Machtdemonstration

Für das riesige Gelände an der Chausseestraße gab es nach der Wiedervereinigung Berlins zunächst keine Ver-

~Bernhard Schulz

wendung. Zu DDR-Zeiten hatte hier, direkt an der »Staatsgrenze«, das 1992 abgerissene »Stadion der Weltjugend« gelegen. Also, am Ende der Welt, und zwar von beiden Seiten der Mauer aus betrachtet. Als dann aber der Plan reifte und 2003 öffentlich wurde, die Zentrale des Bundesnachrichtendienstes aus ihrer Münchener Vorortlage herauszulösen und mitten ins bundeshauptstädtische Berlin zu verlegen, bot sich das um die 10 ha große Areal förmlich an. Der damalige Berliner Stadtentwicklungssenator Peter Strieder (SPD) hatte, wie sich zur Empörung der Opposition herausstellte, mit BND-Chef August Hanning bereits Grundstück und Verfahren ausgehandelt, als das Abgeordnetenhaus den Senatskurs lediglich noch absegnen durfte. Von dem noch im Jahr zuvor vom Parlament angeregten »Bieterverfahren für das Projekt ›Autofreies Wohnviertel‹« war keine Rede mehr. Fortan blieben die Auswirkungen des Riesengebäudes auf die innerstädtische Struktur in diesem jahrzehntelang vernachlässigten Stadtquartier undiskutiert.
Jan Kleihues, Prinzipal des Büros Kleihues + Kleihues, gewann das anschließende »Verhandlungsverfahren mit integrierter Mehrfachbeauftragung«, zu dem sechs Büros geladen waren. Auf der Basis des zuvor geänderten Flächennutzungsplans war diese neu ausgewiesene »Sonderbaufläche Hauptstadtfunktionen« mit einem Gebäudekomplex von maximal 300 000 m² BGF zu beplanen. 2007 begann der Bau – mittlerweile wird der Umzug der 4 000 dafür ausersehenen BND-Mitarbeiter (von insgesamt 6 500) erwartet.
Über die galoppierenden Kosten ist in der Öffentlichkeit bereits viel gerechtet worden, wobei das Ende der Fahnenstange auch bei den mittlerweile eingeräumten 1,4 Mrd. Euro (gegenüber ursprünglich berechneten 720 Mio.) bei Weitem nicht erreicht sein dürfte. Wie aber steht es mit der »Stadtverträglichkeit« eines Bauwerks, das bei Ausmaßen von 150 x 280 m nicht weniger als 260 000 m² BGF in neun OGs birgt, das sogar »eingetieft« werden musste, um eine Gesamthöhe von 30 m über Straßenniveau nicht zu überschreiten?
Was soll man sagen: Das ist schon ein arg großes Gebäude; übrigens das größte einzelne Bauvorhaben des Bundes in seiner gesamten Geschichte. Jan Kleihues hat die enormen Flächen, die sich konkret in kaum noch vorstellbare 5 200 Räume aufteilen, in ein vielflügeliges Ensemble gegliedert, dessen einzelne Trakte sich von einem längsgelagerten Erschließungsbauwerk aus verzweigen. An die Chausseestraße, der nördlichen Verlängerung der Friedrichstraße und heute wieder eine der wichtigsten Nord-Süd-Achsen Berlins, grenzen zwei symmetrische Torbauten, die den zurückgesetzten und durch die Eintiefung wie mit einem Schlossgraben geschützten Hauptbau optisch an die Straße anbinden. Ansonsten hält Abstandsgrün, von wie zufällig verteilten Kiefern durchsetzt, den neugierigen Passanten auf Distanz.
Der Jury, der mit dem damaligen Senatsbaudirektor Hans Stimmann der Matador des »Steinernen Berlin« angehörte, sagte die Kleihues’sche Rasterfassade mit stehenden Fensterformaten in gleichmäßiger Reihung zu. Dem Architekten hingegen sagt weniger zu, dass sich das Offenburger Büro Lehmann für einen der beiden Zusatzbauten auf dem Gelände, dem Besucherzentrum an der Südostecke, gleichfalls einer solchen Fassade bedient und es so zu enger gestalterischer Nähe kommt. Den anderen Zusatzbau im Nordosten hat Henn Architekten als Klotz von bemerkenswerter Schroffheit entworfen; ihm schließt sich das lamellenbekleidete Parkhaus für immerhin 600 Fahrzeuge an – im Übrigen die vielleicht größte städtebauliche Sünde, unterstreicht sie doch die Autarkie und Selbstbezogenheit des gesamten Komplexes. »Nach hinten raus«, wie der Berliner sagt, musste Kleihues nach Vorgabe des Auftraggebers Platz für weitere Gebäudeflügel lassen – noch ist der Umzug derjenigen 1 000 BNDler, die, um seinerzeit der CSU zu Gefallen zu sein, vorerst in Pullach verbleiben dürfen, nicht beschlossen. Aber man denkt voraus. Die Anschlussstellen für drei Gebäudeflügel sind als geschlossene Flächen an der ansonsten befensterten Fassade zu erkennen. Auf dieser Rückseite liegt auch ein kleiner Landschaftspark entlang des über viele Jahre hinweg Stück für Stück freigelegten Flüsschens Panke. Nun also ein bisschen Grün und Bachgeriesel auf 2,5 ha Fläche nach Entwurf des Büros bbzl – böhm benfer zahiri landschaften städtebau, womit – heißt es in der Jury-Begründung – »der starken und monumentalen Setzung des BND ein angemessener Raum gegeben« werde. Schöner kann man diese Maßstabssprengung kaum umschreiben.
Durch die enormen Abstandsflächen – und sie sollen ja tatsächlich jedermann, ob potenzieller Attentäter oder bloß neugieriger Passant, abhalten – ist eine Trutzburg inmitten der Stadt entstanden, die die durch den Mauerbau unterbrochene Verbindung zwischen den Bezirken Mitte und Wedding auf ewig zementiert. Wer, bitte, soll auf der gegenüberliegenden Straßenseite mit Blick auf Metallgitterzaun, Videokameras und Scheinwerfer wohnen wollen? Die vom BND gewünschte Nähe zu den Schaltstellen der Bundespolitik allerdings hat angesichts des amerikanischen NSA-Datenklaus eine ungeahnte Rechtfertigung gefunden: Vielleicht werden geheime Dossiers künftig handschriftlich verfasst und von Boten ins Kanzleramt verbracht?
»Wir haben es mit einer gigantischen Baumasse zu tun«, räumt Jan Kleihues freimütig ein. Er verweist auf die je nach Tageslicht in ihrer Farbigkeit changierenden Fassaden aus matt glänzenden Aluminiumblechen als wesentlichem Gestaltungselement. Und zitiert das Jury-Mitglied Arno Lederer, diesen Papst der Backsteinbaukunst, mit dem sinngemäß memorierten Ausspruch während der Preisgerichtssitzung: »Das Gebäude ist wie ein trockener Keks, auf dem man erst einmal herumkauen muss – dann wird er ganz süß.« Das, so Kleihues, habe die Juroren überzeugt. Besieht man sich die entgegen aller offiziellen Erfolgsmeldungen noch sehr zahlreichen, brach liegenden Grundstücke im Umkreis der BND-Zentrale, dann ist der Stadtteil noch arg mit Kauen beschäftigt.
Der Autor ist Redakteur im Kulturressort des Tagesspiegel, Berlin.