Die Hamburger HafenCity im Jahr 2011

Licht und Schatten

Die Innenstadterweiterung auf ehemaligen Freihafenflächen wächst von West nach Ost und hat den Magdeburger Hafen, einen in Nord-Süd-Richtung verlaufenden Einschnitt, erreicht. Acht Jahre nach dem Beginn der ersten Bauarbeiten ist damit ungefähr die Hälfte der Entwicklung vollzogen. Einen ersten Zwischenstand dokumentierten wir in db 7/2008. Nachdem nun die Grundlagen für die Entwicklung städtischen Lebens gelegt sind, lohnt sich ein weiterer Blick auf Ergebnisse, architektonische Qualität, Schwierigkeiten und Erfahrungen.

~Claas Gefroi

Die Bebauung der HafenCity startete mit den acht Häusern am Sandtorkai, einem lang gestreckten, schmalen Uferstreifen am Sandtorhafen, dem ältesten künstlichen Hafenbecken Hamburgs. Hier wie im gesamten Projektgebiet gab es die typische Abfolge von Hafenbecken, Kaikanten, Kränen, Schuppen und Straßen. Diese Hafenstrukturen sind verschwunden, weil das niedrig liegende Marschgebiet um mehrere Meter erhöht wurde, um es vor Sturmfluten zu schützen. Die Warften bedeuten jedoch einen schmerzlichen Verlust von alter Infrastruktur und damit Erinnerungen an die Geschichte als Handels-, Wirtschafts- und Industriestandort – nur die Hafenbecken, die (sanierten) Kaimauern und wenige Gebäude wie die Kaispeicher A (heute: Elbphilharmonie) und B (nun: Maritimes Museum) und das alte Amt für Strom- und Hafenbau (demnächst: Markthalle) haben überlebt. Auf dem Sandtorkai stellt sich der Flutschutz als geschlossener Betonsockel dar, auf dem die Gebäude stehen und dessen Inneres Garagen enthält – nicht unbedingt ein Arrangement, das der Lebendigkeit förderlich ist. Auf der anderen Seite des Hafenbeckens, am Kaiserkai, sieht das schon erheblich besser aus, weil der breitere Kai für eine Uferpromenade genutzt und die Warftwand für einige Cafés geöffnet wurde. Bei Hochwasser lassen sich Fenster und Türen mit massiven Stahlschotten verschließen.
Die erhöhte Ebene ist hier zudem ein echter Stadtraum mit Straße, Quartiersplatz, Treppenanlagen Gebäuden in Zeilenanordnung und zum Wasser geöffneten u-förmigen Blöcken. Sandtor- und Kaiserkai gemein ist die kleinteilige Struktur mit einer Vielzahl von Gebäuden, die von unterschiedlichen Investoren und Architekten finanziert und geplant wurden. Das führt zu einer Heterogenität, die für die einen Ausdruck von Vielfalt und für die anderen von Beliebigkeit ist. In jedem Fall aber ist zu konstatieren, dass hier Leben herrscht: Die EG-Zone ist Geschäften vorbehalten, in der schmalen Straße und auf den Freiflächen tummeln sich bei schönem Wetter die Menschen. Hier wie an den zu Terrassen umgestalteten Kopfenden der Hafenbecken gefällt die hohe Qualität der von EMBT Miralles Tagliabue gestalteten Freianlagen, die heiter und beschwingt, manchmal allerdings zu zeitgeistig wirken.
An der Spitze des Kaiserkais (offiziell: Dalmannkai), der Innenstadt zugewandt, erhebt sich die Elbphilharmonie auf den backsteinernen Umfassungsmauern des Kaispeichers A. Allen Verzögerungen und Kostensteigerungen zum Trotz ist die stadträumliche und architektonische Wirkung dieser Dominante beeindruckend. Der kraftvolle Baukörper mit dem schwungvollen Dach ist außen fast fertig und zeigt nun seine lebhaften Glasfassaden mit den kiemenartigen Öffnungsflügeln und Balkonbrüstungen. Über das Innere mit seiner Mischung aus Konzerthaus, Hotel und Luxuswohnungen kann man profund erst in zwei, drei Jahren urteilen. Problematisch wird das Kommen und Gehen der Gäste: Die nächste U-Bahn-Haltestelle ist weit entfernt, die vielen Busse und Pkw müssen sich durch die kleine Quartierstraße oder über eine schmale Brücke quälen, für eine großzügige Vorfahrt fehlt der Platz. Es ist bedauerlich, dass die hier entlanglaufende neue U-Bahn-Linie keine Haltestelle direkt an der Elbphilharmonie erhielt.
