Deutsche Idealstadtpläne für China

Lingang: Stadt aus dem Tropfen geboren

Licht, Luft und Offenheit statt baulich verdichtet: Für die Satellitenstadt Lingang New City entwarfen von Gerkan, Marg und Partner einen Stadtgrundriss, der die Ideale der europäischen Stadt aufgreift und dessen Zentrum ein See ist. Doch wie werden europäische Stadtvorstellungen im Reich der Mitte aufgenommen?

~Falk Jaeger

Die Chinesen, das wissen deutsche Architekten inzwischen, sind für poetische Bilder zu haben. Ein Hochhaus gefällt ihnen besser, wenn es mit einem Tempel bekrönt ist, ein Konferenzzentrum, wenn es als Drachen daherkommt, ein Museum, wenn es die Form einer Muschel zeigt oder dreigeteilt die Triade Himmel, Mensch und Erde symbolisiert. Selbst der Plan einer ganzen Stadt findet leichter Akzeptanz, wenn er Formen von Lotosblütenblättern erkennen lässt. Und ohne die Kenntnis der Bedeutungen von Farben, positive, die zu verwenden sind oder negative, die unter zu meiden sind (Weiß ist die Farbe des Todes), wird man in China nicht erfolgreich sein können. Gleiches gilt für Zahlen (die Zahl vier klingt in der Aussprache wie Tod und wird bei den Geschosszahlen übergangen wie in Amerika die 13). Jedem Ding wohnt ein Geist inne, und diese Geister sind dem Chinesen nach wie vor wichtig.
Ein See als Stadtzentrum
Das deutsche Architekturbüro, das im Reich der Mitte die größten Erfolge zu verzeichnen hat und dessen dort mittlerweile aktivierte Bausumme locker im zehnstelligen Dollarbereich liegt, ist das Team gmp, von Gerkan, Marg und Partner aus Hamburg. Besonders Meinhard von Gerkan engagiert sich seit zwölf Jahren intensiv in China und hat mit seinen Partnern Stephan Schütz, Nikolaus Goetze und Wu Wei Büros in Peking, Shanghai und Shenzhen aufgebaut und das notwenige Netzwerk geknüpft. Bürokomplexe, Opernhäuser, Messegelände und das gigantische Nationalmuseum gehören zum Portfolio. Aber auch eine ganze Stadt für 800 000 Einwohner (nach aktualisierten Planungen sogar für 1,3 Mio.); doch so genau weiß das ohnehin noch niemand, denn langfristig wird wohl die ganze Jangtse-Ebene zwischen Shanghai und dem neuen Tiefseehafen zum Großstadtareal zusammenwachsen.
Lingang New City heißt die Retortenstadt auf aufgeschwemmtem Neuland 50 km südöstlich von Shanghai. Die Lage ist bewusst gewählt worden, da hier am Anfang der 28 km langen Donghai-Brücke hinaus zu den Inseln des neuen Tiefwasserhafens große Flächen für Infrastruktur, Handel und Industrie entwickelt werden und viele Arbeitskräfte angesiedelt werden müssen.
Für den Masterplan war von Gerkan eine poetische Metapher eingefallen, mit dem er im Wettbewerb punkten konnte: Ein Tropfen, der ins Wasser fällt und konzentrische Wellen hervorruft, verwandelte sich in den Videosimulationen zum Stadtplan: »Aus einem Tropfen geboren«, so die Entwurfsidee. Zentrum der Anlage ist ein kreisrunder See mit 2,5 km Durchmesser, dessen Funktion man mit der Hamburger Binnenalster vergleichen könnte. Gegliedert durch Straßenringe und in alle Himmelsrichtungen ausstrahlende Radialstraßen ordnen sich die Stadtquartiere als Kreissegmente konzentrisch um den See. Ein stringenter Idealstadtplan, wie man ihn seit Canberra 1912 und Brasilia 1956 nicht mehr gesehen hat.
Eine riesige Wasserfläche als Zentrum einer Stadt, die ohnehin am Meer liegt, das erscheint zunächst aberwitzig. Doch wer sich ans Ufer des Gelben Meeres begibt, erkennt sofort, mit diesem Strand ist kein Staat zu machen. Die Wattflächen laden nicht gerade zum Spazierengehen ein und das trüb-gelbe Wasser des Jangtsekiang nicht zum Baden. Kein Wunder, dass der mit klarem, gereinigtem Süßwasser gefüllte See im Zentrum von Lingang bereits als Freizeitattraktion gilt und von Seglern, Surfern und Anglern aus Shanghai gerne und stark frequentiert wird.
Die Zahl der Ortsansässigen indes hält sich in Grenzen. Eine Boomtown ist Lingang wider Erwarten noch nicht. Das Auffüllen des Plans mit Gebäuden verläuft für chinesische Verhältnisse sehr zögerlich. Etwa 180 Hektar von den 300 km² Planfläche sind bislang mit Wohnungen bebaut. Es gibt einige Bürohäuser, ein riesiges Rathaus, das nur Bezirksverwaltung ist, weil Lingang zwischenzeitlich in den Shanghaier Stadtbezirk Pudong eingemeindet wurde, ein Maritimes Museum, das erste Chinas, das mit geblähten Riesensegeln das weithin sichtbare Wahrzeichen der Stadt bildet. Beide Großbauten sowie verschiedene Verwaltungs- und Fabrikationsgebäude sind nach gmp-Entwürfen entstanden.
