Architekten verlieren ihre Scheu vor Bunkern

Monster mit Seele

Sie retteten Leben, schützten vor Bomben, verbanden Angst und Hoffnung hinter meterdickem Beton. Hier tuschelten, flüsterten, zitterten Menschen, hielten sich im Dunkeln an den Händen und beteten. Hochbunker waren Rettungsinseln in den zerstörten Städten. Nach dem Krieg wurden sie nutzlos, standen wie tonnenschwere Fremdkörper mitten im Wiederaufbau. Hässliche Erinnerungen an Krieg, Zerstörung und Vergangenheit.

Daran hat sich bis heute nicht viel geändert. Bauämtern und Anwohnern sind die Betonklötze noch immer ein Ärgernis. Auch für den Zivilschutz werden sie seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion nicht mehr gebraucht. Rund 6000 Betonriesen entstanden in Deutschland seit 1940 auf Befehl Hitlers. Wie viele davon noch stehen, weiß keiner so genau. Neben dem Bund gehören viele Anlagen den Kommunen, etliche wurden abgerissen oder verkauft. Auf manchen wird geklettert, andere dienen Rockgruppen als Proberaum oder der Ausbildung von Rettungshunden. Und es scheint, als würden auch die Architekten langsam die Scheu vor den Betonkolossen verlieren.
Der Hochbunker in Köln-Nippes war einer dieser gigantischen Klötze. Im Zweiten Weltkrieg fanden hier die Arbeiter des nahen Eisenbahnausbesserungswerks und ihre Familien Schutz. Rund 2000 Menschen drängten sich in den karg möblierten, fensterlosen Zellen, geschützt durch 1,10 Meter starke Außenwände. Bombensicher ist der Bunker heute nicht mehr, dafür aber umso komfortabler. Denn aus dem 45 Meter langen, 15 Meter breiten und 7,5 Meter hohen Betonquader ist ein licht- und luftdurchflutetes Wohnhaus geworden. Wie ein Bergmassiv hat das Kölner Büro Luczak Architekten den Betonklotz ausgehöhlt, Wände und Decken aufgeschnitten und sechs zweigeschossige Stadthäuser herausgeschält. Rund 5000 Tonnen Beton verlor der Bunker dabei.
»Wir wollten dem Gebäude das Wehrhafte, Bedrohliche nehmen«, sagt Architekt Thomas Luczak. Über raumhohe Fensterfronten, Oberlichter und zweigeschossige, überkopfverglaste Atrien dringt Licht bis tief ins Innere. Auch wenn die meisten Wände weiß verputzt wurden: Ihre Dicke wird erst jetzt spürbar, weil es zuvor – außer wenigen, schmalen Lüftungsschlitzen – keine Öffnungen gab. An manchen Stellen sind noch Schnittkanten sichtbar, nackter Beton und Bewehrungseisen. Robuste, natürliche Materialien prägen den Innenraum: Eichenparkett, mit Holz und Steinzeugfliesen ausgekleidete Küchen und Bäder. Jedes der Lofts hat einen kleinen Garten sowie einen direkten Zugang zur Tiefgarage und bietet damit eine Alternative zum suburbanen Einfamilienhaus und der Flucht vor engen Geschosswohnungen. Dabei war die Werkstattstraße 9 zuvor nicht gerade eine Top-Adresse. Am Rande des begehrten Wohnorts Nippes in einem etwas heruntergekommenen Viertel aus den sechziger Jahren gelegen, ragte der Bunker ungelenk ins Blockinnere. Die neugewonnene Wohnanlage wertet das Quartier deutlich auf. Straßenbegleitend legt sich ein viergeschossiger Querflügel wie ein Tisch über den Bunkerkopf und schließt die in den Block geschlagene Wunde. Insgesamt entstanden 17 Wohnungen, jede mit einem anderen Grundriss, zwischen 71 und 234 m² groß, für Preise von 2300 bis 2500 Euro pro Quadratmeter. Allein die Betonarbeiten für das 5,1 Millionen Euro teure Projekt dauerten dreieinhalb Monate und verschlangen zehn Prozent der Bausumme. 20 Meter lange, diamantbestückte Seile wurden durch den Beton gezogen. Mitunter dauerte es einen Tag, bis ein Stück Außenwand fiel.
Dagegen ist der Bunkeraufbau im Frankfurter Osthafen ein Leichtgewicht. Das Frankfurter Büro Index-Architekten setzte einem Hochbunker aus dem Zweiten Weltkrieg eine zweigeschossige Holzbox auf. Wie ein Container, der mit einem Kran abgesetzt wurde, ragt die Box vier Meter über den Bunkerrand. Ein Bild mit Symbolcharakter: Denn zwischen Stahlkränen, Silos und Gleisanlagen entstehen im Osthafen rund ein Dutzend Großprojekte – Büros, Hotels, Clubs, Läden und Ateliers, die erweitert, um- und neugebaut werden. In den Bunkeraufbau zogen Künstler und Kulturschaffende ein sowie das Institut für Neue Medien. Die Mieten für die Ateliers liegen zwischen drei und fünf Euro pro Quadratmeter und werden von der Stadt zu knapp zwei Dritteln subventioniert. Regelmäßig finden Vorträge, Ausstellungen und Symposien statt. »Wir haben den Kulturbunker auch als sozialpolitisches Projekt verstanden«, sagt Architektin Sigrun Musa. »Viele innerstädtische Bunker stehen leer. Sie bieten den Kommunen eine gute Möglichkeit sozial-kulturelle Räume anzubieten.«
Die einfache, etwas ruppige Architektur der Box entspricht ihrer Nutzung: Wo gezeichnet und gehämmert wird, braucht es kein Parkett. Stattdessen weiß verputzte Gips- kartonwände und Spanplatten am Boden. Neben einem bestehenden Treppenturm erschließt eine Stahlstiege den Bunkeraufbau. Rund um die Holzbox führt ein Laubengang, über den die Architekten einen Gitterrost aus verzinktem Stahlrohr stülpten; nur die Kopfenden der Box blieben offen. Der Stahlkäfig dient als Absturzsicherung und Sonnenschutz. Steht man direkt vor dem Bunker, so verschleiert er die Holzfassade geheimnisvoll und passt sich der anthrazitgrauen Bunkerwand an. Erst von der gegenüberliegenden Uferseite wird die Box erkennbar, die wie ein frecher kleiner Parasit selbstbewusst auf dem Betonklotz sitzt. Noch immer sind Bunker Zeugnisse des Krieges, doch ihren Schrecken haben sie längst verloren. In Düsseldorf verwandelte sich einer der Betonriesen in ein Gotteshaus. In München bauten die Architekten und Designer Uwe Binnberg und Donata Eberle einen achteckigen Schutzturm zu einem Luxus-Loft um. Den Bunker in der Reinhardtstraße in Berlin möchte ein Kunstsammler als Ausstellungsraum nutzen. – Und ihn am liebsten genauso lassen, wie er ist.
Ob authentischer Umbau, radikale Verwandlung oder selbstbewusste Aufstockung – die Konzepte, Bunker mit neuer Bedeutung zu füllen, sind so vielfältig wie grundverschieden. Jeder Umbau ist auch ein Experiment. Michael Brüggemann