Analyse und Entwurf eines NS-Dokumentationszentrums für München

Ort der lebendigen Auseinandersetzung

Sonderdiplomarbeit von Heike Schmidt und Rudolf Heinz im Wintersemester 2005/06 an der TU München, Fakultät für Architektur, Lehrstuhl für Raumkunst und Lichtgestaltung. Betreuung: Prof. Hannelore Deubzer, Prof. Dr. Winfried Nerdinger; Assistenz: Barbara Schelle, Rudolf Graf

Das Thema der Sonderdiplomarbeit ist es, eine adäquate Antwort, eine Form und Hülle für ein »NS-Dokumentationszentrum in München« zu finden. Die Arbeit soll auch ein Beitrag zur aktuellen Diskussion des tatsächlich geplanten NS-Dokumentationszentrums in München sein.
Orte der Täter Durch das stetige Anwachsen von Macht und Größe der NSDAP entstand im Umfeld des Königsplatzes ein eigenständiges Partei- und Verwaltungsviertel. 1939 waren mehr als 50 Gebäude unter der Verwaltung der NSDAP. München wurde durch Hitler zur »Hauptstadt der Bewegung« und »Hauptstadt der Deutschen Kunst« proklamiert; von hier aus entwickelte sich der kultische, bildnerische und architektonische Ausdruck der Nationalsozialisten. Die nationalsozialistischen Täter haben in München ihre Machtzentrale gegründet und aufgebaut. Alle administrativen Ämter waren während der gesamten Diktatur und des Zweiten Weltkriegs in München vertreten. Nach dem Krieg wurden die so genannten Täterorte, sofern sie nicht zerstört waren, weitgehend »entnazifiziert« – kommentarlos mit neuen Nutzungen belegt. Die Aufarbeitung des nationalsozialistischen Erbes, auch baulicher Art, ist bis heute durch einen zurückhaltenden und unsicheren Umgang mit der Vergangenheit gekennzeichnet.
Architektur gegen das Vergessen Um den direkten Bezug zur Vergangenheit herzustellen, sollte die Auseinandersetzung mit den Tätern möglichst an einem authentischen Ort stattfinden. Der Königsplatz ist besonders geeignet, da die Geschichte der Täter hier immer noch erfahrbar ist. In unmittelbarer Umgebung befinden sich in dem ehemaligen Führerbau die Hochschule für Musik und Theater sowie im Verwaltungsbau der NSDAP das Zentralinstitut für Kunstgeschichte und ein Museum. Die verschiedenen unterirdischen Verbindungsgänge zwischen den Parteibauten sind ebenso erhalten wie die Sockel der ehemaligen Ehrentempel. Außerdem befindet sich unter dem Erdreich das Kellergeschoss des ehemaligen Braunen Hauses. Diese heutige städtebauliche Gesamtsituation mit den noch vorhandenen nationalsozialistischen Relikten müssen als Orte der Erinnerung erhalten bleiben.
Entwurf Die Idee besteht darin, die Geschichte an diesem Ort offen zu legen und somit sichtbar zu machen. Das Kellergeschoss des ehemaligen Braunen Hauses wird ausgegraben und als begehbares Exponat zusammen mit den vorhandenen unterirdischen Verbindungsgängen gezeigt. Es wird eine neue Ebene, die »Geschichtsebene« angelegt. Der Bestand der ehemaligen NS-Bauten, der Führerbau und der Verwaltungsbau der NSDAP, wird dabei nicht angegriffen, durch die neu angelegte Ebene werden sie aber in ihren ursprünglichen Zusammenhang gebracht – ebenso wie die Fundamente der ehemaligen Ehrentempel, deren Grünbewuchs entfernt wird. Außerdem muss sich die Auseinandersetzung der Stadt München mit ihrer nationalsozialistischen Vergangenheit auch baulich zeigen. An dem Standort der ehemaligen päpstlichen Nuntiatur entsteht der »Ort der lebendigen Auseinandersetzung«, er verknüpft die Ebene der Stadt mit der neu eingefügten Geschichtsebene (den Ausgrabungen). Im Foyer verschneidet sich dieser Bereich durch das Treppenelement mit der Dauerausstellung »Dokumentation der Täter«. In den oberen Stockwerken sind Wechselausstellungen, Bibliothek, Verwaltungsräume und Veranstaltungsräume geplant.
Jedes dieser Stockwerke wird als ein Raum begriffen, der durch vier Funktionskerne zoniert wird, die gleichzeitig das Traggerüst bilden. Die eingeschobenen Boxen aus Lärchenholz sind abgeteilte Nutzungszonen, die eine Beziehung zwischen Innen und Außen herstellen. Heike Schmidt, Rudolf Heinz