Münchner Architekturgeschichten

Nach einem Blick auf das Berliner Architekturgalerie-Leben im Februar richten wir in dieser Ausgabe den Blick auf das Architekturgeschehen im Süden der Republik – nach München. Anders als in der Hauptstadt stellt sich das Geschehen hier dar; kleiner, überschaubarer – und damit auch leichter kritisch zu betrachten. Eine Entdeckungsreise mit einem engagiert dem Architekturleben Münchens verbundenen Architekten.

~Matthias Castorph

Wer als Architekt oder Architekturinteressierter in München in seinem Terminkalender noch freie Abende zu verzeichnen hat, dem ist es ein Leichtes, diese fast restlos zu füllen. Denn kaum ein Abend vergeht, an dem man nicht zu Diskussionsveranstaltungen, Vorträgen, Führungen, Preisverleihungen und Ausstellungseröffnungen gehen könnte. An fast einem Dutzend Orten in München wird Architektur diskutiert, präsentiert und inszeniert, werden ständig neue Themen »erzeugt«, um sie in den diversen Foren abzuarbeiten. Große und kleine Events, die die Aufmerksamkeit auf lokale Fragestellungen, wie beispielsweise die Umgestaltung innerstädtischer Bereiche lenken oder der Frage nach dem Erhalt bedeutender ungeschützter Nachkriegsmoderne wie dem »Schwarzen Haus« am Färbergraben oder den großen baukulturellen Grundfragen nachgehen (Rekonstruktion, Ressourcen und Honorar …). Dieses Angebot potenziert sich, wenn in regelmäßigem Rhythmus die Architekturwochen, Nächte der Architekten oder verwandte Großveranstaltungen wie der Designparcours anstehen. Aber trotz der vielen Veranstaltungen sind es meist dieselben Leute, die sich an den verschiedenen Orten zu den unterschiedlichen Anlässen sehen lassen – sei es als Besucher, Macher oder Podiumsgast. Man kann hier von einer Münchner Architekturszene sprechen, auch wenn die für andere Städte angeblich besondere Subkultur dabei praktisch kaum oder nur mit Einzelaktionen in Erscheinung tritt.
Architektur diskutieren
Neben Architekturausstellungen liegt der Schwerpunkt der Architekturvermittlung in München – aber vermutlich nicht nur dort – auf Diskussionsveranstaltungen. Zeitsymptomatisch scheint dabei, dass es heute offensichtlich nicht mehr ausreicht, ein Podium nur mit einer einzigen Person zu bevölkern. So werden mindestens zwei, vorzugsweise aber deutlich mehr Meinungsführer zu architektonischen Fragestellungen angefordert, um dem Plenum erhellende Erkenntnisse zuzuführen. Unter diesen Events gehört der »Architekturclub« im Haus der Architektur der Bayerischen Architektenkammer zu den regelmäßigsten. Dort sitzen einmal im Monat, jeweils montags, vor großem Publikum mehrere relevante Gäste auf der Bühne, bemüht, die aktuellen Themen der Architektur zu diskutieren und zu ergründen. Nach kurzen Statements versucht man unter Anleitung eines Moderators eine Podiumsdiskussion zu initiieren. Dabei können die meist hoch aufgehängten Themen, die zum Beispiel das Verhältnis von Architektur zu Musik und Literatur beleuchten sollen, beziehungsweise die Fragen nach dem »quo vadis« im Allgemeinen und der Münchner Architektur im Besonderen nur angerissen werden, konträre Auffassungen prallen leider meist nur oberflächlich aufeinander, ohne dass sich ein echter Diskurs entwickeln könnte. Warum sollte man sich auch zu weit aus dem Fenster lehnen, wenn man den Podiumskollegen vielleicht schon in der nächsten Wettbewerbsjury wieder begegnen wird? Und bei den anschließenden Saaldiskussionen sind die immergleichen Anmerkungen der Immergleichen aus dem Publikum zum schwierigen Schicksal des Berufsstandes schon voraussagbar. Bedauerlich, wie bei dieser Diskussionsform das Potenzial der eingeladenen herausragenden Berufskollegen und Experten meist brachliegt. Der Lichtbildvortrag, als Alternative, – wenn auch meist mit sehr vielen Bildern; vorzugsweise des eigenen Werkes – scheint fast in Vergessenheit geraten zu sein, wenn man in den Veranstaltungskalender blickt. Nur ab und zu gibt es ihn noch, wenn Institutionen wie die TU und FH München oder auch die Oberste Baubehörde zu Werkvorträgen einladen.
