Museum bildet neue Wege

Das M9 ist das erste Museum im italienischen Mestre. Die Stadt wurde 1929 Venedig zugeschlagen, ist inzwischen aber mit gut 200 000 Einwohnern mehr als dreimal so groß. Mit dem Bau des Museums M9 – die 9 steht für Novecento, den italienischen Begriff für das 20. Jahrhundert – war zugleich ein städtebaulicher Eingriff verbunden; das Grundkonzept dafür bescherte dem Berliner Büro Sauerbruch Hutton vor acht Jahren den Wettbewerbssieg, Anfang Dezember wurde das M9 eröffnet.

Die Architekten ließen einige verfallene Bauten abreißen, einen ehemaligen Klosterkonvent an der Nordseite des Areals nahe der zentralen Piazza Ferretto grundsanieren und für gewerbliche Nutzung ausstatten. Der Clou jedoch ist der Weg durch das Gelände: Man durchquert den Innenhof des Konvents – der ehemalige Kreuzgang – luftig, ohne konstruktive Verbindung zum Gebäude, überdacht. In Fortsetzung dieser Diagonalen führen die Architekten eine Art Boulevard zur südöstlichen Ecke des Geländes, wodurch jetzt die einige Meter entfernte belebte Einkaufsstraße an das Stadtzentrum angeschlossen ist. Längs dieses Wegs entwickelten sie das eigentliche Museumsgebäude auf einem nunmehr annähernd dreieckigen Grundriss und setzten ihm gegenüber den Verwaltungsbau, wodurch ein kleiner Platz entsteht.

Im EG des Museums befinden sich Foyer, Shop und Museumscafé, das hinter einer verglasten, quasi aus dem Bauwerk herausgeschnittenen Ecke liegt. Ein Auditorium liegt in der Spitze des Gebäudes auf Ebene -1. Zwei OGs mit jeweils einem einzigen großen Fenster umfassen die Ausstellung, von der das Museum seinen Namen hat – Geschichte Italiens und seiner Gesellschaft im 20. Jahrhundert – und die sich »interaktiv« v. a. an ein jüngeres Publikum wendet. Das 3. OG, das Tageslicht aus dem durchgehenden Sheddach bezieht, dient Wechselausstellungen. Die seitlich angeordnete Treppe, die fast über die gesamte Länge des Gebäudes führt, ist von roh belassenen Betonwänden gefasst.

Die Fassaden von Museum und Verwaltungsgebäude haben Sauerbruch Hutton mit den von ihnen gewohnten langrechteckigen Keramikfliesen bekleidet. Das Farbspektrum reicht von Weiß über Sandbraun bis zu einem satten Rot, das sich im Putz des Konvents wiederfindet – Farben, die dem Standort gemäß sind. Aus dem Keramikkleid des Museums ragen das 3. OG und der Sockel in Beton heraus.

Insgesamt ist das M9 ein markanter Bau, der gestalterisch aus seiner Umgebung deutlich heraussticht, sich aber städtebaulich vorzüglich einfügt und ein bislang unzugängliches Areal als öffentlichen Raum erschließt. Dass die drei Funktionen Auditorium, Shop und Bar/Restaurant an das EG angegliedert sind, unterstreicht den Charakter des Hauses als öffentlicher Ort. Die 110 Mio. Euro für das Projekt sind jedenfalls bestens angelegt.

~Bernhard Schulz