Letzter Solitär

Wer behauptet, Potsdam würde sich mit seinem bauhistorischen Erbe aus der DDR schwer tun, der neigt zur Untertreibung. Seitdem sich die brandenburgische Landeshauptstadt nach der Wiedervereinigung der weitgehenden Re-Barockisierung des Zentrums verschrieben hat, verschwindet dort ein Zeugnis der Nachkriegsmoderne nach dem anderen. Aktuell wird um die Zukunft des einstigen Restaurants »Minsk« gerungen. Nach jahrelangem Leerstand und dem Verlust seiner Ausstattung gibt das Haus ein trauriges Bild der Verwahrlosung und des Vandalismus ab. Der schlechte Zustand veranlasste die Brandenburgische Denkmalpflege denn auch, trotz der offensichtlichen baugeschichtlichen Bedeutung von einer Unterschutzstellung des Gebäudes abzusehen. Tatsächlich bildete das Minsk, das seinen Namen der weißrussischen Hauptstadt verdankt, im Zusammenklang mit der alten Schwimmhalle, die nun auch entsorgt wird, lange Zeit ein prägnantes Ensemble der DDR-Moderne am Potsdamer Brauhausberg. 1977 nach Entwurf von Karl-Heinz Birkholz fertiggestellt, war das Minsk mit seinen roten Backsteinflächen, den Aluminiumfenstern, Sichtbetonelementen und den weit in die Umgebung ausgreifenden Terrassen ein Unikat. Damit unterschied es sich von anderen Typenbauten der DDR-Moderne. Für eine Zukunftsperspektive des Minsk setzte sich nun eine bunte Mischung aus 35 Fachleuten in einem offenen Brief ein. Tatsächlich scheint Eile geboten. Nachdem 2014 eine Umnutzung des Gebäudes zur Kita durch den Landessportbund scheiterte, drohen nun Abriss und eine verdichtete Ersatzbebauung. Dagegen schlagen die Architekten Amelie Hummel und Falco Herrmann im aktuell laufenden Bieterverfahren Umbau und Umnutzung des Haues vor. Unter dem Titel »(re)vive minsk« planen sie, neben einem öffentlichen Café drei Wohnungen und 14 Maisonettes zu verwirklichen, die sich um ein neues Atrium gruppieren, das zur Belichtung in das Zentrum des tiefen Gebäudes eingeschnitten werden soll. Als charakteristisches Zeugnis der DDR-Architektur würde das Minsk so zu einem Beispiel eines Weiterbauens an der Moderne. Kolportiert wird, dass dieses Konzept für Potsdam einen deutlich geringeren Erlös nach sich ziehen würde. Allerdings könnte die Stadt mit dem Erhalt sichtbar beweisen, dass sie die DDR-Moderne noch nicht vollständig aus dem Blick verloren hat.

~Jürgen Tietz

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