Ausstellen
Das Architekturmuseum der Technischen Universität München, seit 2002 in der Pinakothek der Moderne beheimatet, ist sicherlich das Flaggschiff der Architekturausstellungen. Unter Leitung von Winfried Nerdinger werden, mit sicherem Gespür und wissenschaftlich aufbereitet, große Themen angegangen oder die Größen der Zunft monografisch präsentiert. Zu erinnern ist hier an die Gottfried-Semper-Ausstellung (2003), die gemeinsam mit der ETH Zürich realisiert wurde, »Die Stadt des Monsieur Hulot« (2004) über die Filmarchitekturen von Jaques Tati, »Die Architektur der Wunderkinder« (2005) über die Nachkriegsjahre oder »Die Architektur wie sie im Buche steht« (2006), die sich mit fiktiven Bauten und Städten in der Literatur auseinandersetzte. Ausstellungen, die weit über München hinaus ihr Echo finden und auch von »Nichtarchitekten« gerne und zahlreich besucht werden. »100 Jahre Werkbund« (2007) vermittelte so einen umfassenden Hintergrund, die Bemühungen des heutigen Werkbundes mit seinem mittlerweile gescheiterten Versuch zu verstehen, anlässlich des hundertjährigen Bestehens eine neue Werkbundsiedlung in München zu errichten, die sich in den Kontext der alten Werkbundsiedlungen stellen sollte. Diese thematischen Ausstellungen wechseln sich mit »Architektenausstellungen« ab, die zum Beispiel die Werke von Otto Steidle, Diener&Diener oder aktuell Sep Ruf (siehe Seite 65) retrospektiv darstellen.
Wesentlich kleiner als das Architekturmuseum, jedoch nicht weniger engagiert, betreibt die Architekturgalerie München als ehrenamtlicher Verein unter seiner Vorstandsvorsitzenden Nicola Borgmann die Architekturvermittlung. Ohne öffentliche Geldgeber, auf Sponsoring angewiesen, finden jedes Jahr ein gutes Dutzend Ausstellungen und Buchpräsentationen statt. Über Einzelsponsoren hinaus konnte mit Martin Schnitzer (Graphisoft München) ein großzügiger Sponsoringpartner gewonnen werden, der die unabhängige Galeriearbeit auch kontinuierlich fördert. Neben internationalen Größen wie Norman Foster und Marcel Meili, Markus Peter Architekten, die beide Ende dieses Jahres in die Architekturgalerie kommen, zeigt man Münchener Büros wie Hild&K, Goetz und Hootz oder bogevischs büro, die die Galerie nicht nur als Ort zur Ausstellung ihrer Projekte verstehen, sondern den Raum selbst in ein Exponat verwandeln.
Auch die Landschaftsarchitektur und die Architekturfotografie, zum Beispiel mit Florian Holzherr über Donald Judd, sind hier zu finden, aber auch thematische Gruppenausstellungen zu Themen wie »abgerissen« mit Michael Heinrich, Sigrid Neubert, Klaus Kinold, Myrzik und Jarisch und weiteren. Ergänzt werden diese Ausstellungen von Präsentationen aktueller BDA-Preisträger oder junger Architekten (»next münchen«). Wer sich weniger personenbezogen mit Architektur und Stadtentwicklung beschäftigen möchte, kann auch in der Rathausgalerie fündig werden. Deren Schwerpunkt liegt zwar eigentlich auf der Gegenwartskunst der Münchner Künstlerinnen und Künstler, doch wenn temporär keine Kunstausstellungen stattfinden, werden hier wichtige Vorhaben der Stadtplanung ›
› und künstlerische Auseinandersetzungen mit der Stadt vorgestellt, so vor Kurzem in der Reihe »Zukunft findet Stadt« mit »stadtzeitjetzt«, einem »emotionalen Stadtplan« der Künstlerin Karin Bergdolt.