Die HafenCity als Erweiterung der Innenstadt übernimmt augenscheinlich auch deren Primat des motorisierten Individualverkehrs mit all den Begleiterscheinungen: laute Durchgangsstraßen, zahlreiche Parkhäuser und Garagen als Anreiz zur Anfahrt mit dem Pkw, Verbannung der Radfahrer von der Fahrbahn. Und auch die Hafenfähren fahren bis auf Weiteres nur alle Viertelstunde einen einzigen Anleger ganz am Rande an. Oberbaudirektor Jörn Walter betont die fußläufige Distanz von 800 m zwischen Jungfernstieg und HafenCity, allein: Welcher Flaneur mag den an Bürogebäuden, Parkhäusern und sechsspurigen Verkehrsschneisen entlangführenden Weg ablaufen?
Die Kraft der Lage
Die Bereiche direkt an der Elbe sind beste Lagen. Am Strandkai entstand folgerichtig Hamburgs angeblich teuerste Wohnadresse, der Marco-Polo-Wohnturm (Behnisch Architekten, s. db 9/2010, S. 60); weitere »anspruchsvolle und innovative Wohnkonzepte« sollen nebenan folgen. Östlicher Nachbar ist Unilever mit seiner preisgekrönten Deutschlandzentrale (ebenfalls Behnisch, s. db 12/2009, S. 54-59). Die Idee, eine Konzernzentrale mit einem attraktiven öffentlichen EG zu verbinden, ist so gut, dass man sich fragt, warum dies nicht für die anderen Bürogebäude zum verpflichtenden Standard wurde. Der gesamte zentrale Uferstreifen entlang der Elbe und das südliche Überseequartier bleiben, entgegen ursprünglichen Planungen, frei von Wohnungen. Der Grund hierfür ist das immer noch fehlende (bisher durch einen temporären Bau vertretene) Kreuzfahrtterminal: Die Abgase der Schiffe, deren Maschinen auch während der Liegezeit laufen, sind hochgiftig und ziehen bei ungünstigem Wind in die angrenzenden Viertel.
Sind die westlichen Bereiche der HafenCity noch kleinteilig und multifunktional, so ändert sich dies weiter östlich: Der Maßstab wird größer, der Büroanteil steigt. Das Quartier Am Sandtorpark/Grasbrook bietet einen kleinen Park, aber rundherum liegen (bis auf eine Grundschule, s. db 4/2010, S. 56) nur Bürokomplexe, während der einzige Wohnblock des Areals an eine große Kreuzung grenzt. Immerhin wurde dort ein Teil des Karrees an eine Baugemeinschaft vergeben, was aber bislang – genauso wie vereinzelte Genossenschaftswohnungen – eine seltene Ausnahme im hoch- bis höchstpreisigen Stadtteil bleibt.
