowie 600 Hotelangestellte und Dienstleister mit Sonderausweisen penible Kontrollen erdulden. Da die »Weiße Stadt am Meer« aber zumindest am Rande dieser Welt liegt und zum Weltwirtschaftsgipfel im Juni für drei Tage medial ins Zentrum rücken wird, muss sie vorübergehend zur Festung hochgerüstet werden.

Vor den Kameras der 5000 aus aller Welt erwarteten Journalisten freilich soll die bedrohte Welt als heile Welt erscheinen: Strahlend schön soll die in frisches Buchengrün eingebettete klassizistisch-romantische Bäder-Noblesse an der Ostsee für bessere Zeiten werben. »Als gewaltigen Imagegewinn« und eine große »Marketingoffensive« für Mecklenburg-Vorpommern wertet Ministerpräsident Harald Ringsdorff (SPD) den G8-Gipfel in Heiligendamm, heißt es auf der Web-Seite des Landesportals. Gastgeberin Angela Merkel, Bundeskanzlerin und EU-Ratspräsidentin mit nahem provinziellem Wahlkreis, möchte »ihr« Land von der schönsten Seite zeigen, den Aufbau Ost symbolisch mit Säulchen und Türmchen garnieren. Werbung erhoffen sich auch der Hotelbetreiber sowie die Fundus-Gruppe, die seit Langem im Besitz der ersten Reihe des historischen Strandbads sind. Das Hotel ist sonst nicht ausgebucht, die Perlenkette, sieben Sommervillen am Strand, sollten eigentlich schon vor dem Gipfel saniert und in luxuriöse Wohnresidenzen umgewandelt worden sein. Die Fernsehbilder sind Immobilienanzeigen zur Prime Time.
Damit diese Bilder richtig schön »rüberkommen«, wurde die erste Villa am Platze, Villa Perle, bereits im Februar geschreddert und zu Straßenbelag verarbeitet. Vom nun säuberlich planierten Grundstück haben die Pressefotografen die beste Sicht auf den strahlenden Tagungsort mit dem klassizistischen Kurhaus und das Grandhotel nebst Hohenzollernburg, von hier lässt sich auch das »Familienfoto« der Mächtigen fernsehwirksam inszenieren. Kein schlechter Scherz: Johannes Beermann, Sprecher der Fundus-Gruppe, der die ersten beiden Reihen der »weißen Stadt am Meer« gehören, bestätigt: »Von Regierungsseite wurde an uns der Wunsch herangetragen, ob man an der Stelle die Pressetribüne aufbauen könne. Da wir bereits die Abrissgenehmigung hatten, konnten wir dem Wunsch entsprechen.«
Seit 2004 liegt dem Eigentümer und Investor, der auch das Grandhotel »entwickelt« hat, eine Baugenehmigung vor, die den Abriss von drei der insgesamt sieben historistischen Strandvillen erlaubt. Angeblich sei ihr Zeugniswert aufgrund der DDR-Umbauten zu gering, der Sanierungsaufwand zu hoch. Die aufgrund mangelnden Bauunterhalts marode Villa Perle, Baujahr 1854, musste noch schnell vor dem Gipfeltreffen weg. Wäre ja auch noch schöner, wenn die Staatsgäste aus ihren Suiten blickend nicht nur das Meer, sondern auch den unbewältigten Aufbau Ost vor Augen hätten. Der Sprecher der Fundus-Gruppe beruhigt: Der Bauplan sieht die Neuerrichtung von Villa Perle, Villa Schwan und Villa Möwe vor. Wie in der »Blütezeit des Bades« vor 1880 sollen sie ab etwa 2010 mit allen Dekorelementen wiedererstehen: Noble Appartementhäuser, marktgängig geschnitten und ausgestattet, mit neuem Keller und erhöhtem Dach – glatter Talmi statt gewachsener Perlen.
Da das Historische in Heiligendamm fast nur noch Kulisse ist – auch das Hotel ist ja kaum mehr als renovierte Hülle für eine weltweit normierte First-Class-Gediegenheit – deutet sich für die Zukunft eine wunderbare Lösung für Gipfeltreffen der höchsten Sicherheitsstufe an. Ist es schon jetzt ein Fortschritt, dass die Mächtigen der Welt nicht mehr gemeinsam ins Zentrum historischer Altstädte streben, empfiehlt sich für die Zukunft ein Platz, der (fast) nicht mehr von dieser Welt ist: ein Ort der exquisiten Isolation, möglichst unbewohnt, in traumhafter Landschaft.
Wie wäre es mit einer Insel? Für die passenden Kulissen könnten dann die Kascheure der Fernsehanstalten sorgen. Sie dürften für eine Woche Grandhotels, Burgen, Villen oder Cottages bauen, je nachdem, welche historische Stätte der Gastgeber medienwirksam repräsentiert zu haben wünscht. Dann hätten veritable Baudenk- mäler wohl noch eine Chance, in Altersschönheit eine bescheidene Renaissance zu erleben. Denn abseits der medialen Welt symbolischer Repräsentation reichen häufig wenige Mittel, das Echte zu bewahren, das tatsächlich noch einer anderen Zeit und einer anderen Welt angehört.
~Ira Mazzoni
Die Autorin ist freie Journalistin und schreibt unter anderem für das Feuilleton der Süddeutschen Zeitung und der ZEIT.