Dazu kommen noch die Räume des »Plantreffs«, bei dem man sich über die aktuellen Aktivitäten des Planungsreferates informieren und unter dem städtischen Motto »mitdenken-mitreden-mitplanen« auch einbringen kann. Ebenso nutzen das Baureferat und die Oberste Bau- behörde sowie die Architektenkammer ihre Foyers zu Ausstellungen über für sie relevante Themen wie das Wettbewerbswesen, die internationale Architektur und geförderte Experimente im Städtebau.
Events
Neben diesen Einzelveranstaltungen findet seit 2002 alle zwei Jahre die »Architekturwoche München« statt. Mittlerweile schon zum vierten Mal besetzt diese Gemeinschaftsproduktion von Architekten und Institutionen (Bau-, Planungs- und Kulturreferat, Architektenkammer und Oberste Baubehörde unter Federführung des BDA) eine Woche lang Orte und Themen innerhalb der Münchner Architektur. War man bei der ersten Architekturwoche noch Gast in der Baustelle des alten Hofes, bezog in der zweiten die mittlerweile abgebrochenen TU-Bauten von Franz Hart gegenüber der Pinakothek und fand 2006 eine temporäre Heimstatt im Haus der Kunst, ist man mittlerweile mit der Veranstaltung in der königlichen Residenz angekommen. Die Organisatoren wollen innerhalb der Architekturwoche weitere Kreise auch außerhalb der Berufskollegen für aktuelle Architekturthemen – nicht nur Münchens – interessieren und versuchten, in diesem Jahr vor allem das Verhältnis zur Nachkriegsmoderne und den zukünftigen Umgang mit diesen gebauten Zeitzeugen zu diskutieren. Dabei zeigte sich auch hier, dass es in München durchaus ein aufgeschlossenes und an Architektur interessiertes Publikum gibt, das zahlreich zu diesen Veranstaltungen erscheint und an den angebotenen Führungen gerne teilnimmt.
Zu viel Szene?
Bei diesem regen »Szeneleben« bleibt es nicht aus, dass ab und zu spitze Zungen behaupten, bei der Fülle der Veranstaltungen könne man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass allein die Quantität Besucher und vielleicht auch die Macher überfordern könnte, und es fraglich sei, ob es tatsächlich so viele unter den Nägeln brennende Themen gäbe, dass jeweils eine Sonderveranstaltung oder Diskussionsrunde dazu abgehalten werden müsste. Vielleicht wäre tatsächlich manchmal etwas weniger etwas mehr, was gerade bei nicht beliebig vermehrbaren Budgets und Sponsorenmitteln auch die qualitativen Möglichkeiten der übrigen Veranstaltungen erweitern würde. Vielleicht könnten sich die Protagonisten zum einen besser abstimmen, wer welche Themen am sinnvollsten besetzen und ausfüllen sollte und zum anderen klären, ob alles, was Architekten gerade so umtreibt, umgehend an die große Öffentlichkeit muss. Und vielleicht könnte man dann den wichtigsten Themen den Raum und die Zeit einräumen, den ein substanzieller Diskurs benötigt. An dieser Stelle wären auch die Münchner Hochschulen gefragt, sich mit ihrer Ausstattung und ihren Möglichkeiten stärker in der inhaltlichen Diskussion zu positionieren. Da reicht es dann vielleicht nicht, wenn zu einem Hochschulsymposium einmal die ganze Welt zu zwanzigminütigen Kurzvorträgen eingeladen und damit das Jahresbudget eines Großsponsors für die gesamte Architektenszene an einem Tag verjubelt wird. Aber bei aller berechtigten Kritik sollte man die Kirche im Dorf lassen und sich darüber freuen, dass vielleicht gerade diese engagierte Vielzahl und Konkurrenz der Veranstaltungen eine lebendige Architekturszene und durchaus relevante Auseinandersetzung mit Architektur in München erzeugt. •
Der Autor ist Münchner, lebt und arbeitet in München als Architekt, lehrt und forscht an der TU Kaiserslautern.