Mausoleum mit blauem Näschen

Das Deutsche Romantikmuseum in Frankfurt a. M. muss ein »Museum von Weltgeltung« werden, sagt Anne Bohnenkamp-Renken, Literaturprofessorin und Direktorin des Kulturinstituts »Freies Deutsches Hochstift«, und

~Enrico Santifaller

verweist auf ähnliche Einrichtungen in Weimar, Wolfenbüttel und Marbach, wo Aufklärung, Klassik und literarische Moderne weltbekannte Häuser hätten. Das Hochstift betreibt das Goethehaus, in das jährlich Tausende Touristen v. a. aus Ostasien strömen. Nun soll auch die »einzigartige« Sammlung, die Handschriften von Novalis bis Eichendorff und Meister Goethe selbst umfasst und zu denen bis dato höchstens ausgesuchte Wissenschaftler Zugang haben, zusammen mit Gemälden und Gebrauchsgegenständen aus der Epoche der Romantik präsentiert werden. Als der Börsenverein des Deutschen Buchhandels aus dem Gebäude südlich des Goethehauses auszog, startete Bohnenkamp-Renken eine Kampagne, die 6,2 Mio. Euro Spenden einbrachte und Bund, Land sowie Stadt überzeugte, das Projekt zu unterstützen. Mitte Mai wurden die ersten Baupläne vorgestellt.
Nun ist die Bankenmetropole eine Stadt von Krämern und Kaufleuten. Und wenn diese sich durchsetzen, wird alle Romantik zu heißer Luft. Auf dem 50 x 50 m großen Geviert südlich des Goethehauses soll nach dem Abriss des bestehenden Komplexes (nur der denkmalwürdige Cantatesaal bleibt erhalten) nicht nur ein Museum entstehen, sondern zusätzlich auch die »Goethehöfe«, wie das Projekt aus Marketinggründen genannt wird, mit rund 30 hochpreisigen Mietwohnungen, einem Café mit 70 Sitzplätzen und einem Theaterbetrieb – alles um ein Geschoss höher ausgeführt als der jetzige Bestand. Bauherr ist die ABG-Holding, an der die Stadt Frankfurt 99,99 % hält. Die ABG will das Romantikmuseum spätestens 2018 schlüsselfertig und kostentreu dem Stift übergeben. 35 Mio. Euro sollen die Goethehöfe kosten, 16 Mio. davon das Museum.
Wegen dieser 0,01 % Fremdbeteiligung konnte die Holding ein beschränktes Verfahren ausloben – mit fataler Konsequenz und Begleitumständen, die externe Gutachter als »unglücklich« werten. Die Jury vergab drei 2. Preise, empfahl deren Überarbeitung und erklärte den Wettbewerb für abgeschlossen. Im zweiten Preisgericht, das die Überarbeitungen zu beurteilen hatte, befanden sich dann keine freien Architekten mehr. Die Laienjury kam zu einer »Frankfurter Lösung« und teilte die Goethehöfe durch zwei: Städtebau, Wohnungen, Café und Bühne übernimmt der Frankfurter Architekt Michael A. Landes, das Museum Christoph Mäckler. Pikanterie am Rande: Mäckler war bis 2013 Mitglied im Hochstift-Verwaltungsrat. Dessen ungeachtet schloss die ABG beide Architekten zu einer »Planungsgemeinschaft« zusammen, in der es aber ganz ungemeinschaftlich zugehen soll. Zwei erfahrene, vom Stift als externe Berater hinzugezogene Planer sollen nach lautstarken Auseinandersetzungen gekündigt haben. Zur Pressekonferenz, auf der die Pläne präsentiert wurden, wurden die Architekten per E-Mail ausdrücklich ausgeladen. Das sei »so üblich«, erklärte ABG-Vorstand Frank Junker ein wenig hüftsteif. Und was dann vorgestellt wurde, ist entgegen aller offiziellen Hymnen ziemlich peinlich. Das Näschen an der Straße, ein auf Novalis‘ blaue Blume der Romantik anspielender Erker mit verschieden blauen Glasscheiben, mit dem Mäckler v. a. beim Hochstift, aber auch bei den Freunden der neuen Altstadt punktete, ist geblieben. Sonst aber präsentiert sich das künftig einzige Romantikmuseum hierzulande nicht als selbstbewusster Bau, sondern macht sich klein. Augenscheinlich wird in Mäcklers Zeichnungen die seinen Entwurf offenbar beherrschende Angst, mit dem Museum das Goethehaus zu dominieren. Wobei dieses keine Originalsubstanz, sondern ein 1951 unter heftigen Auseinandersetzungen entstandener Nachbau des 1944 zerstörten Hauses ist. Hinter der fiktiven Dreiteilung des Gebäudes an der Fassade steckt ein Museum. Mit großer Eingangshalle, mit flexiblen, aber wegen der empfindlichen Exponate tageslichtlosen Räumen und einer »Himmelsleiter«, die dem Entwurf von Volker Staab abgeschaut ist. Dieser hatte einen der 2. Preise gewonnen, wurde aber später von der Laienjury ausgeschieden. Mäcklers Hoffassade präsentiert sich als Mausoleum: eine bis auf das EG fensterlose, nackte Wand. Den Anspruch der Weltgeltung wird dieser krampfige Kniefall vor der hierzulande derzeit modischen Historienseligkeit wohl kaum einzulösen vermögen. Man kann nur hoffen, dass die Präsentation in den Räumen des Romantikmuseums deutlich überzeugender sein wird.
Etwas weniger Ambition, dafür großzügige Urbanität wird man dagegen künftig im Hinterhof des Romantikmuseums genießen können – den einzig öffentlich zugänglichen Hof in der Frankfurter Innenstadt. »Ein Hauch von Arkadien« nennt Landes den von ihm verantworteten Hof. »Et in Arcadia ego« stellte Goethe seiner italienischen Reise voran, und die Goethehöfe mit ihren geplant 7 m hohen, nachts beleuchteten Arkaden scheinen als perfekte Reminiszenz – auch wenn die ABG ein Teil der Arkaden kappen will. Landes unternimmt den Versuch, das Romantikmuseum an der Straße mit der in der Tradition eines kritischen Volkstheaters stehenden »Fliegenden Volksbühne« im Hof zu einem Ensemble zu verknüpfen: als das kulturelle Herz Frankfurts mit zwei Kammern. Die »historisch einmalige Chance« für ein Romantikmuseum gelte es zu ergreifen, wird Bohnenkamp-Renken nicht müde zu sagen. Die Chance auf ein selbstbewusst auftretendes Museumsgebäude im urbanen Umfeld lässt sie sich dabei leider entgehen.
Der Autor studierte Geschichte und Soziologie. Er war Redakteur der Frankfurter Neuen Presse, der Offenbach Post und bei der DBZ. Seit 1994 ist er als freier Architekturjournalist und Autor tätig.