Paseo del Arte, Madrid

Madrid erlebt momentan einen regelrechten Museumsboom. Manche haben schon ein neues »siglo de oro«, ein Goldenes Zeitalter heraufbeschworen, denn im Herzen der spanischen Hauptstadt wächst eine Kunstmeile heran, die alles bisher Dagewesene in den Schatten stellt.

~Klaus Englert

Entlang des Paseo del Prado, der von der prachtvollen Plaza Cibeles im Norden bis zum Bahnhof Atocha im Süden führt, befinden sich in kurzer Entfernung die drei wichtigsten Kunstsammlungen Madrids: Museo Thyssen-Bornemisza mit den Sammlungen von Heinrich und Carmen Thyssen-Bornemisza, Museo Nacional del Prado mit den königlichen Sammlungen und Museo Nacional Centro de Arte Reina Sofía (kurz: MNCARS) mit Werken aus dem 20. Jahrhundert. Die Museumsmeile »Paseo del Arte« umfasst die Erweiterung dieser großen Kunstsammlungen sowie die Errichtung der aufsehenerregenden Kunsthalle »CaixaForum« der katalanischen Stiftung »la Caixa«. Zudem verfolgt Prado-Direktor Miguel Zugaza das ambitionierte Projekt, sein Museum durch Hinzunahme des angrenzenden Heeres-Museums und des Casón del Buen Retiro zum »Campus del Museo del Prado« zu vereinen, um zusätzliche Ausstellungsflächen und ein Forschungszentrum zu erhalten.
Die städtebauliche Aufgabe fällt dem Portugiesen Alvaro Siza Vieira und dem Spanier Juan Miguel Hernández de León zu, die 2002 einen beschränkten Wettbewerb für die Gestaltung des Paseo del Prado gewonnen hatten: Die bislang lärmende und fußgängerfeindliche Verkehrstrasse, die im Zentrum Madrids den Atocha-Bahnhof mit der Plaza Cibeles verbindet, soll endlich beruhigt werden. Siza Vieira will den Verkehrsfluss des Paseo del Prado neu verteilen, die Anbindung an den Botanischen Garten und die angrenzenden Viertel verbessern und gleichzeitig die Straße erweitern, um im Mittelbereich einen breiten öffentlichen Raum, einen grünen Parkstreifen für Spaziergänger erhalten. Durch landschaftsarchitektonische Mittel soll ein parkähnlicher Boulevard gestaltet, die öffentlichen Grünzonen erweitert und damit das selbstgesteckte Ziel erreicht werden, »die städtische Qualität zu verbessern«.
Doch Siza Vieiras Projekt ist leider zum politischen Zankapfel geworden, seitdem Carmen Thyssen-Bornemisza zusammen mit der Präsidentin der Autonomen Region Madrid gegen das Vorhaben kämpft, um den angeblich gefährdeten Baumbestand zu retten.
Während der Ausgang der freiraumplanerischen Umgestaltung noch ungewiss ist, konnte sich die Baronin immerhin freuen, dass der Annex des Museo Thyssen-Bornemisza bereits vor drei Jahren eröffnet werden konnte. Der Anbau wurde notwendig, weil der moderne Sammlungsbestand von Carmen Thyssen-Bornemisza im klassizistischen Villahermosa-Palast (in den frühen neunziger Jahren von Rafael Moneo für Ausstellungszwecke hergerichtet) keinen Platz gefunden hätte. Die Sieger des Wettbewerbs – Manuel Baquero, Robert Brufau und das Studio BOPBAA – errichteten damals einen quer gestellten Block, der die monumentale Geste des klassizistischen Palastes aufnimmt. Damit entschieden sie sich für ein Volumen, das trotz seiner modernen Fassadengestaltung die Einheitlichkeit des Ensembles hervorhebt. Vorgelagert ist dem Erweiterungsbau ein gläserner Pavillon, der das Museumscafé beherbergt und von dem die Besucher nun auf eine kleine Gartenlandschaft blicken können, die sich bis zum Paseo del Prado erstreckt. Im Museums-Annex mit den schmalen, geschosshohen Fensteröffnungen stehen nun 16 Ausstellungsräume zur Verfügung, die sich organisch an den Altbau anschließen. Nur der rosa Farbanstrich der Wände weist den Besucher darauf hin, dass er sich nun im Erweiterungsbau befindet, in dem, neben herausragenden Gemälden von van Gogh, Gauguin, Munch, Constable, Beckmann und Goya, die amerikanische Historienmalerei des 19. Jahrhunderts dominiert.
