Lesen statt labern? Die Zukunft des ICC ist offen

Dass sich Berlin mit großen (Bau-) Projekten schwertut, mag man angesichts der immer neuen Volten rund um das Flughafendrama ja kaum noch erwähnen. Wer am Boden liegt, den darf man schließlich nicht mehr

~Jürgen Tietz

schlagen – nicht einmal verbal. Erstaunlich ist nur die Unverschämtheit, mit der die politisch Verantwortlichen in Brandenburg, dem Bund und v. a. in Berlin weiterhin versuchen, ihre eigene Verantwortung abzuwälzen. Doch Herausforderungen inkompetent und bräsig auszusitzen, statt sie klug zu bewältigen, hat hier Tradition. Das beweist ein anderes Großprojekt, das die Berliner Politik seit gut einem Jahrzehnt vor sich herschiebt: die Zukunft des 1979 eingeweihten »Internationalen Congress Centrums« (ICC) der Architekten Ralf Schüler und Ursulina Schüler-Witte.
Jetzt hat sich der mit internationalen Großprojekten von Deutschland bis China erfahrene Jürgen Engel von KSP Architekten mit einer Zukunftsstudie dieser Ikone der späten Moderne angenommen. Engels Idee beruht dabei auf dem Grundsatz »Minus mal Minus macht Plus«. Das versucht er auch auf das ICC anzuwenden. Denn einerseits mag die landeseigene Berliner Messegesellschaft ihr preisgekröntes ICC nicht mehr und baut sich stattdessen gerade ein »City Cube« genanntes neues Kongresshaus, andererseits ist der Berliner Senat seit Jahren nicht in der Lage, sich zu der teuren Sanierung des ICC durchzuringen, während er zugleich mit der lärmenden Beharrlichkeit eines Sechsjährigen, der unbedingt auf Papas I-Pad spielen möchte, am ehemaligen Flughafen Tempelhof eine neue Landesbibliothek errichten will.
Nun hat Jürgen Engel die ICC-Initiative ergriffen, indem er mit gewohnt verführerischer Bildmacht vorschlägt, kurzerhand das ICC in eine Bibliothek zu verwandeln. Das nennt man zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen! Engel möchte das aufgrund seiner hohen Betriebskosten (rund 20 Mio. Euro pro Jahr) und den großen Verkehrsflächen von seinen Betreibern ungeliebte Kongressgebäude in ein Plusenergiegebäude umwandeln. »Zu diesem Zweck wird die bestehende Gebäudehülle durch eine zweite Außenhaut ergänzt«, schreibt Engel unter dem Motto »Erhalt durch Transformation«.
Doch so verlockend der Vorschlag auf den ersten Blick vielleicht anmuten mag, er wird weder der Berliner Gemengelage gerecht noch der Bedeutung des ICCs. Mit seiner silbrig schimmernden Außenhaut liegt das Gebäude auch gut 30 Jahre nach seiner Eröffnung noch ebenso atemberaubend spacig an der Stadtautobahn, als stamme es aus der Raumpatrouille Orion. Darüber mag man architektonisch wie städtebaulich streiten – doch schmälert das nicht die Bedeutung des Bauwerks. Während des Kalten Kriegs errichtet, gilt das ICC als Symbol für das Vertrauen in die Freiheit der damals noch ummauerten Halbstadt West-Berlin. Der Wille zur Moderne spricht auch aus dem futuristischen Innenleben des Kongresszentrums. Samt Empfangstresen, Rolltreppen und Neonleuchten gehört das Gesamtkunstwerk ICC zu den wenigen international bedeutenden Gebäuden der High-Tech-Architektur und steht baugeschichtlich auf einer Stufe mit dem Centre Pompidou in Paris. Insofern kommt dem ICC gleichermaßen historisch wie architektonisch Denkmalbedeutung zu. Nur weil die Berliner Politik zu feige ist, ihm diesen Denkmalstatus auch de jure zu bestätigen, kann es nicht angehen, das Gebäude durch die Umnutzung zur Bibliothek in einen jener hohlen Vögel zu verwandeln, bei denen bestenfalls die äußere Anmutung in Teilen erhalten bleibt (s. dazu auch db 10/2005, S. 3).
Seit Jahren bemüht sich die immerhin landeseigene Berliner Messe darum, das ICC endlich loszuwerden und schafft sich mit dem »City Cube« ein neues Kongresszentrum mit geringerer Verkehrsfläche. Auch hier hat der Berliner Senat versagt, indem er den Neubau nicht an ein dauerhaftes Konzept zur weiteren Kongressnutzung des ICCs durch die Messe gebunden hat. Ganz nebenbei wurde für den Neubau auch das Baudenkmal Deutschlandhalle entsorgt. Soviel – einmal mehr – zur Vorbildfunktion des öffentlichen Bauherrn!
Betrachtet man die Diskussion um das ICC, gewinnt man den Eindruck, es handelt sich um ein Gebäude, das seit Jahren leer steht. Das Gegenteil ist der Fall: Das ICC ist ein international bestens gebuchtes, voll funktionsfähiges Kongresszentrum. Daran ändern auch die fraglos notwendigen Instandsetzungsmaßnahmen nichts. Für die Zukunft des Gebäudes muss daher gelten, was beim Bauen im Bestand grundsätzlich gilt: Die ursprüngliche Nutzung beizubehalten ist stets die sinnvollste Lösung. Jede Nutzungsänderung zieht neben erheblichen Eingriffen auch zwangsläufig Kosten nach sich. Insofern wird die Idee, das ICC in eine Bibliothek umzukrempeln, weder dem Gebäude noch seiner kulturgeschichtlichen Bedeutung gerecht. Dass es im Umgang mit dem baulichen Erbe der späten Moderne auch ganz anders geht, beweist dagegen die Ludwigsburger Wüstenrot Stiftung mit ihrer Machbarkeitsstudie für eine denkmalgerechte Instandsetzung und Reparatur des »Umlaufkanals des Instituts für Wasser- und Schifffahrtstechnik der TU-Berlin« des jüngst verstorbenen Ludwig Leo. Eine der grundlegenden Voraussetzung für die Instandsetzung ist die Zusage, dass das Institutsgebäude auch künftig seine alte Funktion beibehält. Ein besseres Vorbild für das ICC ist kaum denkbar!
Der Autor studierte Kunstgeschichte und arbeitet als Architekturkritiker und Buchautor in Berlin.