Ernüchterung
Das »Herz der HafenCity«, das zentrale Überseequartier, schlägt noch schwach. Das 8 ha große, komplett an ein Investorenkonsortium verkaufte Areal ist bislang nur in seinem nördlichen Teil mit Büro- und Wohnblöcken bebaut, deren EGs Einzelhandel vorbehalten sind. Insgesamt entstehen 124 500 m² Büros, 66 000 m² Einzelhandel und Gastronomie, aber nur 53 000 m² Wohnfläche (aufgeteilt in 340 Wohnungen) in einer dichten Packung, deren Maßstab die Geschäftsviertel der Innenstadt sind. Die teuren, aber abseits des Wassers und teilweise an schmalen Innenhöfen gelegenen Wohnungen und Büros sind größtenteils noch leer und auch die Ladenflächen harren der Besetzung mit »Flagshipstores« und »Innovationsmietern«. Hier zeigt sich das Überangebot von teuren Wohn-, Büro- und Einzelhandelsflächen. Fraglich bleibt, warum Shopper, die in der »alten« City bereits ein reichhaltiges Angebot finden, zum Einkaufen hierher kommen sollen. So macht die von Nord nach Süd mäandernde zentrale Achse, der als Fußgängerzone gestaltete (unter privatem Hausrecht stehende) Überseeboulevard, einstweilen noch einen abweisenden und verlassenen Eindruck; vielleicht ändert sich dies mit dem Umbau des Hafenamts zur Markthalle. Auch architektonisch ist der Nordteil kein großer Wurf: Die beabsichtigte Anknüpfung an das Kontorhausviertel ist nur am Backstein und den Blockausbildungen erkennbar; die gemauerten Lochfassaden wirken jedoch trotz einiger dramatischer Einschnitte und Auskragungen überwiegend austauschbar, flach und leblos. (Positive Ausnahme: ein Wohn- und Hotelblock von Böge Lindner, schlimm: der gestreifte und gekippte Wohn- und Büroblock Sumatra von Erick van Egeraat). Der im Bau befindliche Südteil sollte eigentlich von dem von Rem Koolhaas/OMA entworfenen Science Center gekrönt werden – ob es jemals finanziert werden kann, steht in den Sternen. Wirklich ärgerlich ist aber das Quartier Brooktorkai/Ericus: Gewaltige Bürogebäude (Spiegel-Zentrale, Ericus-Contor, Germanischer Lloyd) säumen den wichtigen Stadtteil-Eingang aus Richtung Hauptbahnhof. Ihr Maßstab und ihre Monofunktionalität werden weder dem Gegenüber Speicherstadt noch dem selbst gesetzten Anspruch der HafenCity nach einem »hohen Maß an Lebendigkeit« und einer »feinkörnigen Nutzungsmischung« gerecht.
Aus Erfahrung besser
Einen dringend notwendigen Kontrast könnte einmal das Oberhafenquartier bilden. Vis-à-vis der Großmarkthallen stehen an einem Hafenbecken alte Güterschuppen, die ursprünglich für eine Gewerbebebauung abgerissen werden sollten. Nach der Besetzung des Gängeviertels und Klagen Hamburger Off-Künstler über fehlende Atelierflächen sollen sie nun für ein Kultur- und Kreativquartier hergerichtet und ergänzt werden; die Flächen bleiben im Besitz der Stadt. Man zeigt sich also lernfähig – auch bei der Planung der östlichen HafenCity. Der Masterplan, der für das Areal rund um den Baakenhafen eine niedrige Dichte mit Reihenhaussiedlungen vorsah, wurde kürzlich überarbeitet. Im Prinzip entstand eine Kopie des Erfolgsmodells Kaiserkai: fünf- bis siebengeschossige Gebäude, aneinandergereihte halboffene Blöcke, aber endlich vielfältigere, günstigere Wohnangebote mit Baugemeinschafts- und Baugenossenschaftswohnungen und auch gefördertem Wohnungsbau. Der angesichts der Hamburger Wohnungsbaumisere dringend notwendige Kursschwenk wurde durch die Lage an einer lauten Durchgangsstraße und Fernbahntrasse sowie die relative Ferne zur Innenstadt erleichtert: Höchstpreise waren hier ohnehin illusorisch.
So fällt ein eindeutiges Urteil über den neuen Stadtteil schwer: Auf der städtebaulichen Ebene gibt es lebendige Quartiere mit kleinteiligen Strukturen genauso wie öde Areale, in denen sich ein Büroriese an den anderen reiht. Architektonisch entstand überwiegend moderat Modernes, mit einigen Ausschlägen nach oben und unten. Soziologisch betrachtet schränken bislang die überwiegend hohen Miet- und Kaufpreise das soziale Spektrum der Bewohner und die Vielfalt der Büromieter und Gewerbetreibenden ein. Licht und Schatten also. Überschwängliche Lobpreisungen sind genauso verfehlt wie pauschale Generalkritik. Am Ende entsteht hier wahrscheinlich nicht die Stadt des 21. Jahrhunderts, sondern in weiten Teilen einfach ein zeitgenössisches Eppendorf an der Elbe. Das ist okay – für Visionen und Soziales ist ja die IBA 2013 auf der anderen Elbseite zuständig. •