Auf der anderen Seite des Paseo del Prado hatte Juan de Villanueva 1785–87 sein berühmtestes Bauwerk errichtet – das von Ferdinand VII. in Auftrag gegebene Real Museo de Pinturas, heute weltweit als Prado bekannt. Von allen Museen am Ort hat es am nachhaltigsten das Erscheinungsbild des Boulevards geprägt. Deswegen der Sturm der Entrüstung, als Mitte der neunziger Jahre zwei Wettbewerbe zur Erweiterung des Prado ausgelobt wurden. Der moderate und siegreiche Entwurf von Rafael Moneo »respektierte die Logik des Museums und seine sukzessiven Anbauten« (Moneo), doch der Konflikt stand jahrelang dem Beginn der Bauarbeiten entgegen.
Die strikten Wettbewerbsbedingungen hatten es verhindert, dass sich damals Architekten mit spektakulären Entwürfen durchsetzen konnten. Etliche Kritiker bedauern dies heute. Rafael Moneo errichtete ein höchst funktionales Gebäude, das den heutigen musealen Ansprüchen bestens genügt. Der Museumsanbau, der kürzlich – nach fünf Jahren Bauzeit – fertig wurde und 150 Millionen Euro verschlang, bietet eine zusätzliche Grundfläche von 16 000 Quadratmetern für drei größere Wechselausstellungssäle, Auditorium, Bibliothek, Restaurierungswerkstatt, Buchhandlung und Cafeteria. Moneo verzichtete auf ein spannungs- und kontrastreiches Gegengewicht zum Palast Villanuevas. Stattdessen ließ er die gesamte Vorderseite von Spaniens Kunst-Walhalla am Paseo del Prado unangetastet und stellte zwischen der Rückseite des Museums und der Kreuzgang-Ruine des Jerónimo-Klosters eine unterirdische Verbindung her. Diese großzügige, aber keineswegs spektakuläre Erweiterung wurde notwendig, weil im Prado bislang Flächen für Wechselausstellungen fehlten. Für einen modernen Museumsbetrieb ist der Altbau nicht ausgerüstet. Der neue unterirdische Trakt mit den hinzugewonnenen Service-Einrichtungen verbindet den Altbau mit dem kubischen Klinker-Annex und verfügt nun über einen eigenen Zugangsbereich: Bis auf Weiteres ist von hier leider nur die rückwärtige Apsis des Prados erreichbar, die Moneo in einen schönen Skulpturenraum, den »Salón de las Musas«, verwandelte. Vorbei am neu geschaffenen Servicebereich und dem angrenzenden Auditorium gelangt man zu den Wechselausstellungsräumen – dem Herzstück des Neubaus. Rafael Moneo hat in die Mitte des Kubus‘, der sich gegenüber dem Prado erhebt, ein gläsernes »Atrium impluviatum« eingesetzt, einen Lichtkanal, der die zwei Ausstellungsebenen mit dem oberen Kreuzgang verbindet und die Räume gleichmäßig ausleuchtet. Glanzlicht des Anbaus sind zweifellos die Ruinen des Klosterkreuzgangs, die der Madrider Architekt in einen imposanten Skulpturensaal verwandelte. Die Fassade trägt auf der Höhe des Kreuzganges eine Kolonnade kannelierter Säulen. Darunter schuf die spanische Künstlerin Cristina Iglesias ein beeindruckendes Bronzeportal, das sie als »vegetabilen Teppich« versteht. Um den klassizistischen Eindruck des neuen Prado-Ensembles zu verstärken, ließ Moneo schließlich oberhalb des Verbindungstrakts einen am klassizistischen Ideal orientierten Garten anlegen, der an die Zeit Karls III. erinnern soll.
