Leserbrief

~Wolfgang Müller-Hertlein koplangruppe, Karlsruhe

zu db 1-2/2016, S. 40
Sehr geehrter Herr Bartetzky,
vielen Dank für die gute Besprechung des Erweiterungsbaus von jessenvollenweider architektur der Uhrenmanufaktur A. Lange & Söhne in Glashütte/Sachsen.
Gerade, dass Sie die Besonderheiten dieser »gewerblichen« Innenstadtentwicklung abheben von den gewöhnlichen, belanglosen Industrieerweiterungen der letzten Jahre und dass Sie die kluge Fassadenstrukturierung so sensibel beschreiben, hebt diese Kritik aus den üblichen Besprechungen hervor.
Ich denke, die starke Strukturbildung tut diesem Standort gut. Der braucht starke, zeichenhafte Gebäude und nicht industrielle UFOs. Gleichzeitig ist hier dennoch eine differenzierte Baumasse entstanden. Sie schreiben: »(…) Das niedrigere nimmt die Traufhöhe des gegenüberliegenden Altbaus auf, an den es mit einem Verbindungsgang über eine Straße hinweg andockt (…)«. Wenn man sich die Geschichte dieses Bestandsgebäudes mit axialem »Tympanon«, das zwischendurch auch einmal als Supermarkt oder Schnäppchenmarkt dienen sollte, anschaut, so ist die damalige Erhaltung und Umnutzung bereits ein kleines Wunder gewesen.
Als Stadtplaner war ich eine gewisse Zeit für die Stadt Glashütte u. a. in der »Unterstadt« tätig. Wir haben dort einen Bebauungsplan erstellt. Das Grundstück des Neubauteils an der Müglitz war übrigens ursprünglich ein Brauereigrundstück. Wir hatten diesem zunehmend zerfallenden großformatigen Gebäudeensemble städtebaulich wie bauhistorisch eine besondere Bedeutung zugemessen – auch über den physischen Bestand hinaus – und eine »Entscheidungsmatrix« für den prinzipiellen Umgang mit einem solchen Gewerbeensemble entwickelt.
Ich bin sehr froh, dass sich jessenvollenweider architektur so qualitätvoll und durchaus auf die vorbildliche Schweizer Art zurückhaltend mit dem genius loci dort im Tal auseinandergesetzt haben. Diese eminent städtebauliche Lösung sollte Schule machen.
Mit freundlichem Gruß


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