Doch die weiteren Bauausführungen entgleiten mehr und mehr dem Einfluss der Verfasser des Masterplans. Denn inzwischen machen sich die fundamentalen Unterschiede der deutschen und der chinesischen Planungskultur bemerkbar.
Die Realisierung eines Rahmenplans macht eine konsequente Bauaufsicht erforderlich. Doch in China werden die Regeln von starken Funktionsträgern und von gewieften Geschäftsleuten gemacht. Und da die Entwicklungsgesellschaft aufgelöst und die Genehmigungsbehörden nach Pudong verlagert wurden, haben die Architekten auch keinen mit dem Projekt vertrauten und dafür engagierten Ansprechpartner mehr. Grundstücksvergabe und Baugenehmigungen werden nun nach anderen, oft undurchsichtigen Mechanismen und marktkonformen Kriterien geregelt, und die stehen dem Plan entgegen. So kommt es, dass bei den Bürogebäuden die vorgegebene Stockwerkszahl zuweilen willkürlich überschritten wird und die sorgfältig bedachte Silhouette – mit architektonischen Hochpunkten an den Einmündungen der vom See aus strahlenartig verlaufenden Straßenachsen, die der Stadtsilhouette am Wasser Orientierung, Rhythmus und Spannung verleihen sollen – wohl nur in Teilen erlebbar sein wird.
Ein anderes Faktum haben die deutschen Planer unterschätzt. Chinesen wollen, warum auch immer in einer subtropischen Zone, in Südausrichtung wohnen. Nahezu alle Neubauten in der Stadt gehorchen diesem Wunsch. Für die kreisförmige Stadtanlage Lingangs bedeutet dies, dass die Bebauung sich nicht dem Zentrum zuwendet, sondern in vielen Kreissegmenten schräg zum Straßenraster angeordnet wird, mit den entsprechenden Problemen der Erschließung und der unbefriedigenden Gestaltung der Zwickel und Restflächen. Aber Wohnungen mit Ost- oder gar Nordblick lassen sich in China eben nur schwer verkaufen.
Ein weiteres Essential des gmp-Entwurfs hat keine Chance auf Realisierung. Shanghais Touristenattraktion ist der »Bund«, jene geschwungene Promenade am Ufer des Huangpo mit Bank- und Hotelgebäuden aus dem ersten Viertel des 20. Jahrhunderts, von dem aus die gegenüberliegende Postkartenansicht von Pudong zu sehen ist. Einen solchen »Bund« mit in der Regel siebengeschossigen, repräsentativen Büro- und Geschäftsbauten und Hotels schlugen die Planer auch für das Ufer des Lingang-Sees vor, eine Fassadenfront als attraktive Kulisse für die Uferpromenade, die urbanes Leben anziehen sollte. Doch die ersten Bauten, die nun dort entstanden sind, sind autistische Büroblöcke ohne Schaufassade zum Ufer hin und mit großen Abständen zu den Nachbarn. So entwickelt sich die Uferzone ähnlich wie das übrige Lingang, separiert in Quartiere durch bizarr vielspurigen (und derzeit völlig verwaisten) Straßen, auf denen Fußgänger fehl am Platz sind. Ein lebendiges, konzentriertes Stadtleben nach europäischer Manier lässt sich so nicht erzeugen. Dass sich diese Erkenntnis den chinesischen Partnern nicht vermitteln lässt und die Verantwortlichen die Chance nicht ergreifen, gehört für die deutschen Architekten zu den Unfassbarkeiten ihrer engagierten Arbeit in China. In einem Land, in dem die rigide Planwirtschaft umstandslos durch neoliberale Wirtschaftsentwicklung ersetzt wird, haben auch sinnvolle Planungsinstrumente wie eine detaillierte Stadtentwicklungs- und Bereichsplanung wenig Chancen. Man schätzt zwar auch in China die noch aus Kolonialzeiten stammende urbane Dichte Shanghais, aber in den zahlreichen Neuplanungen riesiger Städte wird der menschliche Maßstab aus den Augen verloren.
Im Gegensatz zur sehr verdichteten Innenstadt von Shanghai bildet das Zentrum von Lingang ein See. Die Wasserfläche eines Sees stellt in China, im Unterschied zur Wasserfläche des Meeres, ein Naturheiligtum dar, das deshalb, so kann man hoffen, auch in Zukunft nicht bebaut wird. So wird die Verdichtung von Lingang eher an der Uferpromenade, viel mehr noch an der Peripherie stattfinden. Der strenge Stadtgrundriss von Lingang kann dies vertragen, und die nun staatlich festgesetzte Verdichtung von 800 000 auf 1,3 Mio. Einwohner wird eher zur Belebung des Stadtbilds beitragen. •
  • Der Autor ist apl. Professor für Architekturtheorie der TU Dresden und lebt als Publizist und freier Architekturkritiker in Berlin.
  • Lingang auf Google Earth anzufliegen mit den Koordinaten: 30,900 121,937