Am südlichen Ende des Paseo del Prado, dort, wo Rafael Moneo Anfang der neunziger Jahre unter dem gläsernen Gewölbe des Atocha-Bahnhofs einen zauberhaften Botanischen Garten einrichtete, befindet sich auch die Erweiterung des landesweit wichtigsten Museums für moderne Kunst – des Museo Nacional Centro de Arte Reina Sofía. Jean Nouvel, der 1999 einen hochkarätigen Wettbewerb gewonnen hatte, schuf eine leichtgliedrige Konstruktion, die er traumhaft sicher in die Ecke der Ronda de Atocha setzte. ›
› Dem französischen Architekten gelang es, das schwierige dreieckige Grundstück auszufüllen und überzeugend in die städtische Textur zu integrieren. Der hintere Ausstellungs-Annex ist unmittelbar mit dem Museum Reina Sofía verbunden und grenzt an die Reste eines Krankenhauses, von dem nur noch zwei Fassaden übrig geblieben sind. Den Überresten des historischen Gebäudes aus dem frühen 19. Jahrhundert stellte Nouvel den größtmöglichen Kontrast entgegen. Auf das Grundstück setzte er um einen freigelassenen öffentlichen Platz, der den Zugang von der Ronda de Atocha regelt, ein elegantes dreiteiliges Ensemble, bestehend aus Bibliothek, Auditorium und Sälen für Wechselausstellungen. Für die drei Bereiche wählte Nouvel jeweils unterschiedliche Baustoffe – Stahl, Granit und Glas. Auf der Farbpalette dominieren Schwarz, Grau und Rot, was an die umliegenden Ziegeldächer erinnern soll – deswegen die rote Polyesterfassade des Auditoriums und das Kupferrot des Dachs.
Die Bibliothek überrascht wegen der abgehängten Glaskuppel, deren massive Oberfläche kein störendes Licht durchströmen lässt, während sich die Wechselausstellungssäle durch variable Raumaufteilungen auszeichnen. Zur Auflockerung der Fassadenkonstruktion des Annexes fügte Nouvel Terrassen an, die den Blick auf den Innenhof gestatten. Doch der Blickfang des neuen Ensembles ist die auskragende, nahezu schwebende Dachkonstruktion, die sich über den gesamten dreigliedrigen Anbau samt Patio wölbt. Dieses schwerelos wirkende, perforierte Kupferdach erinnert an das fliegende Dach des Luzerner Kongresszentrums.
Der Abschluss des Paseo del Prado bleibt dem CaixaForum der Basler Herzog & de Meuron vorbehalten. Die Kunsthalle der katalanischen Sparkassenstiftung »la Caixa« befindet sich gegenüber dem Königlich Botanischen Garten. Das muss die Schweizer Architekten dazu inspiriert haben, den französischen Künstler Patrick Blanc damit zu beauftragen, eine zur Kunsthalle hinaufführende Hauswand mit einer dichten vegetativen Farbpalette zu dekorieren. Direkt hinter dieser üppig sprießenden Wand erhebt sich das CaixaForum wie ein drohendes Gebirgsmassiv über dem Paseo del Prado. Zwar ist derzeit nur der Rohbau sichtbar, aber schon jetzt – wenige Monate vor der Eröffnung – ist klar, dass das Kulturzentrum neben den drei anderen Musentempeln am neuen Paseo del Arte am spektakulärsten ausfallen wird. Jacques Herzog vergleicht die schiefen Dachflächen mit einer fragmentierten Landschaft. Für die Außenhaut verwandte er perforierte, gusseiserne Platten, deren Farbe und Oberflächenstruktur an die Ziegeldächer der benachbarten Wohnhäuser erinnern. Im Innern erzeugen diese Platten ein überraschendes »clair-obscur«.
Projektarchitekt Carlos Gerhard meint, die ursprüngliche Idee sei es gewesen, nur die Umfassungsmauern des Elektrizitätswerks von 1900 bestehen zu lassen, den Sockel zu entfernen, das Granitfundament auszuheben und an dessen Stelle einen Betonkern hochzuziehen, der das Gebäude oberhalb des Straßenniveaus in der Schwebe hält. Auf dem neu gewonnenen Platz vor und unter dem Gebäude steht man wie vor einem stielförmigen Eingangs-Nukleus, von dem sich, wie der Hut eines Pilzes, eine unregelmäßig verlaufende Dachstruktur abhebt. Innerhalb dieser ungewöhnlich komplizierten Struktur wird die gesamte Last der oberen Stockwerke von den beiden Untergeschossen getragen, mit dem Vorteil, dass die beiden riesigen Ausstellungssäle völlig stützenfrei auskommen.
Vor wenigen Jahren errichtete Arata Isozaki eine wunderbare Dependance von CaixaForum auf Barcelonas Montjuïc. Wenn demnächst die Madrider Zentrale fertig ist, dürfte sie zum krönenden Schlusspunkt des Paseo del Arte geworden sein.
Der Autor ist freier Architekturkritiker bei überregionalen Tageszeitungen und beim Rundfunk. Er lebt in Düsseldorf.