Neues Denken am Alexanderplatz?

Am letzten Wochenende dieses sonnigen Augusts sorgte die Berliner Zeitung für eine kleine Sensation: Ein Redakteur war mit einem Fotografen losgezogen, um

~Wolfgang Kil

eine Reportage direkt vor der eigenen Verlagstür zu recherchieren – auf dem Alexanderplatz. Beide entdeckten nun offiziell, wofür Alteingesessene und sonstige Berlin-Fans diesen Ort schon lange lieben: Breakdancer aus dem Wedding, dänische Liedermacher, amerikanische Skate-Akrobaten, einen Brandenburger mit Didgeridoo, einen polnischen Konzerttrompeter. »Der Alex ist das inoffizielle Zentrum der Straßenkünstler.« Dazu gebügelte Angestellte, Rucksacktouristen, rüstige Rentner, Punks mit Hunden. Und Grillwalker – Berlins obskure Variante des Bratwurstverkäufers.
Reichlich zwei Jahrzehnte hat es also gebraucht, bis das seriöse Hauptstadtblatt für den real existierenden Alexanderplatz ein paar gute Worte fand. Davor konnten die Klagen und Skandalmeldungen gar nicht gruselig genug sein: Leer, grau, verschlissen. »Asiatische Leere«, »Vorposten der Mongolei« – das war so der Jargon, um den Platz niederzumachen. Die Absicht lautete schnelle und möglichst gründliche Veränderung seiner aus DDR-Zeit stammenden Gestalt. Der »Alexanderplatz-Streit« war eine der ganz frühen und besonders emotional geführten Städtebaudebatten im wiedervereinigten Berlin.
Zur Erinnerung: In Erwartung gigantischer Wachstumszahlen hatte der Berliner Senat 1993 einen Wettbewerb zum Alexanderplatz ausgeschrieben, der von Hans Kollhoff und Helga Timmermann mit zehn Wolkenkratzern im Art déco-Stil gewonnen wurde. Aus dem Entwurf wurde ein verbindlicher B-Plan, doch 20 Jahre später ist von alldem nichts zu sehen. Boomtown war anderswo. Einzig der US-Investor Hines hat Anfang dieses Jahres angekündigt, sein Hochhaus mitten auf dem Platz endlich in Angriff zu nehmen. Die Käufer aller übrigen Grundstücke begnügten sich mit der Renovierung der Bestandsbauten, was ja auch Geld kostet, das nun erst wieder verdient werden muss. An Büroflächen herrscht in Berlin Überangebot (weshalb Hines einen Wohnturm plant). Das umgebaute Kaufhaus aus DDR-Zeiten sowie die ästhetisch heftig umstrittene Shoppingmall »Alexa« schlagen bundesweit alle Umsatzrekorde. U- und S-Bahnen kreuzen sich mit einem Dutzend Tramlinien zum meistfrequentierten Verkehrsknoten Berlins. Auf dem Platz herrscht babylonisches Sprachengewirr und bei freundlichem Wetter buntes Treiben wie auf dem Jahrmarkt. Wolkenkratzer? Auf die wartet hier niemand.
Mit einem geschickt platzierten Interview wagte Regula Lüscher nun im Frühsommer einen Befreiungsschlag. »Keine Turmhäuser mehr am Alex!« Unter dieser Überschrift hatte die Senatsbaudirektorin sich von den rechtlich immer noch verbindlichen Hochhausträumen der 1990er Jahre verabschiedet. Sie wolle über den Platz in seiner inzwischen gewachsenen Eigenart noch einmal neu nachdenken, wobei ihr ein glücklicher Umstand zu Hilfe kam: Die im § 42 BauGB festgelegte Schutzfrist für vom B-Plan gewährte Baurechte war abgelaufen. Wer nach sieben Jahren nicht angefangen hat, verliert bei Planänderung seinen Anspruch auf Entschädigung. Seltsam, dass ausgerechnet diese befreiende Mitteilung in den Medien nur geringe Aufmerksamkeit fand. Wie oft ist uns »drohende Entschädigung« schon bei anderen missratenden Bauverträgen vorgehalten worden! Und auch um die zweite Kernaussage ihres Interviews blieb es merkwürdig still. In der kritisierte sie am Kollhoff/Timmermann-Plan, »dass viele neue Gebäude dort errichtet werden sollen, wo bereits Häuser stehen – und die werden stehen bleiben.« Deutlicher kam selten der Sinneswandel der letzten zwei Jahrzehnte zum Ausdruck: »Platz da für das Neue!« war gestern. Heute dagegen: »Mal schauen, was sich draus machen lässt.«
Manche warteten irritiert auf die Ankündigung eines neuen Wettbewerbs. Doch solche Erwartung verkennt den vollkommen anderen Ansatz der Senatsbaudirektorin, die sich Stadt eben nicht anhand verlockend ausgemalter Bilder herbeiwünscht, sondern auf Beobachtung und Begleitung realer Akteure und Kräfteverhältnisse setzt. Da können überraschende Trends zum Vorschein kommen. So hat etwa das legendäre Scheunenviertel, dieser verwuselte Altstadtzipfel zwischen Volksbühne und Hackeschem Markt, durch Sanierung eine so deutliche Belebung (auch massive Gentrifizierung) erlebt, dass man ihn endlich aus seinem Schattendasein erlösen und über Verknüpfung mit den Verkehrsströmen des Alexanderplatzes neu nachdenken sollte. Auch entsteht nördlich des Platzes bis hinauf an die Grenze zum Prenzlauer Berg gerade ein Touristenviertel. Nach sieben Hotels und Herbergen niederer Preisklassen ist noch kein Ende abzusehen, und dank Ansiedlung von Spielcasinos sowie eines Münchner Hofbräuhauses gibt dort heute eine Zielgruppe den Ton an, die in den üblichen Träumen von Metropole und schicker Bürgerlichkeit eher nicht vorkommt. Aber vielleicht ist gerade der Alex ihr Platz?
»Zwischenzustände sind auch mal auszuhalten.« Regula Lüscher begreift Planung nicht als das Durchboxen einer vorgefassten Idee, sondern als vielschichtigen, konfliktreichen und deshalb zivilisierungsbedürftigen Prozess. Mit dem öffentlichen Eingeständnis, dass die Blütenträume von 1993 nicht reiften, hat sie die Chance ergriffen, endlich auch mal andere Ideen von Urbanität denken zu lassen und damit auch diese Stadt – als ohnehin nie zu vollendendes Projekt – für die unabsehbaren Entwicklungen des 21. Jahrhunderts planerisch wieder zu öffnen.
Der Autor, Jahrgang 1948, arbeitet als freiberuflicher Kritiker und Publizist in Berlin.