Colantonio, Hieronymus im Gehäus
Colantonio, Der hl. Hieronymus im Gehäus (Ausschnitt aus einer anderen Datei: Colantonio, San Girolamo nello studio, 1444, 01.JPG, Gemeinfrei) https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=37324423
My home is my office

My home is my office

Glücklich, wer sich schon vor dem Shutdown ans Homeoffice gewöhnt hatte.

~Jürgen Tietz

Giovanni Boccaccios »Decamerone« feiert derzeit eine bemerkenswerte Renaissance. Darin wird geschildert, wie sich eine Gruppe junger Adliger auf einem Landgut in Fiesole 1348 die Zeit mit Geschichtenerzählen vertreibt, während im nahen Florenz die Pest wütet. Im regulierungsfrommen Corona-Deutschland hätte man solchem Rückzug den Riegel vorgeschoben: Geschichtenerzählen zwar noch erlaubt, aber nur im innersten Kreis der Familie. Ein Exil in anderen Bundesländern? Tabu. Selbst für Zweitwohnungsbesitzer wurden die Schotten dicht gemacht. In Zeiten von Corona zerbröseln die Dogmen des globalen Dorfs im Minutentakt und mit ihnen geraten manche Grundrechte bedenklich ins Wanken. Was gestern noch unvorstellbar schien, ist heute Realität. Der Infektionsschutz hat Vorrang. So wird in den Zeiten der sozialen Distanz, die ja eher eine soziale Verantwortung durch physische Abstandswahrung meint, selbst die urbane Dichte zur Bedrohung. Da dürfen all die Aufstockungsjünger und Verdichtungsprophetinnen noch einmal über die Moderne nachdenken. Die hatte nämlich aus guten hygienischen Gründen über die Entdichtung der Städte des 19. Jahrhunderts nachgedacht, hat Gärten zur Selbstversorgung vorgeschlagen und jene Volksparks zur Erholung angelegt, in denen derzeit wie wild spaziert und gejoggt wird. Da der Landsitz als Ort für derartige Reflexionen allerdings ausfällt, böte sich das Gehäuse des Hieronymus als feine Alternative an. In diesem Studiolo konzentrierter Arbeit übertrug der Kirchenvater im 4. Jahrhundert die Bibel aus dem Griechischen ins gängige Latein und machte sie so der ganzen Welt zugänglich. Insofern erweist sich der Heilige Hieronymus nicht nur als Urvater der christlichen Globalisierung, sondern auch des Homeoffice. Und das unter erschwerten Bedingungen. Hatte er doch außer Feder und Tinte samt begleitendem Löwen zu seinen Füßen keinerlei Unterstützung. Folgt man Albrecht Dürers berühmter Ansicht, dann verfügte Hieronymus immerhin über einen gemütlichen Platz zum Schreiben, der jedoch vermutlich nicht den ergonomischen Ansprüchen der Arbeitsstättenrichtlinie entsprach. Noch hinderlicher war, dass er weder über Internet noch über Handy verfügte. Bei Übersetzungs- und Glaubensfragen waren also keine hurtigen Videokonferenzen via Zoom, Slack oder Microsoft-Teams mit seinen heiligen Kollegen möglich. Als Asket hatte Hieronymus immerhin seine Ruhe vor quengelnden Familienmitgliedern – steht beim heimischen Arbeitsplatz doch der räumlichen Distanz zu den Kollegen häufig die unerwartete Nähe zu Familie und Kindern gegenüber. Die müssen aufgrund der geschlossenen Kindergärten und Schulen bespielt und beschult werden. Das kostet Zeit und Nerven. Einziger Ausweg ist es, den Tagesablauf der Kinder ebenso durchzustrukturieren wie die eigene Arbeit. Das fördert sowohl die Effizienz als auch die soziale Kompetenz aller Familienmitglieder und wirkt hoffentlich einem Lagerkoller entgegen. Neben der Suche nach dem geeigneten Arbeitsplatz zwischen Wohnzimmer und Küche kann die Beschaffung des notwendigen Computers für die Heimarbeit eine Herausforderung darstellen, ebenso wie der Zugang zu firmeninternen Daten und die Überwindung von Firewalls. Das alles entlockt der Generation +/- 30 allerdings höchstens ein müdes Lächeln. Für sie ist der heimische (Teilzeit-)Arbeitsplatz längst Alltag. Mit sämtlichen Vor- und Nachteilen. Fällt es den einen schwer, sich ohne die Büroatmosphäre zu disziplinieren, hadern die anderen damit, dass sie im wochentäglichen Einerlei die Wochenenden gar nicht mehr erkennen. Jeder reagiert eben anders auf die Situation.

Ablesen lässt sich das am Zustand des Arbeitsplatzes, selbst bei Homeofficeprofis wie Schriftstellern. Die Variationsbreite liegt zwischen dem (vermeintlichen) völligen Chaos bei Friedericke Mayröcker und der bleistiftgespitzten Ordnung von Elias Canetti. Wer wirklich auf sich hält, schreitet perfekt gestylt zur Heimarbeit wie einst Thomas Mann, selbst wenn kein Nobelpreis winkt. Während die einen die Heimarbeit als Befreiung empfinden, stellt sie für die anderen eine unerträgliche Einengung dar. Der informelle Austausch der Gedanken ist freilich nicht auf Teeküche oder Coffeeshop-Besuch angewiesen, sondern kann ebenso gut via Skype oder WhatsApp-Call stattfinden.

So gediegen man sich auch mit Eiermann-Schreibtisch oder Eames-Bürostuhl eingerichtet haben mag, spätestens nach ein paar Wochen wird es für die allermeisten in dieser »splendid isolation« sehr eng. Räumlich wie gedanklich – und v. a. wirtschaftlich. Internet hin, Videokonferenz her. Irgendwann hindern stillstehende Baustellen, Ausgangsrestriktionen und wegbrechende Aufträge am Weiterarbeiten. Spätestens wenn das eigene Archiv akribisch aufgearbeitet wurde und die letzten Unterlagen über das jüngste Projekt medienkompatibel strukturiert sind, wird deutlich, dass die entscheidende Voraussetzung für jede Heimarbeit, so digital sie sei, die schlichte Existenz eines analogen Arbeitsplatzes ist – vorausgesetzt man widersteht dem Virus. Es bleibt derzeit eine zarte Hoffnung, dass sich der danteske Höllenschlund des Corona-Virus-bedingten wirtschaftlichen Abschwungs noch irgendwie abfedern lässt, damit möglichst kaum jemand in den Abgrund der Arbeitslosigkeit gerissen wird und alle den wochenlangen Stillstand sowohl physisch wie ökonomisch überstehen.

Der Autor studierte Kunstgeschichte und arbeitet als Architekturkritiker und Buchautor in Berlin.